Wie gelingt es, in Deutschland wieder optimistischer in die Zukunft zu blicken? Der Unternehmer Harald Christ hat einige Vorschläge. Mitte August veröffentlichte die "Neue Zürcher Zeitung" ein bemerkenswertes Interview mit dem Kabarettisten Vince Ebert. Die Überschrift lautete: "Ich weiß auch nicht, was mit uns Deutschen los ist …" Die Kernthese lautete: Hierzulande werde die Realität zu sehr über eine diffuse Stimmungslage definiert – und zu wenig anhand der Fakten. Betrachtet man die Lage im Lande im beginnenden Herbst 2025, so stimmt die Analyse des studierten Physikers nachdenklich. Und, um es vorwegzunehmen, bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass es objektiv mehr Gründe für Zuversicht und Optimismus gibt, als Umfragen und Stimmungsbilder es uns glauben machen wollen. Das hat nichts mit Gesundbeterei oder Blauäugigkeit zu tun, sondern mit einem klaren Blick auf die Realität. Tagesanbruch: Die Arbeitswelt kippt Umfrage: AfD baut Vorsprung aus Dabei stellt niemand die gigantischen Herausforderungen in Abrede, vor denen das Land, seine Bürgerinnen und Bürger sowie seine Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft stehen. Sie aufzuzählen, erübrigt sich, werden sie doch in Medien und öffentlichem Diskurs tagtäglich benannt, gewogen und debattiert. Was hingegen zu kurz kommt, ist die Perspektive, der Blickwinkel, der uns aus dem depressiven Sog herausführen kann. Ziemlich genau 35 Jahre ist es in diesen Tagen her, dass die deutsche Einheit im Land und bei den Menschen eine bis dahin nie gekannte Euphorie und Aufbruchstimmung ausgelöst hat. Damals schien alles möglich. Und auch wenn im Überschwang Fehler gemacht wurden, wenn bei Weitem nicht alles gelang – die Zuversicht ermöglichte es, eine gewaltige Energieleistung zu vollbringen. Ich kann bis heute nicht begreifen, wie und warum diese Erfolgsgeschichte in Teilen der Öffentlichkeit so in Vergessenheit geraten ist oder kleingeredet wird. Nährböden für radikale Kräfte Auch heute braucht es wieder eine Portion dieser Aufbruchstimmung – so wie damals 1989/90. Die Herausforderung ist derzeit kaum geringer, zumal es in diesen Tagen kein emotionales Schlüsselereignis wie den Mauerfall gibt und die Probleme sich über einen langen Zeitraum aufgestaut und gegenseitig verstärkt haben. Trotzdem gibt es keinen Grund für Schwarzmalerei. Zweierlei muss geschehen, damit der Problemstau kontrolliert bewältigt werden kann: Die Politik muss jetzt rasch die richtigen Entscheidungen treffen – und für die Bürgerinnen und Bürger muss glaubhaft werden, dass es vorangeht. Was die Politik betrifft, so ist es nun höchste Zeit, sich von Floskeln und hohlen Ankündigungen zu verabschieden und konkrete Schritte zu gehen. Erwartungen, die mit nichtssagenden Überschriften ("Herbst der Reformen") erst geweckt und dann enttäuscht werden, sind der ideale Nährboden für jene radikalen Kräfte, die eine schlechte Stimmung erst schüren und dann daraus den Treibstoff für ihre infamen Kampagnen gegen "die da oben" destillieren. Potenziale sind vorhanden Die Instrumente für eine erfolgreiche Reformpolitik sind da. Und sie sind wirkungsmächtiger als je zuvor: Das Programm zur Sanierung der Infrastruktur und Ankurbelung der Wirtschaft ist in der Geschichte der Bundesrepublik ohne Beispiel. Werden diese Mittel richtig und zügig eingesetzt, kann daraus ein Modernisierungsschub entstehen, der weite Teile des öffentlichen Lebens erfasst. Funktionieren kann das allerdings nur, wenn die Menschen – und damit sind wir wieder bei der Bestandsaufnahme des Kabarettisten Ebert – den Blick wieder stärker auf die Fakten legen als auf Stimmungen, die oftmals gezielt geschürt werden. Dabei stellt niemand in Abrede, dass objektive Gravamina ihre Berechtigung haben: das monatelange Warten auf einen Facharzttermin, der Bus, der nicht fährt, oder die Schule, die vergammelt. Entscheidend ist aber doch die Bereitschaft, mit der gleichen Ehrlichkeit und Energie anzupacken und auch Positives anzuerkennen: Dass Deutschland nach wie vor ein wohlhabendes und starkes, ein stabiles Land mit funktionierender Daseinsvorsorge ist. Dass Potenziale vorhanden sind, die, würde man sie richtig fördern und nutzen, Deutschland rasch moderner, schneller, digitaler machen könnten. Instabil und äußerst sensibel Das wird nicht einfacher in Zeiten, in denen den Bürgerinnen und Bürgern auch Zumutungen nicht erspart bleiben werden. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass es etwa vermittelbar ist, wenn die Finanzierung von Renten, Gesundheit und Pflege auf solidere Füße gestellt werden muss, weil die allgemeine Lebenserwartung heute deutlich höher ist als noch vor 50 Jahren. Dabei muss sich die Politik davor hüten, Ängste zu schüren oder – noch schlimmer – Versprechungen zu machen, von denen schon heute klar ist, dass sie unerfüllbar sind. Dies gilt auch – der Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende kann ein Lied davon singen – für die Wahlkämpfe im kommenden Jahr. Die Balance zwischen der Mobilisierung der eigenen Basis durch vollmundige Ankündigungen ("Nach der Wahl werden wir …") und dem, was in zunehmend komplizierten Koalitionskonstellationen dann möglich wird, ist instabil und äußerst sensibel. Trotzdem muss jedem verantwortlichen Politiker klar sein: Ein kurzfristig erzielter taktischer Vorteil kehrt sich ins Gegenteil um, wenn die Menschen am Ende von der realen Politik enttäuscht sind. Es liegt an uns allen Die Zeit, dies einzusehen und die richtigen Entscheidungen zu treffen, ist jetzt. Und die Politik muss dabei beherzt vorangehen. "Demokratie", so hat es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier einmal formuliert, "ist die Staatsform der Mutigen." Damit dürfte er Politik und Bürger gemeint haben. Dieser Mut, die Wahrheit auszusprechen, zwischen Realität und Stimmungsmache zu unterscheiden, ist jede Anstrengung wert. Vielleicht wird 2025 eines Tages in der Rückschau als ein Jahr wichtiger Weichenstellungen betrachtet werden. Es liegt an uns allen, ob es die richtigen sind. Hinweis: Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinungen der jeweiligen Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.