Selten war die wirtschaftliche Aussicht in Deutschland derart düster. Es liegt an uns, daran etwas zu ändern. Ich denke dieser Tage oft an Stuttgart 21 . Nicht weil ich mich darüber aufregen möchte, dass wieder einmal ein deutsches Infrastrukturprojekt zeitlich und finanziell aus dem Ruder läuft. Sondern, weil ich zehn Jahre in Schwaben gelebt und oft genug den Stuttgarter Hauptbahnhof besucht habe. Über dem Bahnhofs-Hauptgebäude, das mittlerweile abgerissen ist, begrüßte die "Stadt der Ingenieure" Stuttgart ihre Besucher mit einem goldenen Hegel-Zitat: "Dass diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist." Mit anderen Worten: Man baut ein Land wie unseres nicht mit der Angst auf, dass es schiefgehen könnte. Sondern mit dem Mut, dass wir Probleme besser lösen als die anderen. Das ist unser Geschäftsmodell. Wir haben sonst nichts in diesem Land. Wir buddeln nichts aus der Erde und verkaufen es teuer weiter. Wir leben davon, dass wir Ideen haben, die sonst niemand entwickelt. Kurzum: dass wir besser denken und damit die Welt besser machen. Microsoft-Managerin: "Das ist eine Jahrhundertchance" Wie weit haben wir uns mittlerweile von diesem Anspruch zur Furchtlosigkeit entfernt. Statt mutig neue Irrtümer zu wagen, bahnbrechende Technologien zu entwickeln und die Chancen von Veränderungen zu diskutieren, konzentrieren wir uns auf die Gefahren. Früher haben wir Risiken getragen, heute Bedenken. Das hat vor allem drei Gründe, die wir schleunigst verstehen sollten, wenn wir dieses Land auf Fortschritt und Zukunftsfähigkeit ausrichten wollen. Wir richten unseren Fokus auf die Probleme von Veränderungen Erstens: Wir richten unseren Fokus auf die Probleme von Veränderungen, nicht auf die Möglichkeiten. Das hat in Deutschland Tradition und sich in drei Etappen tief ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt: In den 1980ern explodierte das Atomkraftwerk Tschernobyl . Mit verblüffendem Timing brachte Ulrich Beck fast zeitgleich das Buch "Risikogesellschaft" heraus. These: Man kann hochspezialisierte Technologie irgendwann prinzipiell nicht mehr kontrollieren. Das saß! Seitdem ist Kernkraft auf dem Rückzug. In den 1990ern stand Gentechnik im Zentrum deutscher Ängste. Das Klonschaf Dolly war Symbol für modernen Wissenschaftsgrusel. "Jurassic Park" schlug in die gleiche Kerbe wie Ulrich Beck: Wissenschaft lässt sich nicht kontrollieren. Laut einer YouGov-Umfrage aus dem Jahr 2020 lehnen es mehr als zwei Drittel der Europäer ab, neue gentechnisch veränderte Lebewesen in die Natur freizulassen, bis "wissenschaftlich erwiesen ist, dass ihre Freisetzung weder die Biodiversität, die menschliche Gesundheit, die Landwirtschaft noch den Frieden schädigt". Mit dieser ultimativen Forderung nach einem Nullrisiko hat sich das Thema Gentechnik ein für alle Mal erledigt. Denn seit Karl Popper ist philosophisch bewiesen: Die Abwesenheit von Dingen (auch von Gefahren) lässt sich nicht beweisen. Seit den 2000ern sind KI und Digitalisierung das Schreckgespenst. Kinofilme illustrieren KI-Apokalypsen. In Debatten gruselt man sich vor Massenarbeitslosigkeit oder der Weltherrschaft durch KI. Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage sind nur 18 Prozent der Deutschen ob des Fortschritts von KI optimistisch. Viel Glück, und gute Reise in die Zukunft. Es geht an dieser Stelle gar nicht darum, ob diese Technologien gut oder schlecht sind, sondern dass wir als Gesellschaft verlernen, den Blick auf die Möglichkeiten zu richten. "Omission Bias" nennt sich dieser psychologische Fehlschluss, den Sie praktisch in jeder Talkshow beobachten können, wenn über die Zukunft diskutiert wird: Was ist die Gefahr, wenn wir eine Technologie einsetzen? Was nicht gefragt wird: Was droht uns, wenn wir die Technologie nicht nutzen? Wie viele Menschenleben werden wir nicht retten, weil wir unser Gesundheitssystem nicht konsequent digitalisieren? Welche Geschäftsmodelle werden wir nicht entwickeln, welches Geld in 20 Jahren nicht verdient haben? Heute bejammern wir, dass es kein europäisches Google, Apple oder Meta gibt. Doch aktuell machen wir denselben Fehler wie vor ein paar Jahrzehnten und werden morgen deswegen betrauern, dass wir in den Zukunftstechnologien abgehängt sind. Wir haben die Fantasie verloren Zweitens: Wir haben die Fantasie verloren. Stattdessen sind wir Pessimisten, weil Pessimisten immer schlau klingen. Wer sich in eine Talkshow setzt und nach besten wissenschaftlichen Standards die Probleme der Welt analysiert, wird unweigerlich zu dem Schluss kommen: Die größten Probleme sind nicht lösbar – sonst wären es keine Probleme mehr. Die rationalsten Analytiker schreiben daher die Probleme in die Zukunft fort, bis am Ende nur noch