Ab Ende 2025 dürfen viele Rohstoffe nur noch in die EU, wenn für ihren Anbau kein Wald gerodet wurde. Wirtschaft und Handel warnen vor Lieferengpässen – Brüssel wiegelt ab. Ab Ende 2025 tritt eine neue EU-Regelung in Kraft, die den Import von Lebensmitteln einschränkt, für deren Produktion Waldflächen gerodet wurden. Händler und Produzenten warnen davor, dass Verbraucher die Rechnung zahlen könnten. Was steckt hinter der Verordnung? Die neue EU-Verordnung für "entwaldungsfreie Produkte" (EUDR) soll ab dem 31. Dezember 2025 gelten – und zwar nicht nur für tropische Regenwälder, sondern auch für europäische Waldflächen. Die Regelung verlangt von Unternehmen künftig eine Sorgfaltserklärung, dass für ihr Produkt nach dem 31. Dezember 2020 kein Wald gerodet oder geschädigt wurde. Das gilt für sieben Rohstoffe: Kaffee, Kakao, Palmöl, Soja, Rindfleisch, Holz und Kautschuk. Auch bestimmte Folgeprodukte dieser Rohstoffe wie Schokoladenriegel, Leder und Möbel sind erfasst. Weitere Waren könnten in der Zukunft folgen. Unternehmen müssen künftig exakt nachweisen, woher ihre Rohstoffe stammen – inklusive GPS-Koordinaten der Anbauflächen. Wer sich nicht an die Vorschriften hält, muss mit hohen Strafen von mindestens vier Prozent des Jahresumsatzes in der EU rechnen. Falsche Angaben können neben Geldstrafen auch Importverbote oder Produkt-Beschlagnahmungen nach sich ziehen. Sorgfaltspflichten der Importunternehmen Das neue Gesetz stelle sicher, dass gewisse für den EU-Markt bestimmte Schlüsselprodukte nicht länger zur Entwaldung und Waldzerstörung in der EU und anderswo auf der Welt beitrügen, hieß es aus Brüssel . "Viele internationale Studien sprechen eine klare Sprache: Für den Konsum an landwirtschaftlichen Erzeugnissen in Europa werden anderswo auf der Welt Wälder zerstört oder geschädigt. Entwaldungsfreie Lieferketten sind daher ein wichtiger Baustein für eine nachhaltige Landwirtschaft mit zahlreichen positiven ökologischen und sozialen Effekten", ist auf einer Internetseite der EU zu lesen. "Mit der Verordnung für entwaldungsfreie Produkte überwindet die EU Schwächen der bisherigen Regelung gegen illegalen Holzhandel und schiebt der globalen Entwaldung durch eigenen Konsum nach und nach einen Riegel vor. Sie kann daher als Meilenstein in Sachen Waldschutz gelten und anderen wichtigen Verbrauchermärkten der Welt als Anreiz dienen, ebenfalls entsprechende Maßnahmen zu ergreifen." Sorge vor Bürokratie und Preisschub Das Gesetz und sein Umfang sind jedoch umstritten. "Bürokratie ist das Hauptproblem für Unternehmen – noch vor hohen Steuern , teurer Energie und schlechter Infrastruktur", sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank , der "Bild". Er forderte, nur Importeure und nicht die gesamte Lieferkette zur Dokumentation zu verpflichten. Auch der Einzelhandel warnt vor einem massiven Aufwand. Ein Sprecher von Edeka sprach von Millionen zusätzlicher Sorgfaltserklärungen und einer komplizierten Erfassung der Geodaten. Dirk Heim von der Rewe Group erklärte gegenüber "Bild", die Auswirkungen auf die Preise im Supermarkt ließen sich derzeit aber nicht seriös beziffern. Martin Schüller von Fairtrade Deutschland rechnet mit hohen Kosten und möglichen Lieferausfällen, besonders bei Bio- und Fairtrade-Produkten. Die Vorschriften wirkten im globalen Süden wie "neokoloniale Fremdbestimmung", sagte er "Bild". Die Idee des Waldschutzes sei gut, so Schüller, doch die Umsetzung sei "kein Schritt zu mehr Fairness – im Gegenteil". Kaffeeindustrie unter Druck Auch die Industrie äußerte sich kritisch. Der Deutsche Kaffeeverband warnt vor Versorgungsengpässen und steigenden Preisen. "Derzeit erfüllen nur etwa 20 Prozent der Farmer die Anforderungen", sagte Geschäftsführer Holger Preibisch. Politische Strukturen in Anbauländern und fehlende digitale Schnittstellen erschwerten die Datenerfassung. Der Verband fordert eine Verschiebung – unterstützt von Herstellern wie Lavazza, Melitta, Darboven und Dallmayr. Darboven prognostiziert eine "klare Verknappung" von Rohkaffee und steigende Preise. Auch die Süßwarenindustrie sieht Risiken. "Wenn die Voraussetzungen für eine praktikable Umsetzung nicht gegeben sind, werden viele Rohstoffe aus Drittländern und daraus hergestellte Produkte in der EU nicht verkehrsfähig sein", sagte BDSI-Geschäftsführer Torben Erbrath. Die EU-Kommission widerspricht: Es gebe keine Anzeichen, dass die Verordnung Lebensmittelpreise antreiben werde. Man rechne mit "sehr begrenzten Auswirkungen" auf die Kosten der betroffenen Rohstoffe. Politik sucht Kompromisse Bundeskanzler Friedrich Merz hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in einem Brief aufgefordert, die deutsche Land- und Forstwirtschaft mit einer zusätzlichen "Null-Risiko-Kategorie" vom Anwendungsbereich des Gesetzes auszunehmen. Auch Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) plädiert dafür, da das deutsche Waldgesetz Rodungen verbiete. Zudem fordert er, die Anwendung der Verordnung um ein weiteres Jahr zu verschieben. Umweltorganisationen in Deutschland appellierten daraufhin in einer gemeinsamen Erklärung an den Kanzler, den Kurs nicht zu ändern: "Die EUDR ist ein zentrales Instrument zur Erreichung der europäischen Ziele für den Schutz der Biodiversität und des Klimas. Es geht um eine gemeinsame Zielsetzung, die uns alle verbinden sollte: die kurz- und langfristige Sicherung unserer Lebensgrundlagen", hieß es in einem Schreiben. Der Vorschlag der Bundesregierung einer "Null-Risiko-Klasse" für Deutschland wäre ein "Einfallstor für illegale Produkte in die EU mit negativen Folgen für heimische Unternehmen". Deutschland ist nach den USA der zweitgrößte Kaffeeimporteur der Welt. Hauptlieferländer sind Brasilien (30 Prozent) und Vietnam (20 Prozent).