Russland ist viel näher, als man denkt
„Kommen Sie am Sonntag, am Samstag sind wir unterwegs“, sagt Karl-Heinz Wollner am Telefon. Der Samstag ist mit der alljährlichen Fichtelbergtour des Wandervereins Burgstädt ausgefüllt. Wollner hat mit seinen 83 Jahren den Hut bei der Kurzstrecke auf, die immerhin noch 13 Kilometer lang ist. Das sei vorausgeschickt, weil es in diesem Text um eine durchaus anspruchsvolle Reiseroute nach Russland geht, die nicht nur eine gewisse Planung voraussetzt, sondern auch ein Stresstest für den Körper ist. Karl-Heinz Wollner könnte als guter Maßstab gelten, worauf man sich dabei einlässt. Wenn er in seinem Alter fit genug dafür war, möchte man meinen, dann sollten das Jüngere erst recht sein. Aber der frühere Schul- und Hochschullehrer ist eben nicht nur bald 20 Jahre Rentner, sondern besser in Schuss als viele Nicht-Rentner.
Tourismus und Verwandtenbesuche
Anderntags sitzen wir also bei ihm im Wohnzimmer am Ende einer Straße in einer schönen Gegend von Burgstädt, einem Vorort von Chemnitz in Sachsen. Karl-Heinz Wollner könnte stundenlang von der Stadt erzählen, deren erster Nachwende-Bürgermeister er war. Aber unser Thema ist eine vierwöchige Russlandreise, die er mit seiner Frau unternommen hat, einer Russlanddeutschen. Ihre Eltern haben an der Wolga gelebt, bevor sie 1941 nach Sibirien vertrieben wurden. 2002 kam sie als Spätaussiedlerin nach Deutschland.
Von den vier Wochen war nun die Hälfte für Familienbesuche in der Kemerowo- und der Altai-Region reserviert. Davor fuhren die Wollners mit dem Kreuzfahrtschiff von St. Petersburg nach Moskau, ein touristisches Highlight, das früher auch große deutsche Reiseveranstalter im Programm hatten. Aber lange bevor es überhaupt losgehen konnte, war zunächst die Frage aller Fragen zu beantworten: Wie kommt man dort eigentlich hin?
Auf Umwegen oder direkt nach Russland
Die Zeiten, in denen eine ganze Reihe deutscher Städte per Direktflug mit Russland verbunden war, sind vorbei. Seit 2022 ist der gesamte Luftverkehr zwischen der EU und Russland eingestellt. Wer trotzdem das Flugzeug nutzen will, der muss also zunächst in ein Land fliegen, dass diesen Luftverkehr weiterhin unterhält. Unter den nicht gerade zahlreichen Destinationen in unmittelbarer Nachbarschaft der EU ist die mit Abstand populärste Option die Türkei. Doch während ein Direktflug zwischen Berlin und Moskau weniger als drei Stunden dauerte, ist es mit Umsteigen heute gern das Drei- oder Vierfache, wenn nicht gar eine Zwischenübernachtung erforderlich wird.
Die Preise für das One-Way-Ticket beginnen typischerweise bei ca. 300 Euro und variieren deutlich mehr nach oben als nach unten. Einen solchen Haken über Istanbul oder Antalya zu schlagen, muss indes nicht sein. Das liegt daran, dass Russland viel näher ist, als man gemeinhin denkt. Trennen Berlin und Moskau satte 1600 Kilometer Luftlinie, so sind es von Berlin nach Kaliningrad in der russischen Exklave an der Ostsee nur gut 500 Kilometer. Die Weiterreise von dort nach Moskau oder andere Zielorte in Russland per Bahn oder Flugzeug ist relativ preisgünstig.
Busse nach Kaliningrad oder Danzig
Das scheint sich herumgesprochen zu haben. Die Türkei-Alternative ist längst nichts Exotisches mehr. Bedient wird die Strecke in das ehemalige Königsberg unter anderem von EWS Omnibusse aus Stuttgart. Die Busfahrt von diversen deutschen Städten – jeweils ein bis zwei Mal pro Woche – kostet maximal 150 Euro, hin und zurück 270 Euro, wobei etwa ab Berlin auch Preise von 125/225 Euro ausgewiesen sind. Mit Ermisch TopTransfer aus Leipzig ist man im Kleinbus und zum Preis von 200 Euro (Nebensaison 180 Euro) unterwegs. Der Anbieter bewirbt diesen Service auch als „praktische und kosteneffiziente Option“, sich in Kaliningrad „qualitativ hochwertig“ medizinisch behandeln zu lassen. Arzttermine seien dort deutlich schneller zu bekommen als in Deutschland, bei deutlich niedrigeren Kosten.
Zum Sparpreis von 75 Euro nach Kaliningrad fährt Ecolines, einer der bekanntesten Namen im internationalen Linienverkehr. Mit dem täglichen Fernbus Stuttgart-Riga geht es zum Beispiel ab Berlin zunächst nach Warschau, wo der Umstieg Richtung Kaliningrad erfolgt. Noch weniger für die Beförderung berechnet Flixbus, fährt aber nur bis Danzig (Gdansk), die letzte Großstadt vor der polnisch-russischen Grenze. Das aber viermal täglich ab Berlin und zu Preisen, die selten 50 Euro übersteigen und oft sogar unter 30 Euro liegen.
