Moskauer U-Bahn im Detail: Dynamo
Bereits 1932 entstand der Plan, eine U-Bahn-Linie entlang des heutigen Leningradskij-Prospekts zu bauen. Im Generalplan für die Rekonstruktion Moskaus von 1935 wurde schließlich auch der Standort der Station „Dynamo“ endgültig festgelegt. Und tatsächlich war eine Station an dieser Stelle unverzichtbar – wie sonst hätten die 25.000 Zuschauer, die das Stadion „Dynamo“ fasste, zu den berühmten Moskauer Fußball-Derbys gelangen sollen?
Den Anhängern der Weiß-Blauen – den Farben des Dynamo-Klubs – war das Glück hold: Sie erhielten als erste in Moskau eine eigene U-Bahn-Station. Die Station „Spartak“ folgte erst 2014, „Lokomotiv“ 2016 und „ZSKA“ gar 2018. Die Fans des einst so renommierten Moskauer Klubs „Torpedo“ hingegen warteten vergeblich auf eine gleichnamige Station.
„Dynamo“ ist jedoch nicht nur die erste „Vereinsstation“ der Moskauer U-Bahn, sondern auch eine der architektonisch bemerkenswertesten. Der ursprüngliche Entwurf des oberirdischen Teils der Architekten Jakow Lichtenberg und Juri Rewkowski wurde als zu avantgardistisch abgelehnt. Stattdessen realisierte man den Entwurf von Dmitri Tschetschulin, der sich bei einer ausgedehnten Reise durch Italien und Griechenland inspirieren ließ. Die Bahnsteighalle stammt von Lichtenberg, der zuvor mit dem Entwurf der Station „Palast der Sowjets“ (heute „Kropotkinskaja“) große Anerkennung erhalten hatte. „Dynamo“ blieb sein letztes realisiertes U-Bahn-Projekt.
Das zentrale Gestaltungsthema der Station war selbstverständlich der sowjetische Sport. Sowohl die Mittelhalle als auch die Seitenschiffe sind mit Reliefs geschmückt. An den oberen Teilen der Pfeiler befinden sich Porzellanmedaillons, die in der Leningrader Porzellanmanufaktur gefertigt wurden. Ihre Schöpferin war die Bildhauerin Jelena Janson-Maniser, Ehefrau von Matwej Maniser, der die beeindruckenden Figuren in der Station „Ploschtschad Rewoljuzii“ schuf. Die Reliefs zeigen allegorische Darstellungen von 21 Sportarten, die bei den Spartakiaden der Völker der UdSSR ausgetragen wurden. Für einige dieser Reliefs dienten reale, damals bekannte Sportler als Modelle.
Bemerkenswert war auch der Bauprozess. Die Station „Dynamo“ liegt tief, fast 40 Meter unter der Erde, und wurde daher im bergmännischen Verfahren errichtet. Die Bauarbeiter standen vor erheblichen Herausforderungen, darunter Treibsande. Um diese Mischung aus Sand und Wasser zu durchqueren, musste sie künstlich gefroren werden: Die Arbeiter bohrten Löcher, füllten sie mit Kältemittel und trieben den Tunnel dann durch das gefrorene, feste Erdreich.
Die große Tiefe brachte jedoch auch Vorteile. So führten die Physiker Georgi Fljorow und Konstantin Petrschak 1940 nachts in der abgesperrten Station „Dynamo“ Experimente zum Uranzerfall durch. Die Tiefe bot Schutz vor kosmischer Strahlung. Die Versuche waren erfolgreich: Die Wissenschaftler entdeckten dabei die spontane Spaltung von Uran-Kernen. Während des Zweiten Weltkriegs diente „Dynamo“, wie auch andere Stationen der Moskauer U-Bahn, als zuverlässiger Luftschutzbunker.
Igor Beresin
Запись Moskauer U-Bahn im Detail: Dynamo впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.