Uli Sckerl besuchte Weinheimer Privatgymnasium: Vertrauen zurückgewinnen - aber wie?
Weinheim. (cis) Man hat nicht jeden Tag einen Landespolitiker im Klassenzimmer. Doch wenn, dann wird das genutzt, um über Landespolitik, Jamaika-Koalition und Rechtsruck zu sprechen. So war es zumindest am Privatgymnasium Weinheim (PGW), als Grünen-Politiker Uli Sckerl am "Tag der freien Schule" zu Besuch war. Der stellte sich dabei als ehemals glühender Revolutionär vor, als überzeugter Grüner, aber auch als einer, der nicht alles, was seine Partei als Vorgabe herausgibt, mittragen will.
So sei die Legalisierung von Cannabis für ihn fraglich, jedoch sei die harte Haltung der Justiz bei der Strafverfolgung aus seiner Sicht nicht zielführend. Auch bei einem zweiten Thema liegt er quer mit seiner Partei: "Die Frage nach den Verbrennungsmotoren muss man im Dialog mit der Industrie klären", wischte Sckerl die Grünen-Marschroute eines Verbots bis 2030 vom Tisch und schlug mit diesem Thema auch den Bogen zu den Sondierungsgesprächen der Jamaika-Parteien. Der Verzicht der Grünen auf die Forderung sei ein Signal, das nun auch von die anderen aussenden müssten - im Sinne eines aufeinander Zubewegens. Sckerl: "Es geht um die Kunst des Kompromisses in der Demokratie." Trotzdem bedürfe es eines Festhaltens an Klimazielen, in deren Zusammenhang Sckerl den Ausstieg der USA aus dem Klimaschutzabkommen als "katastrophal" bezeichnete.
Ein großes Thema war für die Schüler der Kursstufe I der Rechtsruck in Deutschland. Der sei ein Phänomen, das in vielen Ländern Europas zu beobachten sei, so Sckerl. "Wir haben das Phänomen zu lange ignoriert", gab er sich selbstkritisch. Das auch vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise, bei der man nicht aufgepasst habe, als die Zustimmung in kritisches Beäugen und Ängste umschlug. Entsprechend müsse man handeln und die Wähler, die nicht aus Überzeugung, sondern aus Frust die AfD wählten - und zwar quer durch alle Sozial- und Bildungsschichten -, zurückgewinnen.
Für Sckerl heißt das, dass man ins Gespräch kommen muss mit denen, die sich von der Politik abgehängt fühlten. Das gelte auch für Weinheim. "Ich wohne im Westen Weinheims. Hier gibt es einen hohen Migrationsanteil und Konfliktpotenzial." Für ihn eine Chance hinzuhören, an welchen Stellen die Menschen der Schuh drückt. Er sagt an diesem Morgen auch, dass es darum gehe, dass die Menschen Politik nicht als etwas Abgehobenes erfahren. Er setzt auf Bürgernähe. Es motiviere ihn auch als Politiker, "etwas für Menschen tun zu können." Gefragt nach seinen Zielen gab sich der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Landtagsfraktion bescheiden: "Mit 66 Jahren ist das Ende des Politikerlebens in Sicht." Er strebe keinen Ministerposten mehr an, aber: "Wenn die Koalition gut arbeitet und etwas für die Menschen bewirkt, bin ich zufrieden."