Nach dem Supercup-Triumph des FC Bayern steht fest, dass Wunschspieler Woltemade nicht nach München wechselt. Davon könnte der Rekordmeister aber sogar profitieren. Aus Stuttgart berichtet Julian Buhl Nachdem Manuel Neuer die Franz-Beckenbauer-Supercup-Trophäe entgegengenommen hatte, war sie genau dort, wo sie nach dem Selbstverständnis des deutschen Rekordmeisters hingehört: in den Händen des FC Bayern . Im goldenen Konfettiregen reckte der Kapitän die silberne Trophäe in den Stuttgarter Nachthimmel, einige Mitspieler taten es ihm gleich. Kaum war der erste Jubel auf dem Podest über den 2:1-Sieg des deutschen Meisters gegen Pokalsieger VfB Stuttgart verklungen, rannten die Bayern-Stars los. Ihr Ziel: der Fanblock des Rekordmeisters neben dem Tor. An vorderster Front stürmte Neuzugang Luis Díaz mit der Trophäe in den Händen auf die Fans zu. Dort angekommen riss er sie erneut unter tosenden Jubelrufen nach oben. Neben und mit ihm feierten seine neuen Mannschaftskollegen. Leon Goretzka setzte sich dabei Bayerns Titel-Kakadu auf die Schulter. Dabei handelt es sich um eine Deko-Figur, die wohl ein Bayernspieler nach der Meisterfeier mitnahm. Auch Joshua Kimmich trug Bayerns neues "Feier-Biest" bisweilen mit sich herum. Auf der anderen Seite des Stadioninnenraums stand Nick Woltemade . Im VfB-Trikot konnte er dem Jubeltreiben der Bayern nur als unbeteiligter Beobachter und mit sehnsüchtigen Blicken folgen. "Die Akte Woltemade ist geschlossen" Es ist schließlich kein Geheimnis, dass es Woltemades erklärter Wunsch war, in diesem Sommer zum FC Bayern zu wechseln . In den vergangenen Wochen und Monaten hatten sich die Münchner intensiv um den Transfer bemüht, der die Schlagzeilen im gesamten Sommer bestimmt hatte. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, sich mit Stuttgart über die geforderte Ablösesumme von 75 Millionen Euro zu einigen, ist der Deal nun aber endgültig gescheitert . Stuttgarts Vorstandsboss Alexander Wehrle hatte bereits zu Beginn dieser Woche eine Deadline in dem Transferpoker ausgerufen, die mit Anpfiff des Supercups enden sollte. Dass es Wehrle damit ernst meinte, machte er bereits wenige Minuten vor dem Anpfiff mehr als deutlich. "Nick Woltemade spielt nächste Saison beim VfB Stuttgart, die Akte ist geschlossen", stellte Wehrle im Interview bei Sky unmissverständlich klar. "Das weiß auch Bayern München . Wir haben sportliche Ziele, die wollen wir erreichen. Wir mussten irgendwann sagen: Jetzt ist gut – und so ist es jetzt." Selbst wenn die Münchner die geforderten 75 Millionen Euro in den verbleibenden knapp zwei Wochen, in denen das Transferfenster noch geöffnet ist, bieten würden, sei ein Wechsel vom Tisch, betonte der VfB-Boss auf Nachfrage. Neuer schwärmt: "Er ist der Woltemessi" Im Mittelpunkt stand Woltemade während der Partie dann aber trotzdem. Vor allem Mitte der ersten Halbzeit, als er aus guter Position und kurzer Distanz frei vor Bayern-Torhüter Manuel Neuer zum Abschluss kam. Sein Schuss kam jedoch zu zentral aufs Tor und der Bayern-Kapitän konnte ihn so mit einem starken Reflex parieren (24.). Wer weiß, wie die Partie gelaufen wäre, wenn Woltemade hier nach Harry Kanes Führungstreffer (18.) den 1:1-Ausgleich erzielt hätte. Und wer weiß, ob das Transfertheater der vergangenen Wochen bei Woltemades vergebener Großchance zumindest irgendwo in seinem Hinterkopf nicht auch eine Rolle spielte. Auch Neuer wäre wohl lieber mit Woltemade als Teamkollegen in die neue Saison gestartet. Der Weltmeister von 2014 schwärmte jedenfalls in Anspielung auf Superstar Lionel Messi von Woltemades Fähigkeiten: "Das ist ein sehr guter Spieler, der auch der Woltemessi ist, der viel am Ball kann und unberechenbar ist." Warum Bayern von der Woltemade-Watschn sogar profitiert Auch wenn ein Wechsel nach München nun definitiv nicht zustande kommt, könnten die Bayern jetzt aber sogar trotzdem von der Woltemade-Watschn, die sie mit dem Veto des VfB bekommen haben, profitieren. Warum? Weil nach dem Ende der Hängepartie nun endlich Klarheit herrscht, die es dem