Er gilt als kerniger Kommissar, prägt seit mehr als zwölf Jahren den "Tatort": Wotan Wilke Möhring. Im Interview spricht er über finanzielle Vorsorge und die Lage in Deutschland. An diesem Sonntag steht eine Besonderheit im Ersten an: Gleich zwei "Tatort"-Krimis füllen das ARD-Abendprogramm von 20.15 bis 23.15 Uhr. Wotan Wilke Möhring muss sich in seiner Rolle als Kommissar Falke um eine Drogenmafia kümmern, die keine Skrupel hat und ihr Einflussgebiet von den Niederlanden nach Deutschland ausweitet. Als t-online den Schauspieler am Telefon erreicht, ist schnell zu spüren, wie sehr den 58-Jährigen dieser Doppelfall beschäftigt hat. t-online: Herr Möhring, Sie sind seit 2013 beim "Tatort". Wie sehr hat sich der finanzielle Rahmen verändert, in dem Sie als Kommissar wirken können? Wotan Wilke Möhring: Auch wenn überall gespart werden muss – am Ende sind richtig schöne Filme entstanden. Bei einem Doppel-"Tatort", wie Sie ihn jetzt gedreht haben, sprechen wir von einem Budget in Höhe von rund vier Millionen Euro. Reicht das? Eine gute Geschichte braucht vor allem ein gutes Buch. Wenn das stark ist, kann man immer packende Filme drehen. Viele Menschen sorgen sich aktuell um ihre finanzielle Zukunft, bangen um ihre Rente . Ist das auch für Sie ein Thema? Natürlich. Nur weil ich bekannt bin, heißt das nicht, dass ich sorgenfrei bin. Klar, man muss schauen, woran man seinen Lebensstandard misst. Aber gerade, wenn man Kinder hat, denkt man automatisch anders. Die brauchen Sicherheit. Wie haben Sie das realisiert? Ich habe ehrlich gesagt sehr spät damit begonnen, vorzusorgen – nicht für mich, sondern für die Familie. Wie funktioniert das als Schauspieler konkret? Ich bin für den "Tatort" angestellt, also zahle ich auch in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Aber seien wir ehrlich: Davon kann man später nicht leben. Also versucht man, privat vorzusorgen – über Lebensversicherungen zum Beispiel. Immer weniger junge Menschen müssen für immer mehr Rentner im Land aufkommen. Wie lange geht das noch gut? Es geht ja leider schon länger nicht gut. Meiner Meinung nach müssten die Menschen viel mehr in die Selbstverantwortung entlassen werden – ihnen auch zutrauen, für sich selbst vorzusorgen. Das würde vielleicht auch die demografischen Probleme entschärfen. "Tatort"-Umfrage: Welches Team hat Sie 2025 am meisten überzeugt? Wie erleben Sie die gesellschaftliche Stimmung derzeit? Ich finde, wir reden uns oft zu schlecht. Da wird dann betont, dass das Wirtschaftswachstum nur bei 0,2 Prozent liegt – aber es wächst! Wir sind so geprägt vom "Mehr, mehr, mehr"-Denken, dass wir verlernen, einfach mal zufrieden zu sein. Ich finde, wir müssten uns viel öfter fragen: Was brauche ich wirklich? Was macht mich wirklich glücklich? Und was ist Ihre Antwort darauf? Da gibt es wohl keine allgemeingültige Antwort. Nicht zu rennen, nicht zu hetzen, nicht ständig zu optimieren. Auch mal stehen bleiben, umschauen, wahrnehmen. Und ich glaube, je mehr wir uns vom Digitalen entkoppeln – von Social Media, von Klickzahlen –, desto besser geht es uns. Das wahre Leben findet nicht auf Instagram statt. Oft weg von zu Hause, lange Drehtage, Stress am Set: Haben Sie schon mal ans Aufhören gedacht? Klar denkt man manchmal darüber nach. Aber? Bei mir hängt das nicht am Alter, sondern am Niveau der Projekte. Ich lehne mittlerweile viel mehr ab als früher – einfach, weil ich den Anspruch an mich und meine Arbeit hochhalten will. Wenn mich etwas reizt, wenn die Geschichte gut ist, bin ich dabei. Wenn nicht, dann eben nicht. Und wenn irgendwann der Moment kommt, an dem ich merke, dass mir der Job keinen Spaß mehr macht – dann höre ich auf. Aber solange das nicht so ist, bleibe ich dabei. In Ihrem neuen "Tatort" wird ein Staat skizziert, der schier hilflos einer skrupellosen Mafia gegenübersteht. Wie haben Sie das beim Dreh empfunden? Das ist genau das Spannende an diesem Fall: Die Bösen dürfen alles, der Staat dagegen muss sich an Regeln halten – und genau das nutzen Kriminelle gezielt aus. Sie kennen die Grenzen und wissen ganz genau, wie weit sie gehen können. Diese strukturelle Asymmetrie finde ich sehr gut beobachtet. Es gibt gute Gründe dafür, wieso staatliche Behörden Regeln befolgen müssen. Der Rechtsstaat ist ein hohes Gut, natürlich. Aber er steht sich manchmal auch selbst im Weg – durch Datenschutz, durch Fristen, durch Vorschriften. Das muss man immer wieder nachjustieren, auch politisch. Hat Sie diese Auseinandersetzung mit Polizeiarbeit in all den Jahren auch persönlich geprägt? Auf jeden Fall. Je mehr ich mich mit echter Polizeiarbeit beschäftige, desto mehr lerne ich – und entwickle auch privat einen realistischeren Blick auf Gerechtigkeit, auf Grenzen und Möglichkeiten. Dieses Bauchgefühl, das auch Falke oft hat – das ist wichtig, aber es reicht eben nicht. Es muss durch Fakten belegt werden. Das habe ich durch die Arbeit am "Tatort" gelernt, und das prägt auch meinen Kompass im echten Leben. Falke wirkt wie eine Rolle, die Ihnen sehr nahe ist. Gibt es da Überschneidungen? Absolut. Wir teilen zum Beispiel einen klaren moralischen Kompass, der Gerechtigkeit über alles stellt. Und ja, ich bin auch ein Bauchmensch – wie Falke. Aber natürlich gibt es Unterschiede. Schon durch die Uniform, durch die Sprache, durch die Haltung. Ich bin kein Polizist, ich spiele einen. Trotzdem fließt vieles ineinander – nachvollziehbar, nach über zwölf Jahren. Und wie gelingt es Ihnen, die Figur Falke von sich selbst abzugrenzen? Da helfen auch klare äußere Merkmale – etwa die Lederjacke oder bestimmte Schuhe, die ganz klar zu Falke gehören. Auch seine Art, mit Menschen zu sprechen, ist eine andere als meine. Aber natürlich: Wenn man sich über Jahre mit so einer Figur beschäftigt, wird sie Teil von einem. Trotzdem bin ich kein Ermittler, sondern Schauspieler – mit einer gesunden Distanz. Am Sonntag werden im Ersten zwei "Tatort"-Filme hintereinander ausgestrahlt: "Ein guter Tag" und "Schwarzer Schnee". Wotan Wilke Möhring verkörpert darin wie gewohnt Kommissar Falke. Dieser bekommt dieses Mal Unterstützung von Mario Schmitt (Denis Moschitto) und Lynn de Baer (Gaite Jansen). Im Anschluss an die ARD-Krimis läuft zudem die thematisch passende Doku "Heute Kids, morgen Killer – Rekrutiert fürs Verbrechen" im NDR .