Das ewige Leben: Medizintechnologien und Großpolitik
Die China-Reise von Wladimir Putin war beeindruckend. Der russische Staatschef wurde herzlich empfangen, die Medien berichteten über die fruchtbare Arbeit der russischen Delegation bei dem Gipfeltreffen, über die Entstehung einer multipolaren Welt und über die Militärparade.
Botschaft an die Welt
Kein Detail blieb unbeachtet. Und vor allem entging den Zuschauern, die die Schritte der Staatsführer über den roten Teppich verfolgten, nicht das Gespräch zwischen dem chinesischen und dem russischen Staatschef. Das Gespräch war zwar nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt, doch es fällt schwer, an einen Fauxpas der chinesischen Pressestelle zu glauben. Daher wurde der Dialog über die Möglichkeiten einer Verlängerung des Lebens auf bis zu 150 Jahre von vielen in Russland als eine Art halboffizielle Botschaft an die Welt aufgefasst.
Diese Botschaft kann unterschiedlich interpretiert werden. Aber der Charakter des Gipfels selbst deutete auf eine geopolitische Auslegung hin. Im Westen wechseln die Staats- und Regierungschefs häufig. Nicht jeder kann auf Anhieb den vorletzten Premierminister Großbritanniens oder Italiens nennen, obwohl sie erst vor Kurzem, in den 2020er Jahren, ihre Posten belegten. In den Ländern hingegen, deren Staats- und Regierungschefs dem Gipfeltreffen im September 2025 in China beiwohnten, verläuft das politische Leben deutlich langsamer. Es scheint, dass in einigen dieser Länder ein Wechsel des Staatschefs überhaupt nicht vorgesehen ist. Wenn dem so ist, könnte die Verlängerung der Amtszeit der Allmächtigen einfach für unerschütterliche Stabilität sorgen.
Heute bleibt die ältere Generation viel länger aktiv als früher. Das gilt natürlich nicht nur für Politiker, obwohl deren Zugang zu medizinischen Technologien deutlich besser ist als der von gewöhnlichen Bürgern. Aber die Möglichkeit das Menschenleben deutlich länger zu machen vertieft nur das Problem. So wird die ältere Generation weltanschaulich noch weiter von ihren Nachfolgern entfernt.
In letzter Zeit zeigt sich immer öfter, dass Medizin nicht einfach nur Medizin ist, sondern auch ein politisches Instrument.
Ein umfassender Service
Die stellvertretende Verteidigungsministerin und Vorsitzende des Fonds „Verteidiger des Vaterlandes“ Anna Ziwiljowa berichtete während der Sitzung „Die Grenze zwischen Mensch und Maschine verwischen: Neuroprothesen, Cyborgs und Agenten“ auf dem Östlichen Wirtschaftsforum (siehe Seite 4) über Erfolge im Bereich der Prothesetechnik. „Es ist kein Geheimnis, dass 11,5 Millionen Menschen mit Behinderungen, die vor der Sonderoperation bei uns lebten, keine Möglichkeit hatten, die notwendige Rehabilitation zu erhalten … Wir haben uns mit der Situation auseinandergesetzt, dass die Teilnehmer der Sonderoperation nach Erhalt ihrer Prothesen diese ‚Arme und Beine‘ mitnehmen und nicht verstehen, wie sie funktionieren. Deshalb wurde ein Standard für die Arbeit geschaffen und eingeführt, um den Patienten an die Prothese anzupassen.“
Ihren Worten zufolge umfasst der Anpassungsprozess die Vorbereitung und das Training im Umgang mit den künstlichen Gliedmaßen. „Wir sind derzeit wahrscheinlich führend in diesem Bereich. Weder China, noch die Länder des asiatisch-pazifischen Raums oder Europa bieten einen derart umfassenden Service“, fügte Ziwiljowa hinzu.
Man muss zugeben, dass dies eine sehr wichtige Aufgabe ist: Im Falle eines Krieges trägt der Staat die direkte Verantwortung für die Gesundheit und Rehabilitation – sowohl physisch als auch psychisch – der Soldaten. Es ist jedoch erschreckend, dass die Beamten vor Beginn der Kriegshandlungen nicht über die Rehabilitation von 11,5 Millionen Menschen nachgedacht haben. Oder sie haben darüber nachgedacht, konnten aber kein System schaffen, das dem Niveau Chinas oder der europäischen Länder entspricht.
Impfstoff gegen Krebs
Nicht weniger Aufsehen erregte das Interview der Leiterin der Föderalen Medizinisch-Biologischen Agentur (FMBA) und ehemaligen Gesundheitsministerin Veronika Skworzowa mit der Zeitung „Iswestija“. Sie erklärte, dass der russische Impfstoff gegen Krebs betriebsbereit sei. Laut Skworzowa hat das Präparat vorklinische Tests durchlaufen und im Laufe von drei Jahren seine Wirksamkeit und Sicherheit bewiesen. Bei wiederholter Anwendung zeigte der Impfstoff eine Verringerung des Tumorvolumens um 60 bis 80 Prozent. Entsprechend stieg auch die Überlebensrate der Patienten.
Im August reichte die FMBA beim Gesundheitsministerium Unterlagen ein, um die Genehmigung für die klinische Anwendung des neuen Präparats zu erhalten. „Es ist geplant, zunächst bei Darmkrebs mit der Anwendung zu beginnen. Parallel dazu verfügen wir über einen Impfstoff für zwei weitere Ziele.“ Eines der Ziele wird das Glioblastom sein, ein sehr gefährlicher Tumor im Gehirn. Das Medikament wird auch gegen bestimmte Arten von Melanomen eingesetzt werden – nicht nur bei Hautkrebs, sondern auch an den Augenhäuten.
Über diesen medizinischen Durchbruch sprach Wladimir Putin bereits im Februar 2024. Damals teilte der russische Präsident mit, dass das Land der Entwicklung von Impfstoffen gegen Krebs „sehr nahe gekommen“ sei.
Der neue Impfstoff ist ein Grund zur Freude. Allerdings wird dieses Präparat sicherlich nicht von allen angenommen werden. Hier kann man sich an das Schicksal des russischen Impfstoffs gegen Covid erinnern. Heutzutage ist jede Technologie zwangsläufig auch Politik.
Sascha Paraponow
Запись Das ewige Leben: Medizintechnologien und Großpolitik впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.