Die Grünen und der Osten, das passt nicht so recht zusammen. Jetzt hat die Partei zu einem Kongress geladen, um dort besser Fuß zu fassen. Und um ein drohendes Wahldebakel abzuwenden. Julia Naue berichtet aus Lutherstadt Wittenberg Paula Piechotta kann sächseln. Das klingt ungewohnt, denn im Bundestag oder im Fernsehen spricht die Grünen-Politikerin Hochdeutsch. Es ist eine Frage des Ernstgenommenwerdens. Beim Ostkongress der Grünen in Lutherstadt Wittenberg diskutiert sie auf einer Bühne über die Frage, ob Ostdeutsche Bürger zweiter Klasse sind. Als die in Leipzig lebende Bundestagsabgeordnete ankündigt, auch sächseln zu wollen, bekommt sie viel Applaus. Und präsentiert ihr Können. Doch schnell verfällt sie wieder ins Hochdeutsche. Es ist wohl Gewohnheit. Die Grünen und Ostdeutschland – das ist keine Liebesgeschichte. Die postmaterialistischen Werte der Grünen wie Umwelt- und Klimaschutz, Solidarität und Selbstverwirklichung passten nicht so recht zur Massenarbeitslosigkeit im Osten nach der Wiedervereinigung. Bis heute hat die Partei dort nicht richtig Fuß gefasst. Im vergangenen Jahr schieden die Grünen in Thüringen und Brandenburg aus dem Landtag aus. Nächstes Jahr wird in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt gewählt. Die Umfragen sagen nichts Gutes für die Grünen voraus. Sie hat den Blick fürs Wesentliche verloren: Baerbocks Video-Auftritt Nach Habeck-Rückzug: Das ist die neue Strategie der Grünen Auch deshalb hat die Partei nun nach Sachsen-Anhalt zum Ostkongress geladen. Rund 500 Anhängerinnen und Anhänger aus Ost und West haben sich angemeldet. Das Ziel: Die Partei im Osten stärken, sich besser vernetzen und einander verstehen lernen. Der Kongress ist Teil einer größeren Ost-Offensive. Parteichef Felix Banaszak tourte im Sommer durch die ostdeutschen Bundesländer. Für den Duisburger war das in weiten Teilen Neuland. Ein neuer Beirat berät den Parteivorstand außerdem zu Ostfragen. Kann all das die Stimmung drehen? Austausch bei Brause und Bier In einem Veranstaltungszentrum in der beschaulichen Altstadt von Lutherstadt Wittenberg wird ein Wochenende lang diskutiert, zugehört und sich kennengelernt. Es gibt Workshops zum Thema "Gut und sicher kommunizieren" oder Gesprächsformate wie das von Piechotta, die in Gera geboren ist: "Ostdeutsche als Bürger zweiter Klasse: Gefühl oder Realität". Die prominenten Ost-Gesichter der Grünen sind gekommen: Neben Piechotta sind es Katrin Göring-Eckardt, Steffi Lemke , Michael Kellner oder der einzige Ostdeutsche im Parteivorstand, Heiko Knopf. Sie alle geben sich zuversichtlich, doch der "Gegenwind", über den Knopf in seiner Eröffnungsrede spricht, ist nur allzu real. Denn vor einer Woche hat eine neue Umfrage zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt viele aufgeschreckt. Nur bittere drei Prozent für die Grünen – damit wären sie aus dem Landtag raus. Doch noch viel drastischer: 39 Prozent für die AfD , 27 Prozent für die CDU , 13 Prozent für die Linke und 7 Prozent für die SPD . Die voraussichtliche grüne Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz wird nicht müde zu betonen, dass das Land bei diesem Wahlergebnis unregierbar sei. Es gehe nicht darum, wer die stärkste Kraft werde, sagt die Quedlinburgerin, die mit ihren Tattoos und ihrer großen schwarzen Brille auffällt. Weil die CDU niemals mit der Linken koalieren werde, komme es darauf an, dass die kleineren Parteien im Landtag vertreten seien, mahnt sie. Die Umfrage dürfte auch ein Schlag ins Gesicht für den CDU-Spitzenkandidaten Sven Schulze sein. Der beliebte Ministerpräsident Reiner Haseloff tritt nicht noch einmal an. Sziborra-Seidlitz