Klub ermöglicht, sich wieder voll auf das Sportliche und neue Transferziele zu konzentrieren. Auf t-online-Nachfrage, ob diese neue Klarheit den Bayern jetzt tatsächlich möglicherweise helfen kann, sagte Sportdirektor Christoph Freund in den Katakomben der Stuttgarter Arena. "Es braucht immer drei Parteien, um einen Transfer abzuwickeln. Das war jetzt nicht der Fall, dass es eine Einigung gegeben hat." Das Werben um Woltemade sei ein langer Prozess gewesen, der von vielen Spekulationen begleitet wurde, so Freund weiter. "Wir sind ziemlich klar, in dem, was wir wollen und wo wir hinwollen." Neues Motto bei Bayern: Klarheit schafft Freiheit Das klingt schon ziemlich konkret und ganz nach folgendem neuem Motto bei Bayern: Klarheit schafft Freiheit. Den Namen Christopher Nkunku , der jetzt als Toptransferziel der Bayern gilt, wollte Freund zwar nicht kommentieren. Der ehemalige Bundesliga-Torschützenkönig von RB Leipzig , inzwischen beim FC Chelsea unter Vertrag, bringt aber zweifellos vieles mit, was die Bayern momentan suchen und brauchen. Er ist in der Offensive vielseitig einsetzbar – sowohl auf der Außenbahn, als Zehner oder auch im Sturmzentrum. Bereits im Winter hatten sich die Bayern um den 27-Jährigen bemüht. Damals scheiterte der Transfer aber an der geforderten Ablösesumme von rund 70 Millionen Euro. Nun könnte Nkunku wohl für deutlich weniger zu haben sein, dem Vernehmen nach für knapp die Hälfte. Kadertiefe als Schwachpunkt Dass Handlungsbedarf in Sachen Kaderplanung besteht, machte auch Torjäger Harry Kane deutlich. "Das ist wahrscheinlich der kleinste Kader, in dem ich in meiner gesamten Karriere bisher gespielt habe", sagte der Stürmer. Auch Neuer ergänzte angesprochen auf mögliche Neuzugänge, er habe "das Gefühl, dass noch etwas passiert". Das Vertrauen in die sportliche Führung um Max Eberl und Freund sei aber groß, dass "die auch ihre Hausaufgaben machen". Mit der Verpflichtung von Luis Díaz, der für 75 Millionen Euro vom FC Liverpool kam, haben sie das bereits getan. Allerdings räumte auch Freund ein, dass man zwar bereits "sehr viel Qualität" in der Offensive habe. "Aber natürlich sind wir von der Quantität her nicht so groß aufgestellt". Aktuell bereitet die Kadertiefe den Bayern noch Sorgen. Mit Díaz lieferte der Königstransfer des Sommers aber im ersten Pflichtspiel gleich das, was ihm in seiner ansonsten starken Vorbereitung bislang noch nicht gelungen war: sein Tordebüt für den FC Bayern. Mit seinem Kopfballtreffer erzielte er das wichtige und spielentscheidende zwischenzeitliche 2:0 (77.). "Wir wollten nicht die sein, die Ausreden haben" Abwehrspieler Jonathan Tah bewerte die Leistung seines neuen Teamkollegen als "top, überragend". Das habe man auch schon in den Testspielen gesehen, so Tah. Das Einzige, was da noch gefehlt habe, sei das Tor gewesen. "Ich habe ihm gesagt, wenn die richtigen Spiele losgehen, dann machst du die Dinger rein", sagte Tah und kündigte an: "Das war heute das erste Tor von vielen, die noch kommen werden." Für die Konkurrenz dürfte das wie eine Drohung klingen. Der Rekordmeister präsentierte sich trotz der kurzen Vorbereitung insgesamt bereits in einer bemerkenswert starken Frühform und sicherte sich so auch direkt verdient den ersten Titel der neuen Spielzeit. "Wir wollten auch zeigen, dass wir damit umgehen können. Dass wir nicht die sein wollen, die Ausreden haben. Sondern einfach abliefern und machen", erklärte Tah angesprochen auf die besonderen Umstände nach der Mini-Vorbereitung nach der Klub-WM in den USA. "Ich glaube, das haben wir mit der Leistung heute gezeigt." Auch Freund bezeichnete die Gegebenheiten als "speziell. Wir wussten, dass wir mit dieser kurzen Vorbereitung direkt gut starten müssen", sagte er: "Ich glaube, das war für diese kurze Vorbereitung fast das Optimale, was wir rausholen konnten." Zumindest auf dem Platz. Abseits davon kommt vor allem auf ihn und Eberl jetzt bei der Kaderplanung noch einige Arbeit zu. Der können sich die Bayernbosse dank der neuen Klarheit nun mit vollem Fokus widmen.