Sacha Boey galt für viele bereits als größter und teuerster Transferflop in der Klubgeschichte des FC Bayern. Jetzt könnte sich das plötzlich ändern. Jetzt ist genau das beim FC Bayern passiert, was eigentlich nicht passieren durfte: Mit Josip Stanišić hat sich ausgerechnet der Spieler verletzt, der eigentlich unverzichtbar für den Rekordmeister war. Schließlich war er in Abwesenheit der ebenfalls noch verletzten Alphonso Davies (Kreuzbandriss), Hiroki Itō (Mittelfußbruch) und Raphaël Guerreiro (Bauchmuskel-Verletzung) der Spieler, der dem Rekordmeister momentan noch als letzte Alternative auf der Linksverteidigerposition zur Verfügung stand. Unmittelbar nach dem 3:1 der Bayern am Mittwochabend gegen Chelsea, bei dem er in der 51. Spielminute ausgewechselt worden war, war Stanišić noch von einer leichten Blessur ausgegangen. Er habe einen Schlag abbekommen. Aber es sei "nichts Wildes", sagte der 25-Jährige auf dem Weg zum Ausgang der Arena: "Ich denke, in Hoffenheim kann ich wieder spielen!" "Ein bisschen respektlos": Bayern zeigt es Hoeneß Effenberg über Bayerns Machtdemonstration: Das war ein Zeichen an Europa Aus Stanišićs Plänen für das Bundesligaspiel am Samstag (ab 15.30 im Liveticker bei t-online) wird aber nichts. Das ist nach der bitteren Diagnose, die ihn und die Bayern am Donnerstag ereilte, Gewissheit. Mit einem Teilriss des Innenbands im rechten Knie fällt Stanišić mehrere Wochen und möglicherweise sogar bis zur Länderspielpause Anfang Oktober aus, wie Chefcoach Vincent Kompany am Freitag auf der Pressekonferenz verkündete. Boey profitiert von Stanišićs Pech Wer Stanišić jetzt ersetzen wird, wollte Kompany zwar noch nicht verraten. "Das werden Sie morgen sehen. Viele Optionen gibt es aber auch nicht mehr", sagte er und fügte grinsend hinzu, dass man sich die Besetzung der Viererkette von daher eigentlich schon denken könne. Auch Mittelfeldspieler Tom Bischof half zuletzt als Notlösung in der Viererkette aus. Eine Startelfnominierung auf dieser für ihn ungewohnten Position ist aber unwahrscheinlich – trotz seiner Rückkehr zu seinem Ex-Verein. Kompanys Wahl wird also wohl erneut auf Sacha Boey fallen, der damit zumindest indirekt von Stanišićs Pech profitieren und eine neue Bewährungschance erhalten könnte. Schon gegen Chelsea wechselte Kompany den Franzosen für Stanišić ein – allerdings als Rechtsverteidiger. Gleichzeitig zog er seine Allzweckwaffe Konrad Laimer dafür auf die ungewohnte linke Abwehrseite. Nicht wenige Beobachter verfolgten die notwendig gewordene Hereinnahme von Boey mit gemischten Gefühlen und einer gewissen Skepsis. Schließlich war der 25-Jährige in der Vergangenheit bereits häufig als Fehlerteufel in Erscheinung getreten – vor allem und wiederholt in wichtigen Spielen. Doch dieses Mal kam es anders. Bayerns Defensive, zu der auch der nach zum Seitenwechsel eingewechselte Min-jae Kim gehörte, hielt den Angriffen des Klub-Weltmeisters stand. Bayern blieb in Hälfte zwei ohne Gegentor und gewann am Ende verdient mit 3:1. "Er hat gefühlt jeden Zweikampf gewonnen" "Kompany macht damit alles richtig. Das ist Psychologie. Er zeigt Boey damit, dass er ihm weiter vertraut, dass er weiter an ihn glaubt", schreibt Stefan Effenberg in seiner neusten Kolumne bei t-online dazu. "So bekommt er seine Chancen – auch wenn es für ihn, so ehrlich muss man auch sein, für die Startelf beim FC Bayern nie reichen wird, wenn alle anderen fit sind." Dennoch: "Jetzt hat er gegen Chelsea fast eine komplette Halbzeit gespielt, ist endlich mal nicht negativ aufgefallen – das wird ihm guttun." Dass auch Boey mit seiner dieses Mal fehlerfreien Leistung, für die er auch die t-online-Note 3 bekam, seinen Anteil am Sieg gegen Chelsea hatte, vergaß auch Sportdirektor Christoph Freund nicht zu betonen. Boey sei aufgrund von Stanišićs Verletzung aus der "kalten Hose", also sehr plötzlich und ohne große Vorbereitung reingekommen, befand Freund. Mitten