Seit 1989 herrscht Ali Chamenei im Iran. In dieser Zeit hat er das islamistische Regime auf seine Person zugeschnitten. Aber wie gefestigt ist seine Macht? Als Ende des Jahres die Massenproteste im Iran ausbrachen, war auf den Straßen immer wieder ein Slogan zu hören: "Tod Chamenei, Tod dem Diktator". Die Führung in Teheran reagierte nach einem bekannten Muster: Sie kappte im ganzen Land das Internet und schickte regimetreue Sicherheitskräfte, um die Demonstrationen niederzuschlagen. Zehntausende Menschen könnten den Massakern zum Opfer gefallen sein . Aber wer ist der Mann, den die Demonstranten am liebsten tot sehen wollen? Iranische Revolutionsgarden : Die brutale Eliteeinheit des Ajatollahs Angriff auf den Iran? Dieses Mal könnte sich Trump verrechnen Seit mehr als drei Jahrzehnten steht Ajatollah Ali Chamenei an der Spitze der Islamischen Republik, wie sich das Mullah-Regime selbst nennt. Kaum eine Entscheidung im politischen, militärischen oder wirtschaftlichen System des Iran wird ohne Chamenei getroffen. Er hat den Iran schrittweise in eine auf ihn ausgerichtete klerikale Autokratie zugeschnitten und umgebaut. Dieser Werdegang zeichnete sich schon früh in seinem Leben ab. Chamenei gehörte früh zur Opposition gegen den Schah Chamenei wurde 1939 in Maschhad im Nordosten des Iran geboren. Er entstammt einer Familie schiitischer Geistlicher und war das zweite von acht Kindern. Früh erhielt er eine klassische religiöse Ausbildung in den theologischen Zentren Maschhad und Ghom – ein Weg, der ihn zunächst kaum von vielen anderen Klerikern seiner Generation unterschied. Prägend für seinen weiteren Werdegang wurde ein Treffen im Jahr 1957 mit Ajatollah Ruhollah Khomeini. Der spätere Revolutionsführer wurde für Chamenei zu einer zentralen ideologischen Bezugsperson. Khomeinis Vorstellung eines islamischen Staates, geführt von Geistlichen, fiel bei dem jungen Chamenei auf fruchtbaren Boden. In den 1960er-Jahren begann Chamenei, sich offen gegen das damals herrschende Schah-Regime zu engagieren. Er übersetzte religiöse Texte, hielt regimekritische Predigten und bewegte sich in oppositionellen Netzwerken. Dabei verband er schiitische Theologie mit einer politischen Agenda, die sich explizit gegen die als westlich und säkular empfundene Modernisierung des Landes richtete. Radikalisierung durch Schah-Reformen Die französische Denkfabrik Institut Montaigne ordnet Chamenei einer Generation von Geistlichen zu, die sich durch die gesellschaftlichen Reformen unter dem Schah radikalisiert habe. Mehrere Verhaftungen und Gefängnisaufenthalte folgten, bis Chamenei 1977 schließlich ins Exil gezwungen wurde. Mit dem Sturz des Schahs gelangte Chamenei 1979 in den inneren Machtzirkel der Islamischen Revolution. Er stieg rasch in den neuen Institutionen auf: Zunächst als Mitglied des Revolutionsrates, später ernannte ihn Khomeini zum Freitagsimam von Teheran – ein einflussreiches Amt, das religiöse Autorität mit politischer Macht verband. Kurz darauf wurde Chamenei zum stellvertretenden Verteidigungsminister ernannt. Die Revolution hatte ihm nicht nur eine Bühne, sondern auch Zugang zu den entscheidenden Machtapparaten verschafft. 1981 überlebte Chamenei einen Bombenanschlag während einer Predigt in einer Moschee in Teheran schwer verletzt. Sein rechter Arm ist seitdem teilweise gelähmt. Sprung an die Spitze der Republik Als Revolutionsführer Khomeini 1989 starb, stand das System vor einer offenen Machtfrage. Überraschend wählte der Expertenrat Ali Chamenei zum neuen Obersten Führer – obwohl er weder den religiösen Rang noch die charismatische Autorität seines Vorgängers besaß. Jahre später wurde bekannt, wie umstritten diese Entscheidung innerhalb der Führung war. Ein lange unveröffentlichter Mitschnitt der Expertenratssitzung zeigt, dass Chamenei sich selbst als ungeeignet betrachtete. "Man sollte Tränen für eine islamische Gesellschaft vergießen, die jemanden wie mich zum Anführer machen will", sagt er darin. Chamenei war wohl eher als Übergangslösung gedacht, nicht als Herrscher auf Lebenszeit. Was Chamenei damals übernahm, war kein gefestigter Machtapparat, sondern ein fragiles System, gezeichnet von acht Jahren Krieg gegen den Nachbarn Irak . Nach seiner Machtübernahme formte er dieses System um – Schritt für Schritt, konsequent und auf seine Person zugeschnitten. Der neue Machtapparat des Ajatollahs Eine seiner ersten Prioritäten war der Ausbau der Revolutionsgarden, die von der EU gerade als Terrorgruppe eingestuft wurden . Die ursprünglich als Schutztruppe der Revolution gegründete Organisation entwickelte sich unter Chamenei zu einer eigenständigen militärischen, politischen und wirtschaftlichen Macht. Parallel zur regulären Armee verfügen die Revolutionsgarden heute über eigene Bodentruppen, eine Marine, eine Luftwaffe sowie über weitreichende