Es ist eine Sensation im Dax. Zum 150. Geburtstag seines Gründers Ferdinand fliegt Porsche aus der ersten Börsenliga. Nachrücker ist ein deutlich kleineres Onlineportal. Wie kann das sein? Platzwechsel in Deutschlands größtem Börsenindex, dem Dax. Scout24 ersetzt Porsche . Damit schiebt ein kleines, aber schnell wachsendes Onlineportal den weltbekannten Sportwagenhersteller beiseite. Und das am Gründer-Jubiläumstag. Da ist es fast eine Randnotiz, dass auch der Anlagenbauer Gea auf den Laborausrüster Sartorius folgt, der zweite Wechsel in der Börsenoberklasse. Bis zuletzt war es knapp, doch selbst die jüngste Kurserholung reicht für Porsche nicht. Am 22. September wird der Wechsel vollzogen. Seit Dezember 2022 war das Unternehmen im Dax. Trotz veritabler Krise macht es noch 40 Milliarden Euro Umsatz und verdient operativ fünf Milliarden Euro (2024). Dagegen nimmt sich die Bilanz von Scout24 regelrecht bescheiden aus: 566 Millionen Euro Umsatz, 348 Millionen operativer Gewinn (2024). Aber stark wachsend. Börsenwert entscheidend Aber darum geht es nicht bei der Entscheidung über einen Dax-Verbleib. Wenngleich der Gewinn eines Unternehmens eine Rolle spielt, um überhaupt erst einmal in den größten Börsenindex aufgenommen zu werden. Sondern es geht um den Börsenwert – das ist die Anzahl aller frei handelbaren Aktien multipliziert mit dem Aktienkurs. Und da sind die Wachstumsraten von Scout24 nicht unbemerkt geblieben. Die Aktie hat allein in diesem Jahr an der Börse 24 Prozent zugelegt, Porsche hingegen 23 Prozent an Wert verloren. Seit die Aktie am 19. Dezember 2022 in den Dax aufgenommen wurde, sind es sogar minus 54 Prozent. Gelitten hat: der Börsenwert. Der Indexbetreiber der Deutschen Börse, ISS Stoxx, hat in seinen Regularien festgelegt, dass man unter den 40 größten Titeln sein muss, um in den Dax zu gehören. Ausschlaggebend für die Bewertung ist der Wert der frei gehandelten Aktien an den letzten 20 Handelstagen im August. Da gibt es dann kein Pardon. Auch nicht, wenn sich eine alteingesessene Industrie-Ikone und ein aufstrebendes junges Digitalunternehmen gegenüberstehen. Die Frage nach der Nachhaltigkeit beziehungsweise Perspektive eines solchen Wechsels darf man dennoch stellen. Der Fall Delivery Hero Schon einmal war eine Onlineplattform, ein recht junges Unternehmen, im Dax: Delivery Hero . Als Plattform für Essenslieferdienste boomte das Geschäft in der Pandemie, so wie viele andere Onlinedienste auch. Und so rückte die Firma im August 2020 in den Dax. Anstelle von Wirecard . Der Finanzdienstleister Wirecard war wegen Betrugs und der damit einhergehenden Kursverluste aus dem Dax genommen worden. Bevor Delivery Hero in den Index aufstieg, machte die Bestell- und Lieferplattform gut eine Milliarde Euro Umsatz (Gesamtjahr 2019). Operativ schrieb das Unternehmen aber rote Zahlen. Vom 137-Euro-Rekord im Jahr 2021 sind heute noch 24 Euro übrig. Der Dax-Hype hat die Aktie damals enorm beflügelt. Weder zuvor noch danach war sie je annähernd so viel wert. Doch im Juni 2022 flog sie aus dem Dax. Dax-Hype von kurzer Dauer Nun heißt das nicht, dass Scout24 eine ähnliche Entwicklung nimmt. Der Kurs legt auch nicht erst seit den Dax-Spekulationen massiv zu, sondern bereits seit rund einem Jahr. Doch die zweite Börsenreihe, der Mdax, steht derzeit insgesamt recht schwach da. Das heißt: Es gab keine bessere Alternative für den Dax. In guten Zeiten steigen im Mdax die Kurse häufig stärker als im Dax, weil die kleineren Unternehmen oft noch niedrig bewertet sind und Luft nach oben haben. Außerdem sind da häufig Übernahmekandidaten mit guten Geschäftsmodellen zu finden. Doch in Krisenzeiten gilt das eher weniger. Und so war Scout24 langsam aber sicher reif für den Leitindex, weil Alternativen fehlen. Zur Wahrheit gehört auch: Das Unternehmen verdient mit seinen Portalen solide Geld. Beispiel: Immobilienscout24. Wer eine Wohnung sucht, sucht vor allem hier. Und wer die Inserate vor allen anderen einsehen und sich einen Vorsprung auf dem umworbenen Wohnungsmarkt sichern möchte, kauft ein Abo. Das ist bis zu 29,99 Euro im Monat teuer. Ein gutes Geschäft für Scout24. Gea kommt fast unbemerkt Bei all der Aufregung um Porsche sei aber nicht vergessen: Gea, Anlagenbauer aus dem Mdax, ersetzt künftig den Laborausrüster Sartorius. Gea ist erst seit einem Jahr eine Kursrakete, doch das reicht, da viele Aktien im Mdax in diesem Jahr ziemlich schwach daherkamen. Gea dagegen wächst, wenngleich verhalten, dennoch solide. Gerade gab es den größten Auftrag des Jahres: eine Milchpulverfabrik in Algerien . Perspektivisch hätte auch Lufthansa das Potenzial, in den Dax zurückzukehren. Die deutsche Airline war sogar eines der Gründungsmitglieder, hatte aber das Nachsehen, als die Commerzbank Ende Februar 2024 in die obere Börsenliga zurückkehrte. Doch es reichte nicht. Spekulationen lohnen sich nicht mehr Warum ist das eigentlich alles relevant? Nun, Fonds, die Indizes genau nachbilden, schichten entsprechend um. Kaufen also Gea, verkaufen Sartorius. Müssen sie. Auf die Auf- und Absteiger zu spekulieren, ist dagegen schwierig. Wenn die Indexentscheidung gefallen ist, ist die Messe sozusagen gelesen. Vermögensverwalter bringen sich schon viel früher in Stellung, etwa vier bis sechs Wochen, sobald sich solche Indexveränderungen abzeichnen, um noch möglichst günstig zu kaufen und vor eventuellen Kursrückschlägen der möglichen Absteiger diese zu verkaufen. Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis: Die deutsche Autoindustrie hat an Reputation und Relevanz verloren. War sie vor zehn Jahren noch die wichtigste Dax-Branche laut der Deutschen Bank mit einem Anteil von 19 Prozent, sind es jetzt noch 6 Prozent. Alle Autoaktien im Dax zusammen, inklusive Zulieferer, sind heute weniger wert als SAP allein. Und es ist nicht die einzige krisengeplagte Branche: Auch Chemie und Pharma haben es im internationalen Wettbewerb immer schwerer – mit entsprechenden Folgen an der Börse. Aber vielleicht läutet eine der nächsten Indexentscheidungen ja wieder ein Comeback ein. Es sollte allerdings die eigene Stärke statt die Schwäche der anderen ausschlaggebend sein, um sich langfristig im wichtigsten deutschen Aktienindex zu etablieren.