Waldangelloch: Die "Schtratz" schließt nach über 92 Jahren
Von Christopher Benz
Sinsheim-Waldangelloch. Die Traditionsgaststätte "Zum Bahnhof", umgangssprachlich "Schtratz", stellte ihren Betrieb nach über 92 Jahren Gaststättenbetrieb in Müllers Hand zum 1. Juli ein. Dies ist keine Folge der Corona-Pandemie, Gastwirt Edgar Müller, 63 Jahre alt, geht vielmehr in den wohlverdienten Ruhestand. Ein Käufer des historischen Gebäudes an der alten Bahnstrecke, die einst von Waldangelloch bis nach Wiesloch führte, ist gefunden. Ob der neue Besitzer weiterhin Gäste bewirten oder eine Pacht ausgeben wird, ist noch offen.
Das Gebäude selbst wurde 1889 erbaut, fand als tatsächliche "Restauration zum Bahnhof" aber erst 1897 die erste Erwähnung in den Ortschroniken. Damals hatte gerade der aufwendige Bau der Zugstrecke von Wiesloch nach Waldangelloch begonnen. Im April 1898 zapfte schließlich August Hoffmann das erste Bier als Gastwirt und eröffnete somit eine der sieben Gastwirtschaften im Dorf. Nach 124 Jahren schließt sie nun, als vorletzte Vertreterin ihrer Art im Stadtteil.
In den Müllerschen Familienbestand ging das Gebäude im Jahre 1929 über, als Phillip Schorndorf die Gastwirtschaft von den Töchtern des Erbauers Karl Hoffmann kaufte. Im Jahr 1956 übernahm Metzgermeister und Wirt Hans Müller die Gastwirtschaft und richtete darüber hinaus eine Metzgerei ein. Das Gebäude ist seitdem aus dem Ortsbild nicht mehr wegzudenken.
Was in Zukunft jedoch vermisst werden dürfte, ist die Hausmannsküche: traditionelle Gerichte wie selbsthergestelltes Wellfleisch, die Schlachtplatte oder der Bahnhofsteller. Ebenso die unterschiedlichen Fleisch-Spezialitäten, die der Metzger zubereitete. Darüber hinaus natürlich die sommerliche Stärkung und Erfrischung im Biergarten direkt neben der plätschernden Angelbach. Die kulturellen Veranstaltungen von Edgars Sohn Timo, der immer wieder auch kleinen, regionalen Künstlern im extra dafür hergerichteten Festsaal eine Bühne bot, werden in Zukunft auch nicht mehr möglich sein.
Wehmütig blickt Wirt Edgar Müller auf sein Lebenswerk zurück. 27 Jahre war es ihm das wichtigste Anliegen, seine Gäste vollumfänglich zu versorgen. Sein Motto lautete: "Vom Schwein bis hin zum Schnitzel, alles aus einer Hand." Die meisten Gerichte waren regionalen Ursprungs, die Fleisch- und Wurstwaren bereitete er am Morgen eines jeden Arbeitstages selbst zu.
Gänzlich müssen die Waldangellocher in Zukunft aber nicht darauf verzichten. Müller führt die Fleischerei in direkter Nachbarschaft zum ehemaligen Restaurant weiter. Ihm ist es nach wie vor sehr wichtig, die örtliche Nahversorgung der Bürger sicherzustellen, auch über die Ortsgrenze hinaus. Der Kochlöffel wird auch nicht komplett an den Nagel gehängt: Das täglich wechselnde Tagesessen gibt es weiterhin in der Metzgerei, außerdem bleibt der Partyservice bestehen.
Abschiedsfeierlichkeiten konnten aufgrund der aktuellen Situation nicht stattfinden. "Dennoch bedanke ich mich ganz herzlich bei meiner Familie, meinen Angestellten und nicht zuletzt bei meinen Gästen", sagt Müller.