ist auch bei "Brause und Bier mit Banaszak und Brantner" dabei. Es ist so was wie der inoffizielle Auftakt des Ostkongresses im malerischen Schlosshof in Lutherstadt Wittenberg. Eigens aus Berlin sind die Parteichefs Franziska Brantner und Banaszak angereist – auch um klarzumachen: Das Thema Osten ist ganz oben angekommen. Bisher war Banaszak der Frontmann der Offensive. Brantner aus Baden-Württemberg hielt sich eher zurück, nun spricht sie hier vor allem über Wirtschaftsthemen, während Banaszak den Nahbaren gibt und vom Sommerurlaub auf Rügen erzählt. Sziborra-Seidlitz zeigt sich trotz ernüchternder Umfragen kämpferisch: "Wir gehen hier nicht weg." Eigentlich war "Brause und Bier" als Veranstaltung mit Bürgerinnen und Bürgern angekündigt. Tatsächlich sind mehrheitlich Teilnehmer des Kongresses gekommen und holen sich am Stand eine Brause oder ein Bier. Die Fragen an die Parteivorsitzenden sind entsprechend freundlich und grün angestrichen. Vereinzelt stolpern Unbeteiligte in die Veranstaltung unter freiem Himmel. Die meisten bleiben kurz stehen, gehen dann unbeeindruckt weiter. Anders als man vielleicht glauben könnte, sind die Grünen kein Aufreger. Den meisten scheinen sie einfach egal zu sein. "Muss als Grüne mit Anfeindungen rechnen" Aber nicht allen: Die 36 Jahre alte Constanze aus Magdeburg ist mit Kolleginnen und Kollegen in der Stadt, sie bleibt etwas entfernt stehen und hört zu. Die Grünen hätten gute Gedanken, sagt sie. Aber der Erfolg im Osten bleibe wohl auch aus, weil die Partei zu abgehoben wirke. Sie erreiche die Menschen einfach nicht. Die Linke mache das besser. Ihre Kollegin Heike pflichtet ihr bei. Die 62-Jährige findet, die Grünen hätten vor allem während ihrer Zeit in der Ampelregierung enttäuscht, seien zu viele Kompromisse eingegangen. Es ist ein geradezu freundliches Urteil, wenn man bedenkt, wie viel Hass den Grünen besonders im Osten entgegenschlägt. Im Sommer haben Grünen-Kommunalpolitiker aus Thüringen Alarm geschlagen. In einem Brief an die Parteispitze schrieben sie von Angriffen und bemängelten fehlende Unterstützung. Diese Realität wird auch in Lutherstadt Wittenberg deutlich. Cornelia Lüddemann, Abgeordnete im Landtag von Sachsen-Anhalt, erzählt ihren Parteikollegen von Ausgrenzungen und Feindseligkeiten. "Wenn ich mich hier als Grüne exponiere, muss ich mit Anfeindungen rechnen, und die sind nicht immer schön." Bei einem Workshop im Hotel "Cranach-Herberge" im historischen Stadtkern erzählen noch andere von ihren Erfahrungen – Jüngere und Ältere in gleichem Maß. Da werde gegen die Scheiben von Parteibüros gespuckt, Schlösser würden zugeklebt. Einige schildern, dass sie gar keine Plakate mehr aufhängen, die würden sofort heruntergerissen. Verschwendete Energie sei das. Dagegen gibt es auch Widerspruch: Man dürfe sich nicht aus dem öffentlichen Raum vertreiben lassen. Plakate würden gerade ältere Menschen ansprechen, die nicht in den sozialen Netzwerken unterwegs seien. Was immer wieder in den Diskussionen anklingt, ist eine gewisse Unzufriedenheit mit der Partei, die kein Gefühl für Ostdeutschland habe. Das merke man an unpassenden Wahlplakaten oder fehlender Sensibilität bei bestimmten Äußerungen. Es sei ein Fehler, wenn grüne Ostdeutsche "Plastik" statt "Plaste" sagten oder von "Medizinischen Versorgungszentren" sprächen statt von "Polykliniken", sagt ein Workshop-Teilnehmer. Man dürfe sich nicht verleugnen, auch nicht innerhalb der Partei. Ostdeutsche unterrepräsentiert In der Tat ist die Partei westdeutsch geprägt. Die Grünen haben im Osten deutlich weniger Mitglieder – auch im Verhältnis zur Bevölkerungszahl. Im