Oder doch lieber mit dem Zug?
Allerdings sind Busfahrten von zehn und mehr Stunden nun auch nicht jedermanns Sache. In einem aktuellen YouTube-Video namens „Meine Reise nach Russland“ beschreibt Comedian Liza Kos ihre Nachtbuserfahrung von Berlin nach Kaliningrad als „unglaublich anstrengend“. Ihr habe am Ende „alles wehgetan“, erzählt die Bloggerin mit russischen Wurzeln, und sie sei letztlich sogar zu müde gewesen, um Kaliningrad zu besichtigen. Diese Art des Reisens könne sie „nicht weiterempfehlen“.
Damit sind wir wieder bei den Wollners, die sich das wohlweislich auch nicht angetan haben, obwohl ihnen das konsultierte Reisebüro in Leipzig eben diesen Nachtbus nahelegte. Stattdessen haben sie sich am Bahnhof in Burgstädt eine Zugfahrkarte nach Danzig gekauft, hinzu über Breslau (Wroclaw), zurück über Posen (Poznan). 300 Euro hat das insgesamt gekostet.
Das Auto blieb diesmal zu Hause
Im Zug reist es sich dann doch entspannter als im Bus, man kann sich die Beine vertreten, wann man will. Und durch den Zwischenhalt zum Umsteigen wurde die Fahrt so portioniert, dass sie umso erträglicher war. Nach der Ankunft in Danzig checkten die Wollners in einem Hostel direkt am Bahnhof ein, um am darauffolgenden Morgen einen Linienbus nach Kaliningrad vom Busbahnhof zu besteigen, der sich direkt gegenüber befindet.
Karl-Heinz Wollner war auch früher schon in Russland, das erste Mal 1967 mit Jugendtourist in Sotschi, das zweite Mal 1989 auf Silberhochzeitsreise mit seiner damaligen Frau. Er erinnert sich noch, wie die Zimmermädchen im Hotel sie damals vor den Fernseher holten, als die Nachrichten die Sensation verbreiteten: Ungarn hatte seine Grenze zu Österreich für DDR-Flüchtlinge geöffnet.
Im Vorjahr sind die Wollners auch schon mal in Kaliningrad gewesen, damals mit dem Auto. Die lange Fahrt hat ihnen nichts ausgemacht. Aber das Auto vier Wochen in Kaliningrad stehen zulassen, fand Karl-Heinz Wollner dann doch keine gute Idee. Deshalb blieb es diesmal zu Hause.
Warten an der Grenze, Flug verpasst
Von Danzig nach Kaliningrad sind es noch 160 Straßenkilometer, die wohl in rund zwei Stunden zurückzulegen wären, würde die Grenzkontrolle das Unternehmen nicht zum Glücksspiel machen. Im Fahrplan der drei Buslinien, die zum Ticketpreis von umgerechnet etwa 40 Euro auf der Strecke verkehren (700, 802 und 900), ist die Fahrzeit mit dreieinhalb Stunden veranschlagt. Das kann jedoch nur eine ungefähre Orientierung sein. Wie lange die Abfertigung auf den beiden Seiten der Grenze in Anspruch nimmt, ist im konkreten Fall völlig offen.
Die Wollners sind um 9 Uhr morgen in Danzig gestartet, für 18 Uhr hatten sie einen Flug von Kaliningrad nach St. Petersburg gebucht. Erreicht haben sie ihn nicht. Die polnische Grenze habe man sehr schnell passiert, an der russischen jedoch aus unerfindlichen Gründen stundenlang warten müssen, sagt Karl-Heinz Wollner. Man sei letztlich zwar noch zum Flughafen gefahren, aber der Schalter war schon geschlossen. Das machte eine zusätzliche Übernachtung in Kaliningrad erforderlich, für den nächsten Tag wurde ein neuer Flug gebucht.
Es hat sich trotzdem gelohnt
War es das wert? Ist Russland unter den jetzigen Umständen überhaupt ein lohnendes Reiseziel? Karl-Heinz Wollner will die Schwierigkeiten nicht zu hoch hängen. Man könne ja von vornherein in Kaliningrad noch eine Übernachtung einplanen, um nicht in Zeitdruck zu geraten. Zumal es in der Stadt und in der Umgebung mit Ostsee und Kurischer Nehrung ja durchaus viel zu sehen gebe.
Wollner spricht auch von der St. Petersburger U-Bahn, die sie begeistert habe, von eindrucksvollen Konzerten und von der Kreuzfahrt mit ihren Zwischenstationen wie der Klosterinsel Walaam und mit 16 Schleusen auf der Fahrt nach Moskau. Er habe schon immer wissen wollen, wie man in alter Zeit auf dem Wasserweg von St. Petersburg zur Wolga gelangen konnte. Das sei ihm nun klar geworden. Die Russlandreise habe seine „Erwartungen erfüllt“. Zusammen mit den Familienbesuchen habe man viel Reizvolles erlebt. „Das hat die gelegentlichen Probleme überwogen“, so sein Fazit.
Tino Künzel
Запись Russland ist viel näher, als man denkt впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.