Donald Trump hat unzählige Skandale ausgesessen. Doch die Epstein-Akten sind anders. Sie entziehen sich seiner Kontrolle, spalten seine MAGA-Bewegung und zeigen erstmals klar die Grenzen seiner Macht. Bastian Brauns berichtet aus Washington Es gibt politische Affären, die irgendwann im Grundrauschen der Nachrichtenzyklen untergehen. Und es gibt jene, die immer wieder zurückkehren, egal, wie sehr ein Politiker versucht, sie zu ersticken. Jeffrey Epstein ist für Donald Trump genau ein solcher Fall: wie ein Zombie, der einfach nicht totzukriegen ist. Es ist ein extrem lästiges und unangenehmes Thema, von dem er nicht wie so oft einfach ablenken kann. Ein Skandal, der nicht verschwindet Es war wohl kein Zufall, dass das Weiße Haus ausgerechnet am Tag der erfolgreichen Abstimmung zur Freigabe der Epstein-Akten im US-Kongress verkündete, dass man das Bildungsministerium nun endgültig entkernen werde. Aber es gelang weder damit, das Epstein-Thema aus den Schlagzeilen zu verdrängen, noch mit den über Stunden andauernden pompösen Festspielen für den saudischen Ehrengast, den hochproblematischen Prinzen Mohammed bin Salman. Trump bezeichnete diesen als Freund, lobte und verteidigte ihn sogar. Und zwar, indem er behauptete, der Prinz habe entgegen den eigenen CIA-Erkenntnissen nichts von dem brutalen Mord an dem amerikanischen Journalisten Jamal im Oktober 2018 gewusst. Selbst diese moralische Bankrotterklärung des US-Präsidenten konnte das Thema des Tages nicht überschatten. Trumps Ablenkungsmanöver laufen ins Leere Das ist bemerkenswert. Denn seit vielen Jahren ist Trump erstaunlich erfolgreich darin, unliebsame Nachrichten einfach mit schierer Dreistigkeit und allerlei Lügen zu übertönen. Hier ein wütender Post gegen Demokraten, dort ein neuer Kulturkampf gegen Transgender-Menschen oder Kriegsrhetorik gegen amerikanische Städte – schon dreht sich oftmals die Debatte in eine andere Richtung. Doch ausgerechnet die Akten des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein erweisen sich als immun gegen Trumps Methoden. Sie sind der dunkle Fleck, der auf seiner vermeintlich weißen Weste immer wieder sichtbar wird, egal wie hektisch er mit Chlorbleiche darüber wischt. Epstein-Showdown im Kongress: Der Moment, der Trumps Machtspiel entlarvt Rebellion aus den eigenen Reihen Dass der Präsident nun von Mitgliedern seiner eigenen Partei und Bewegung gezwungen wurde, der Veröffentlichung der "Epstein Files" zuzustimmen, markiert eine politische Zäsur. Erstmals sind jetzt die Grenzen von Trumps Macht sichtbar. Wochenlang hatte Trump hinter den Kulissen Druck aufgebaut, um die Abstimmung im Kongress zu vereiteln. Er schreckte auch nicht davor zurück, seine einstige enge Verbündete, die MAGA-Abgeordnete Marjorie Taylor Greene, als "Verräterin" zu beschimpfen, weil sie es wagte, sich ihm zu widersetzen. Doch am Ende nützte es nichts: Die abtrünnigen Abgeordneten hielten stand. Trotz Trumps altbewährter Drohung, bei den kommenden Wahlen für das Repräsentantenhaus nicht sie, sondern mögliche Gegenkandidaten zu unterstützen. Am Ende musste Trump die Flucht nach vorn antreten, um diese blamable Niederlage zu vertuschen. Plötzlich forderte er alle Abgeordneten auf, der Veröffentlichung zuzustimmen. Wäre ihm aber wirklich daran gelegen, hätte der Präsident sich das ganze Theater auch sparen können. Die erste echte Machtprobe Das Ergebnis fiel mit 427 zu 1 im Kongress so deutlich aus wie im Senat, der die Vorlage unverändert annahm. Jetzt liegt das Problem auf Trumps Schreibtisch, und er muss sein Versprechen erfüllen, das Epstein-Transparenz-Gesetz zu unterschreiben. Egal, was am Ende dabei inhaltlich herauskommen wird: Trump hat noch vor Ablauf seines ersten Amtsjahres eine Machtprobe mit Vertretern der eigenen Bewegung verloren. Zu sehr hatte er sich daran gewöhnt, dass er im Stil eines Bulldozers das Parlament plattmachen kann. Der Mann, der den Republikanern seit Jahren seinen Willen aufzwingt, wurde überstimmt wie ein Parteichef ohne Machtbasis. Sein Versuch, das Thema als einen bloßen "Schwindel" der Demokraten abzutun, hat nur noch mehr Aufmerksamkeit darauf gelenkt. Ausgerechnet die Affäre, mit der Trump jahrelang politische Gegner attackierte, ist für seine Reputation die derzeit größte Gefahr. Eine Frage, die bleibt Es ist unklar, was in den Akten steht. Ebenso, welche Schwärzungen Trumps Justizministerium vorgenommen hat. Vielleicht belasten die Inhalte den Präsidenten am Ende nicht und klären wenig im Sinne der vielen Epstein-Opfer. Doch eine Frage wird sich weiterhin hartnäckig halten: Warum wollte der Präsident die Veröffentlichung mit solchem Furor verhindern, obwohl er im Wahlkampf das Gegenteil versprochen hatte? Trumps Justizministerin wird nun versuchen, die Veröffentlichung in seinem Sinne zu vereiteln. Unter dem Hinweis auf laufende Ermittlungen könnte manches zurückgehalten werden. Doch die amerikanische Öffentlichkeit, samt Teilen seiner MAGA-Basis, bleibt bei diesem Thema alarmiert. Jede weitere Verzögerung wird wie ein Schuldeingeständnis aussehen. Jeder Angriff gegen Journalisten, wie Trumps Beschimpfung einer Bloomberg-Reporterin als "Schweinchen", wirkt schon jetzt wie Nervosität. Jeder Versuch, den Skandal nur den politischen Gegnern anzulasten, wird weiterhin verpuffen. Trumps neue Instinktlosigkeit Der Epstein-Komplex ist mehr als nur eine Affäre. Er steht jetzt auch dafür, wie sehr sich Trumps politischer Instinkt offenbar von einem gesellschaftlichen Empfinden entfernt hat. Wo viele Amerikaner Gerechtigkeit für die Opfer fordern, zeigt er nur Sorge um sich selbst. Wo Abgeordnete Transparenz verlangen, sieht er Illoyalität und Verrat. Wo es schlicht um die Aufarbeitung sexueller Gewalt geht, vermutet er lediglich die politischen Waffen seiner Gegner. So undurchsichtig vieles an den Epstein-Akten noch immer ist: Der Fall ist für den Präsidenten zur Falle geworden. Er hat sie sich selbst gestellt.