"Der Chinese": Dunkelheit von der Stange
Eigentlich stimmen die Zutaten bei diesem 180 Minuten langen XXL-Thriller: eine Buchvorlage von Henning Mankell, exzellente Darsteller und diverse Grimmepreisträger hinter den Kulissen. Trotzdem wirkt das polyglotte TV-Gemetzel seltsam blutleer.
Nur am Anfang wagt dieser Krimi-Zweiteiler aus dem Jahr 2011 etwas Besonderes. Da wird die Stille eines kleinen schwedischen Dorfes zelebriert. Eine Unheil dräuende Beschaulichkeit, die sich über ruhige Kamerafahrten allmählich in ein Bild des Horrors verwandelt. Horror, der sich in den nächsten drei Stunden leider zunehmend in ein routiniertes deutsch-schwedisches Krimigefühl verwandeln wird. Der Plot: Fast alle Bewohner der mittelschwedischen Siedlung Hesjövallen wurden in ihren Häusern abgeschlachtet. Am Fernseher erfährt Richterin Brigitta Roslin (Susanne von Borsody), dass das Dorf ihrer Eltern ausgelöscht wurde. Gegen den Widerstand der örtlichen Polizistin Vivi Sundberg (Claudia Michelsen) beginnt Roslin mit eigenen Ermittlungen.
2008 erschien Henning Mankells Roman "Der Chinese". Allein in Deutschland verkaufte der melancholisch-kämpferische Schwede bis zu seinem Tod 2015 ein Gesamtwerk mehr als 15 Millionen Büchern. "Der Chinese" erweitert nun sein bekanntermaßen doppelbödiges Idyll seiner schwedischen Heimat. Der 650-Seiten-Schmöker zoomt hinüber zum Wirtschaftsgiganten China, er betrachtet dessen Version vom Manchester-Kapitalismus auf dem schwarzen Kontinent und schaut zurück zum Eisenbahnbau im Nevada des 19.Jahrhunderts. Eine Menge Stoff also, der in Roman und bewegten Bildern verknüpft werden will.
Im Film (Drehbuch: Fred Breinersdorfer, Léonie-Claire Breinersdorfer) findet Brigitta Roslin ein Seidenband in der Hand eines Opfers, das von einer Lampe des chinesischen Restaurants nahe des Tatorts abgeschnitten wurde. Bei Nachforschungen wird klar: Die Geschichte von Brigittas Familie ist verbunden mit brutalen Morden. Sie entdeckt, dass die Hintergründe des dörflichen Massakers sowohl die Zeit als auch den Globus umspannen.
Kritik an Kapitalismus und Kolonialismus heute wie gestern, die Suche eines – in diesem Fall weiblichen – einsamen Helden nach der Wahrheit, grandiose Landschaften und ihre abgründigen Bewohner. Irgendwie kommen einem diese Mankell-Zutaten reichlich bekannt vor. Regisseur Peter Keglevic ("Kongo") zeigt in seiner Verfilmung, dass er sein TV-Thriller-Handwerk zwar beherrscht, aber nicht unbedingt für verstörende Brüche oder das Anfertigen tiefer Charakterstudien steht. Den zweiten Teil zeigt 3sat am Mittwoch, 11. Februar, ebenfalls um 22.25 Uhr.
Der Chinese – Mi. 04.02. – 3sat: 22.25 Uhr