Hertha BSC wollte zurück in die Bundesliga. Doch die Berliner starteten katastrophal in die neue Saison. Jetzt wartet der Spitzenreiter – und damit womöglich der nächste herbe Rückschlag. In Berlin herrscht in diesen Tagen die Ruhe vor dem Sturm. Nicht, weil es in den vergangenen Wochen nicht schon überaus turbulent um den größten Verein der Stadt, Hertha BSC , zugegangen wäre, sondern weil die Endzeitstimmung im und um den Klub zuletzt aufgrund der Länderspielpause zumindest für eine kurze Weile unterbrochen schien. Jetzt aber rückt der Alltag in der 2. Bundesliga zurück in den Fokus – und mit ihm die große Möglichkeit, dass bei der "Alten Dame" sportlich endgültig alles den Bach heruntergeht. Im Sommer waberte das Thema eines Hertha-Aufstiegs im Wochentakt durch die deutsche Medienlandschaft. Kein anderer Verein formulierte den Wunsch und den Anspruch, im kommenden Jahr wieder in der Bundesliga zu spielen, so öffentlich und offensiv wie die Berliner. "Das Ziel ist klar definiert, da brauchen wir nicht drum herumreden", sagte beispielsweise Hertha-Sportdirektor Benjamin Weber im Rahmen der Saisoneröffnung im Juli. Starspieler Fabian Reese erklärte kurz darauf im "Kicker": "Ich finde es gut, dass wir als Hauptstadtklub und mit der Stärke von Hertha BSC sagen: Wir wollen aufsteigen." Bundesliga-Star Eriksen: Sein Herz stand bereits fünf Minuten still Die Realität hat den Verein jedoch bereits im Frühherbst wieder eingeholt. Hertha steht nach vier Spieltagen auf einem erschreckenden 17. Tabellenplatz, hat lediglich zwei Punkte ergattert und nur ein einziges Tor erzielt; eine gruselige Bilanz für einen selbsterklärten Aufstiegskandidaten. Der Baum in Berlin brennt dementsprechend bereits lichterloh – und daraus könnte sich in Windeseile ein Flächenbrand entwickeln. Den Rückstand aufzuholen, wäre eine Mammutaufgabe Zehn Zähler liegen in der Tabelle aktuell bereits zwischen Hertha BSC und Hannover 96 auf Platz eins. Die Niedersachsen sind, was den sportlichen Erfolg angeht, gerade der krasse Gegenentwurf zu den Berlinern. Nach dem Totalumbruch im Sommer, bei dem gleich 19 Profis den Verein verließen und 16 neue verpflichtet wurden, hat 96 unter dem neuen Trainer Christian Titz alle vier bisherigen Ligaspiele gewonnen und steht unangefochten an der Spitze. Und ausgerechnet diese "Roten" sind am Samstagabend der nächste Gegner von Hertha BSC (ab 20.30 Uhr im Liveticker bei t-online). Bei einer Niederlage in Hannover droht in der Hauptstadt weiteres Ungemach. Verliert Hertha nämlich tatsächlich auch gegen 96, wächst der Abstand zu Rang eins nach gerade einmal fünf Spieltagen bereits auf satte 13 Zähler an. Diesen Rückstand aufzuholen, wäre eine Mammutaufgabe für eine Mannschaft, die ihre Eignung für den Aufstieg in dieser Spielzeit bisher höchstens in Ansätzen nachweisen konnte. Mehr noch: Der Klub dürfte mit einem weiteren Rückschlag auch den Anschluss an die Ränge zwei und drei verlieren. Die Bundesliga-Rückkehr würde bereits in der Frühphase der Saison in fast schon unerreichbare Ferne rücken. Und bei einer Pleite in Hannover würde wohl auch die Personalie Stefan Leitl endgültig zum Diskussionsgegenstand bei Fans und Verantwortlichen mutieren. Der Berliner Cheftrainer war erst im Februar zum Klub gestoßen, nachdem er ironischerweise zuvor zweieinhalb Jahre in Hannover tätig gewesen war. Leitl war es in der vergangenen Rückrunde gelungen, Hertha vor dem Absturz in die 3. Liga zu bewahren. Mit Lieblingsschüler Reese sollte nun wiederum der Aufstieg realisiert werden. Doch der Coach schaffte es trotz intensiver Sommervorbereitung bisher nicht, dem verletzungsgeplagten Kader eine spielerische