in "so eine Phase, in der Chelsea noch dran war". Beim Spielstand von 2:1. Aber Boey überraschte seine zahlreichen Kritiker, von denen nicht wenige in ihm ein Sicherheitsrisiko in der Bayern-Abwehr sehen, diesmal positiv. "Er hat gefühlt jeden Zweikampf gewonnen und ein richtig gutes Spiel gemacht, auch nach vorne", führte Freund aus. Als Beleg wies er auf die Auswechselung von Boeys Gegenspieler Pedro Neto hin. Und genauso darauf, "wie er zum Beispiel die Riesenchance von Michael Olise einleitet, bei der Harry Kane dann zu ihm (Olise; Anm. d. Red.) zurückspielt." Die hätte auch dank Boey nur neun Minuten nach dessen Einwechslung schon zum 3:1 und damit zur Vorentscheidung zu Gunsten der Münchner führen können. Vom Wunschspieler zum größten Transferflop "Er hat ein Topspiel gemacht. Das freut mich extrem für ihn", sagte Freund. Boeys "Werdegang", wie der Österreicher die bislang extrem unglücklich verlaufene Zeit des Wintertransfers der vorvergangenen Saison beim FC Bayern bezeichnete, sei schließlich "nicht einfach" gewesen. Freund erinnerte an die vielen Verletzungen von Boey, die ihn unmittelbar nach seinem Wechsel von Galatasaray Istanbul nach München ausbremsten. Einem Muskelfaserriss (20 Tage Pause) im Februar 2024 folgte direkt ein Muskelbündelriss (52 Tage), ein halbes Jahr später ein Meniskusriss (62 Tage) sowie Ende des Jahres dann eine Sprunggelenksverletzung (39 Tage). Insgesamt kommt Boey in seinen knapp anderthalb Jahren beim FC Bayern deshalb bereits auf 173 Fehltage. So richtig angekommen ist er auch deshalb bislang noch nicht in München. Im Gegenteil. Die Euphorie über den "absoluten Wunschspieler" und "Soforthelfer" (Freund), den die Bayern-Verantwortlichen im Januar 2024 noch in ihm sahen, als sie 30 Millionen Euro für seine Verpflichtung in die Türkei überwiesen, ist längst verflogen. Vielmehr gilt der Franzose in München mittlerweile nicht nur als Fehleinkauf, sondern als das wohl teuerste Missverständnis der Klubhistorie. "Er hat keinen leichten Stand" "Er hat keinen leichten Stand", gab Freund zu, der Boeys Verpflichtung damals noch vor der Ankunft von Sportvorstand Max Eberl federführend vorantrieb. "Aber wenn man sieht, wie er im Training arbeitet, freut es mich einfach für ihn, dass er seinen Wert über einen längeren Zeitraum in einem wichtigen Spiel gezeigt hat." Das sei laut Freund "eine gute Geschichte. Jeder war sehr, sehr happy für den Sacha." Kompany bildet da keine Ausnahme. Der Belgier ist neben Freund einer der wenigen in München, die Boey noch nicht abgeschrieben haben. Weil der Trainer sich im Sommer für den Verbleib des eigentlichen Verkaufskandidaten einsetzte, blockten die Bayern auch ein Leihangebot von Juventus Turin am Deadline-Day ab. Der Außenverteidiger kam nun in bislang allen sechs Pflichtspielen zum Einsatz: Fünfmal wurde er dabei eingewechselt und beim knappen 3:2-Sieg im Pokal bei Drittligist Wehen-Wiesbaden stand er in der Startelf. Ist das Boeys letzte Chance? In Erinnerung geblieben ist vor allem sein ungestümer Kopfstoß, mit dem er beim 3:2 in Augsburg seinen Gegenspieler Robin Fellhauer verletzte. Und vor allem der Rüffel von FCA-Trainer Sandro Wagner , den sich Boey für den Umgang mit der unglücklichen Situation und seine verspätete Entschuldigung einfing. Nochmal auf Boey und dessen Startelfchancen angesprochen, wiederholte Kompany nun das, was er bereits in der Vorwoche auf Nachfrage von t-online in ähnlicher Form gesagt hatte. Schon da habe er darauf hingewiesen, so Kompany, "dass ich in jeden Spieler im Kader Vertrauen habe. Es gibt keine Ausnahme. Sacha ist ein Teil davon. Seine Leistung gegen Chelsea war sehr gut." Diese Leistung und Stanišićs Verletzung bieten Boey nun wohl die Chance, in den kommenden Wochen beim FC Bayern zu beweisen, dass er doch kein Transferflop ist. Er sollte sie besser nutzen, es könnte schließlich seine letzte sein, die er in München bekommen wird.