Zwei Jahre nach seinem schweren Sturz lässt Aleksander Aamodt Kilde den traditionsreichen Weltcup in Wengen aus. Aus guten Gründen, wie er erzählte. Die Bilder seines Sturzes in Wengen vor zwei Jahren sind wohl vielen noch präsent – jetzt hat Aleksander Aamodt Kilde offen über die dramatischen Folgen gesprochen. Die Verletzungen, die der Norweger bei der Lauberhorn-Abfahrt erlitt, waren schwer: Die linke Schulter war nahezu komplett kaputt, sein eigener Ski trennte ihm 80 Prozent der Wadenmuskulatur ab. Doch damit nicht genug, denn eine Blutvergiftung brachte den 33-Jährigen später in Lebensgefahr. Die Dramatik des Ganzen fasste Kilde in einem Interview mit dem "Kicker" zusammen: "Was ich Ihnen genau sagen kann, ist, dass 80 Prozent meiner Wadenmuskulatur abgetrennt war. Ein bisschen tiefer und mein Ski hätte auch noch meinen Schienbeinknochen erwischt." "So etwas möchte ich nie wieder sehen" Und weiter: "Sie müssen wissen: Unsere Kanten sind messerscharf. Meine Wade war wie bei einer OP mit einem Skalpell geöffnet. Ratsch! Das Fleisch schaute schon heraus. So etwas möchte ich nie wieder sehen, das können Sie mir glauben." Schlimmer erwischte es demnach aber noch seine Schulter, wie Kilde erklärt. Das Einzige, was da noch ganz war, waren nämlich die Knochen. Der Ski-Star: "Alles andere war – bei einem Auto würde man Totalschaden sagen – zerrissen, zerfetzt. Also Sehnen, Muskeln, Nerven." Dennoch schien erst einmal alles gut zu verheilen, bis der Rückschlag kam: eine Infektion. "Diese dämliche Entzündung griff schon meine Knochen an. Die Bakterien fraßen sich förmlich in meine Knochen", so Kilde. Erst seine Verlobte, die amerikanische Skirennfahrerin Mikaela Shiffrin , erkannte den Ernst der Lage. "Ich bin zu Doc Miller. Er sah sich meine Schulter an. Sie war zu diesem Zeitpunkt schon rot, warm und geschwollen. Besser wurde es auch nicht, als er mir die Röntgenbilder zeigte: ‚Aleks, das ist richtig schlimm!‘", erinnert sich Kilde. "Normalerweise sind die Knochen, wie so ein Hundeknochen, gerade und glatt. Meine hingegen waren schon zackig, sie sahen aus wie die Felsspitzen im Grand Canyon. Ich hatte also keine Lebensmittelvergiftung, sondern eine fürchterliche Infektion in meiner ganzen Schulter. Sie haben mir sofort das Antibiotikum intravenös verabreicht." Drei Monate lang bekam der Norweger Antibiotika – für ihn ein "nicht enden wollender Albtraum". "Noch nie hatte ich solche Schmerzen. Ich dachte, ich sterbe. Es gab Tage in all dieser langen Leidenszeit, da wollte ich mir am liebsten meinen Arm abreißen", so Aleksander Aamodt Kilde. Erst im November vergangenen Jahres kehrte er nach 684 Tagen Pause in den Ski-Weltcup zurück. Ganz überstanden ist die Verletzung für ihn aber noch nicht. "Die Schulter zickt. Die Bewegungsfreiheit ist einfach noch nicht da. Mir fällt es heute schwerer, am Brenner meine Maut mit der Kreditkarte zu bezahlen, als ein Rennen zu fahren." Auf einen Start in Wengen verzichtete Kilde an diesem Wochenende deswegen. Bei Instagram schrieb er: "Dieses Jahr ist es einfach noch etwas zu früh." Stattdessen konzentriere er sich auf "das Training mit Tagen, an denen ich vier, fünf oder sogar sechs hochwertige Läufe absolvieren kann".