sechsköpfigen Vorstand ist mit Heiko Knopf aktuell nur ein Ostdeutscher vertreten. Im Bundestag zeigt sich das Ungleichgewicht noch stärker. Im zwölfköpfigen Fraktionsvorstand gibt es nur ein Mitglied aus dem Osten, Claudia Müller. Und auch in der Bundestagsfraktion muss man nach Ostdeutschen fast mit der Lupe suchen. Umso wichtiger ist es dem Parteivorstand, deutlich zu machen, dass das Thema Osten allen am Herzen liege. Beim Ostkongress gehe es nicht darum, dass Ostdeutsche mit Ostdeutschen reden, sondern alle miteinander. Eine von den Grünen aus dem Westen, die nach Lutherstadt Wittenberg gekommen ist, ist Rosi Schroll aus Augsburg. Sie erzählt, dass sie nach der Wiedervereinigung acht Jahre im Osten gelebt habe, in Stralsund . "Da habe ich viel mitbekommen über den Osten", sagt die ältere Frau. Der Ostkongress sei Teil eines "Marathons". Das Problem der Grünen im Osten werde nicht mit einem Schlag gelöst. Das ist auch der Parteispitze klar. Auch wenn in Lutherstadt Wittenberg viel Zuversicht ausgestrahlt wird, die Zahlen lügen nicht. Da wirkt es fast schon verzweifelt, wenn die angehende Spitzenkandidatin für Sachsen-Anhalt, Sziborra-Seidlitz, sagt: "Umfragen sind keine Wahlergebnisse." Sicher, in einem Jahr kann viel passieren, und der Wahlkampf ist noch lange nicht in der heißen Phase. Doch die Zeichen stehen schlecht. Denn auch im Bund liegen die Grünen in Umfragen nur bei rund 11 Prozent. Es gibt keine Euphorie, stattdessen kämpft die Partei damit, ihre neue Rolle in der Opposition zu finden. Unterwegs mit der Schwalbe Ehemaliges Spitzenpersonal wie Robert Habeck oder Annalena Baerbock haben der Parteipolitik den Rücken gekehrt. Habeck hat sich schmollend zurückgezogen, während Baerbock im Netz Videos à la Carrie Bradshaw aus der 25 Jahre alten US-Serie "Sex and the City" veröffentlicht. In New York hat sie gerade ihren neuen Job als Präsidentin der UN-Vollversammlung begonnen. Diese Selbstvermarktung könnte kaum weiter weg sein von den Problemen vieler Menschen in Ostdeutschland – in ganz Deutschland. Die Partei ist ohnehin gerade auf Identitätssuche. Die Auftritte ihres früheren Spitzenduos halfen da nicht gerade – weder den Grünen im Allgemeinen noch denen im Osten im Besonderen. "Damit sie bei den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt zumindest etwas erreichen können, müssen sie deutschlandweit stark sein. Zumindest bisher zeichnet sich das nicht ab. Sziborra-Seidlitz will sich trotzdem nicht unterkriegen lassen. Im Wahlkampf will sie mit einer Schwalbe durch die Gegend fahren – einer Elektro-Schwalbe, versteht sich. Was die Vespa für Italien ist, ist die Schwalbe für Ostdeutschland. Typisch ostdeutsch eben. Typisch ostdeutsch ist auch Paula Piechotta – beziehungsweise ihr Look. Das gilt zumindest, wenn es nach einer Fraktionskollegin geht. Piechotta erzählt bei einem Gespräch, das sie beim Ostkongress moderiert, dass ihr dies gerade erst von der Kollegin gesagt worden sei. Auch Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek sei eine so typisch ostdeutsch geschminkte Frau, habe es weiter geheißen. Piechotta erzählt in Lutherstadt Wittenberg, dass es Ostdeutsche in ihrer Partei nicht immer einfach hätten. Daraus hat sie auch in der Vergangenheit keinen Hehl gemacht. Mit Parteikolleginnen hat sie gerade ein Ostpapier veröffentlicht. "Wir haben keine ostdeutschen Akteure als Identifikationsfiguren in der ersten Reihe, alle führenden Akteure stammen aus Westdeutschland", heißt es darin etwa. Äußerungen wie die ihrer Fraktionskollegin zeigen, wie groß die inneren Brüche bei den Grünen noch sind. Und warum Piechotta meistens Hochdeutsch redet.