Geheimdienststrukturen. Zugleich kontrollieren sie ein milliardenschweres Wirtschaftskonglomerat, das von Bauunternehmen über Energiefirmen bis hin zu Finanzdienstleistern reicht. Diese wirtschaftliche Macht ist eng mit dem Obersten Führer verflochten und entzieht sich weitgehend der Kontrolle durch andere staatliche Instanzen. Die Kräfte, auf die sich Chameneis Herrschaft heute stützt, haben den einst säkularen iranischen Staat von innen praktisch ausgehöhlt. So kontrolliert Chamenei finanzielle Parallelstrukturen in Form religiöser Stiftungen und Vermögensfonds, die Milliardenbeträge bewegen und weitgehend außerhalb staatlicher Aufsicht agieren. Diese Mittel verschaffen ihm finanzielle Unabhängigkeit von Regierung, Parlament und Haushalt – und damit politische Autonomie. Zudem untersteht Chamenei eine Justiz, die institutionell unabhängig von der gewählten Regierung ist. Sie fungiert als zentrales repressives Instrument zur Absicherung der theokratischen Ordnung. Politische Verfahren, Todesurteile und Massenverhaftungen folgen dabei weniger rechtsstaatlichen Prinzipien als politischen Loyalitätsfragen. Weiter hat Chamenei die formal gewählten Institutionen des Systems durch informelle Doppelstrukturen entmachtet. Präsident, Parlament und Ministerien existieren weiter, doch zentrale Entscheidungen werden in Gremien getroffen, die direkt seiner Kontrolle unterstehen. Dauerfeinde Israel und USA Wenn sich Widerstand gegen dieses System formiert, folgt die Reaktion daher meist einem vertrauten Muster. In öffentlichen Ansprachen delegitimiert Chamenei Protestbewegungen als von äußeren Mächten gesteuert. Die Demonstrierenden seien Werkzeuge Israels, der USA oder westlicher Geheimdienste – eine Erzählung, die Protest nicht nur delegitimiert, sondern als ausländische Bedrohung inszeniert. Auf diese Rhetorik folgt stets Gewalt. Sicherheitskräfte setzen Tränengas, Gummigeschosse und scharfe Munition ein. Verhaftungen, Schauprozesse und Hinrichtungen dienen dabei nicht nur der Unterdrückung laufender Proteste, sondern auch zur Abschreckung für die Zukunft. Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts hat es im Iran mehrere große Protestwellen gegeben – ausgelöst durch manipulierte Wahlen, wirtschaftliche Krisen oder die brutale Behandlung der eigenen Bevölkerung. Jede dieser Bewegungen stellte die Legitimität des Systems infrage. Ernsthaft erschüttern konnten die Protestwellen das Regime aber nie. Die Selbstinszenierung ist missglückt Die Stabilität des Regimes beruht jedoch nicht allein auf Repression und institutioneller Kontrolle. Sie speist sich auch aus einer sorgfältig gepflegten Selbstinszenierung des Mannes an der Spitze. Chamenei hat sich über Jahrzehnte hinweg als moralisches Gegenbild zur westlichen Lebensweise präsentiert. In öffentlichen Auftritten zeigt er sich in schlichten Gewändern, vermeidet prunkvolle Inszenierungen und betont regelmäßig seine persönliche Bescheidenheit. Seit seiner Ernennung zum Obersten Führer 1989 hat er das Land nicht mehr verlassen. Prunk und Luxus verurteilt Chamenei als Ausdruck westlicher Dekadenz. Diese Inszenierung bekam erstmals 2013 Risse. Eine Recherche der Nachrichtenagentur Reuters zeigte damals, dass Chamenei über sein Amt ein weitverzweigtes Finanzkonglomerat kontrolliert, dessen Vermögenswerte auf rund 95 Milliarden US-Dollar geschätzt wurden. Die Mittel stammen demnach größtenteils aus Enteignungen, insbesondere von religiösen Minderheiten, politischen Gegnern und Unternehmern. Verwaltet werden sie von Stiftungen und Fonds, die direkt dem Büro des Obersten Führers unterstehen. Neigt sich Chameneis Herrschaft dem Ende zu? Zu seiner Selbstinszenierung gehört auch Chameneis Liebe zur Literatur. In Reden zitiert er regelmäßig klassische Werke, verweist auf Dichter und Schriftsteller, inszeniert sich als gebildeter, reflektierter Führer. Besonders häufig hat er dabei auf Victor Hugos "Les Misérables" Bezug genommen – was paradox wirkt. Hugos Roman erzählt von staatlicher Repression, sozialer Ungerechtigkeit und dem moralischen Anspruch auf Barmherzigkeit. Er sympathisiert mit den Gedemütigten und ihrem Aufbegehren gegen den Staat. Allerdings wurde "Les Misérables" erst vor wenigen Jahren vollständig ins Persische übersetzt. Ob Chamenei den Roman in dieser Form gelesen hat – und ob der Text inhaltlich verändert wurde –, ist unklar. Die Deutungshoheit über das Werk liegt, wie so vieles im Iran, letztlich bei Chamenei selbst. Während Ajatollah Ali Chamenei weiterhin in öffentlichen Ansprachen zur Ordnung mahnt und äußere Feinde für die Unruhen verantwortlich macht, wächst der Druck im Inneren des Landes. Die Proteste der vergangenen Monate richten sich nicht mehr gegen einzelne Gesetze oder politische Entscheidungen, sondern gegen das System selbst – und damit gegen den Mann an seiner Spitze.