Struktur zu vermitteln. Hertha wirkte, abgesehen vom 0:0 in Darmstadt am 3. Spieltag, bei allen Auftritten plan- und kopflos. Starspieler Reese hängt völlig in der Luft Dennoch gab sich Leitl vor dem Spiel in der niedersächsischen Landeshauptstadt kämpferisch und verdeutlichte einmal mehr den Glauben an den ganz großen Wurf im kommenden Frühjahr. "Wir sind bei der Hertha. Wir spielen in der 2. Liga , die nicht Heimat von uns sein kann", sagte der Ex-Fußballer, der einst beim FC Bayern ausgebildet worden war. Und weiter: "Es sind noch 90 Punkte zu vergeben. Gucken wir mal, wer im Mai ganz oben steht." Worte, die zwar die Hoffnung auf den Aufstieg weiter am Leben halten sollen, Leitl bei einer weiteren Niederlage aber auch schnell um die Ohren fliegen könnten. Zur Wahrheit gehört aber auch: Dem Trainer stehen derzeit nicht unbedingt die besten Spieler zur Verfügung. Das eindringlichste Beispiel dafür: die Innenverteidigung. Neben den verletzten Niklas Kolbe und John Anthony Brooks fehlt in Hannover auch Linus Gechter, der sich bei der 0:2-Niederlage gegen Elversberg vor zwei Wochen die Gelb-Rote Karte einhandelte. Leitl muss also weiter auf Toni Leistner und den überaus formschwachen Marton Dardai setzen. Lässt der Coach wieder mit einer Dreierkette spielen, könnte plötzlich Augustin Rogel, der eigentlich schon längst abgegeben werden sollte, in die Mannschaft rücken. Ob das einer ohnehin vollkommen verunsicherten Mannschaft Stabilität gibt, darf bezweifelt werden. Entscheidend dürfte aber auch sein, ob es Leitl endlich gelingt, seinen Starspieler richtig in Szene zu setzen. Hertha-Kapitän Fabian Reese lief in allen vier Saisonspielen als Mittelstürmer auf, doch der 27-Jährige hing völlig in der Luft, strahlte überhaupt nicht die Gefahr aus wie noch in der vergangenen Spielzeit, als er in der Rückrunde elf Treffer erzielte. 2023/2024 waren Reese sogar 23 Scorerpunkte (neun Treffer und 14 Assists) gelungen. Doch damals spielte er eben nicht im Zentrum, sondern auf dem Flügel. Eine Maßnahme, die Hertha-Fans für ihren Liebling schon seit Wochen fordern. Bisher wurden ihre Wünsche vom Trainer jedoch nicht erhört. Die Aufbruchsstimmung ist verflogen Ohnehin muss der Verein gehörig darauf achten, es sich mit dem eigenen Anhang nicht zu verscherzen. Der noch unter dem im Januar 2024 verstorbenen Präsidenten Kay Bernstein ausgerufene "Berliner Weg" hatte Fans und Verein wieder näher zusammenrücken lassen. Die mühsam geschaffene Aufbruchsstimmung, die auch zum Saisonstart noch einmal kurzzeitig zu spüren war, ist aber durch die teilweise katastrophalen Auftritte der Mannschaft in der vergangenen und neuen Spielzeit fast endgültig verflogen. Schlimmer noch: Die Fans verlieren langsam, aber sicher die Geduld. Nach dem Spiel gegen Elversberg tönte ein gellendes Pfeifkonzert durch das Berliner Olympiastadion. Kein Wunder: Hertha gelingt es seit Monaten einfach nicht, in der eigenen Heimspielstätte ausreichend Punkte einzufahren. In der zurückliegenden Spielzeit war der Klub sogar das schlechteste Heimteam der Liga. "Wir haben jetzt zwei Wochen Zeit bis zum nächsten Spiel. Es gibt einen Mannschaftsrat, der meldet sich bei mir", hatte "Kreisel", der Vorsänger in der Ostkurve, dem Team noch im Stadion mitgeteilt. Kurz darauf schob er nach: "Ich verlasse mich darauf und wenn ich nichts von euch höre, ist das auch ein Zeichen." Klare Worte eines der Gesichter der aktiven Fanszene an ein Team, das den Ansprüchen meilenweit hinterherhinkt. Sie verdeutlichen vor allem eines: Der Frust in Berlin ist enorm. Das Spiel in Hannover könnte darüber entscheiden, ob die Stimmung in und um den Klub endgültig kippt.