Katastrophenszenarien einer in der Klimakatastrophe untergehenden Welt, von durch Vergreisung kollabierten Sozialsystemen oder einem strukturerodierten Stuttgart im Sinne Detroits übrig bleiben. Wenn ich an dieser Stelle schreibe, dass wir die größten Probleme anpacken und lösen werden. Dass wir das Rentenproblem gelöst bekommen, den Klimawandel gleich mit, und im nächsten Jahr Fußballweltmeister werden, Sie würden mich für einen weltfremden Spinner halten. "I have a dream", rief Martin Luther King Jr. in seiner visionären Rede. "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", zitieren wir altklug Altkanzler Helmut Schmidt und fühlen uns schlau. So verpassen wir das, was es für zukunftsfähige Veränderungen wirklich braucht: Fantasie, Mut und die Bereitschaft zum Irrtum. Oder wie der US-Investor Nat Friedman gesagt hat: "Pessimists sound smart, optimists make money." Wir vertagen die großen Probleme Drittens: Wir bohren die kleinen Bretter – und vertagen die großen Probleme. Was wurde in den letzten Wochen über die Steuermilliarden gestritten, mit denen man das Rentensystem subventionieren will. Es ging um 120 Milliarden Euro in den nächsten zehn Jahren. Das ist sicher eine Menge Geld – zeigt aber auch, wie klein wir international geworden sind. Zum Vergleich: Amazon alleine gibt pro Jahr gut 80 Milliarden nur für Forschung und Entwicklung aus. Das ist in etwa so viel wie alle deutschen Privatunternehmen zusammen. Da sind die geschätzt 100 Milliarden pro Jahr in KI- und Serverinfrastruktur noch gar nicht eingerechnet. Oder anders gesagt: Alleine Amazon gibt pro Jahr mehr Geld für neue Technologien und Ideen (also die Zukunft) aus, als hierzulande über das Verteilen von Sozialausgaben gestritten wird. Es ist löblich, dass beim hiesigen Innovationsgipfel in diesem Herbst Investitionen von über 600 Milliarden Euro bis 2028 angekündigt wurden – also etwa das, was alleine Amazon in derselben Zeit investiert haben wird. Um es klar zu sagen: Keine Politik der Welt kann es schaffen, derartige Investitionsvolumina alleine zu stemmen. Nur in einer Freisetzung des wirtschaftlichen Kapitals kann das gelingen. Dafür braucht es aber vor allem eines: weniger Bürokratie. Dem wird wohl jeder zustimmen. Doch weniger Bürokratie bedeutet auch: weniger Regulierung. Das finden schon weniger Menschen gut. Deswegen eskalieren wir unser Regulierungssystem, weil es so gerecht wirkt, wenn man für jede Ausnahme und Eventualität eine Einzelfallregel entwickelt. Schauen Sie neben Stuttgart 21 gerne auf das andere große Infrastrukturprojekt: den Fehmarnbelttunnel, der Deutschland und Dänemark verbinden soll. Während es von dänischer Seite gut 40 Einsprüche gegen das Projekt gab, gab es von deutscher über 12.000. Natürlich wurden alle diese Einsprüche abgewiesen – doch gäbe es eine schönere bürokratische Anekdote, um die deutsche Bedenkenträgerei dem skandinavischen Pragmatismus gegenüberzustellen? Die Aussicht für Deutschland ist nicht rosig Wir sind ein reiches, altes und sattes Land. Wobei, ich muss mich korrigieren. Allzu reich sind wir nicht mehr. Mit einem mittleren Vermögen von gut 100.000 Euro sind wir in Europa nur im Mittelfeld und liegen hinter Slowenien , Spanien und Italien . Der Trend ist ebenfalls nicht positiv: Sowohl das Ifo-Institut als auch das Kieler Institut für Weltwirtschaft prognostizieren für Deutschland eine wirtschaftliche Stagnation bis weit in die 2030er-Jahre hinein. Die Lösung wären weitreichende Strukturreformen, die Investitionen der Privatwirtschaft freisetzen, und staatliche Infrastrukturprogramme, die diese Investitionen flankieren. Leider steht zu befürchten, dass wir uns politisch lieber in Verteilungskämpfen wiederfinden statt in mutigen Reformen. "Es ist sehr viel leichter, jedem Einzelnen aus einem immer größer werdenden Kuchen ein größeres Stück zu gewähren, als einen Gewinn aus einer Auseinandersetzung um die Verteilung eines kleinen Kuchens ziehen zu wollen", schrieb Ludwig Erhard. So ganz verstanden ist der daraus folgende politische Imperativ nicht, wenn Bärbel Bas zum Kampf gegen die Arbeitgeber aufruft und die Linke einen sozialstaatlichen Verteilungskampf anzettelt. Zurück nach Stuttgart: Ich hoffe sehr, dass das goldene Hegel-Zitat wieder aufgehängt wird, wenn der Bahnhof fertig ist. Irgendwann. Denn wenn wir uns nicht mehr auf diese philosophische Stärke besinnen können, bleibt dieses Bahnhofsprojekt für mich ein ewiges Mahnmal für eine übersteuerte und fehlgeplante Unfähigkeit eines ehemals modernen Landes. Pardon, nun, ich motze selbst. Ich bin wohl zu deutsch. Hinweis der Redaktion: Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinungen der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.