Ganz schön was los bei RTL. Da liefert das Dschungelcamp samt Quotenerfolg allen Grund zum Schampusspritzen und siehe da: Die eigenen Leute spucken in die Suppe. Eine TV-Moderatorin, die ihre Aussage zu einer Entlassungswelle zurücknehmen muss. Eine Unterhaltungsshow, die einen ihrer Kandidaten so lange hofiert, dass er am Ende zum Sieger gekürt wird. Und 600 Menschen, die um ihre Jobs bangen. Die Ereignisse bei RTL überschlagen sich. Zeit, sie unter dem Brennglas zu grillen. Eine Glosse. Als Katja Burkard in dieser Woche von einem " der schwärzesten Tage in der Geschichte von RTL " sprach und damit nicht die Krönung des Dschungelkönigs Gil Ofarim meinte, staunte man nicht schlecht. Aber die 60 Jahre alte Moderatorin wusste natürlich, wovon sie sprach. Schließlich verbringt Burkard bereits die Hälfte ihres Lebens bei RTL. Und die Senderhoheit meinte den Tag, an dem der Abbau von rund 600 der insgesamt 7.500 Stellen im Konzern verkündet wurde. Besonders betroffen ist mit 230 Jobs ausgerechnet RTL News, welches auch die Produktion von Katja Burkards Sendung "Punkt 12" übernimmt. Dabei hatte RTL noch vor fünf Jahren eine Offensive im Seriösen versprochen, neue Informationssendungen gestartet, Leute wie Pinar Atalay und Jan Hofer ins Haus geholt – und Berufspöbler wie Dieter Bohlen vom Hof gejagt. Eine längst vergessene Zeit. Inzwischen gelten Nachrichtensendungen bei RTL wieder als eine vom Aussterben bedrohte Art – wenn sie nicht längst den TV-Tod gestorben sind. Grüße gehen raus an "RTL direkt"! Bei RTL klappen Leute zusammen: nur anders als gedacht Übrig bleiben Sendungen wie das Dschungelcamp, einst die seriöse Hochburg der Reality-TV-Sparte. Einst, weil in diesem Jahr eine Verschiebung stattgefunden hat, die auch Tage später noch in deutschen Wohnzimmern mit dem Diskussionsprädikat "hitzig" ausgefochten wird. Auch beim zweiten Teil von Katja Burkards RTL-Enthüllung wurde man hellhörig. Sie sprach davon, bei RTL seien "Leute zusammengeklappt" und unweigerlich dachte man: Ah, stimmt, der Gil Ofarim auf seinem Weg zur Krone – welch ein Spannungsdrama, als er da bei der Prüfung mit dem Kopf aufgeschlagen ist. Aber Burkard meinte natürlich die gekündigten RTL-Mitarbeiter. Burkard nahm allerdings den Kollektivkollaps umgehend zurück, so wie ihre Kollegen Sonja Zietlow und Jan Köppen eben Gil Ofarim in den Dschungel zurückholten, nachdem dieser hingefallen, zusammengeklappt, was-auch-immer war. Burkard sagte, ihr sei etwas passiert, "was man eh nicht machen sollte und als Journalistin schon dreimal nicht: etwas weitererzählen, was man selbst nicht gesehen hat". Eins, zwei, drei: Ja, stimmt, Journalisten glauben nur, was sie auch selbst mit eigenen Augen gesehen haben – und deshalb sind nicht sichtbare Davidsterne für RTL auch kein Thema. Am Tag der Umstrukturierungen hat es also bei RTL keine Rettungswageneinsätze gegeben, und ob mehr Leute wegen der Schmalspurkomik von Stefan Raab umgekippt sind als sonst, ist auch nicht überliefert: "Mein RTL", ein Spitzenprogramm mit Spitzen. Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung, wertes Publikum Womit wir wieder beim Zusammensturz des Herrn Ofarim, entschuldigen Sie, des Dschungelcamps wären. Aufgrund des massiven Personalabbaus bei RTL scheint dort der Moralkompass abhandengekommen zu sein. Denn die Inszenierung von "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" darf dieses Jahr in der Kategorie "gewöhnungsbedürftig" einsortiert werden. Da wurde Gil Ofarim trotz seiner Lügen als Opfer dargestellt. Auf Rückfrage, warum der größte Privatsender des Landes seiner Verantwortung nicht nachkam und mithilfe seines sonst so mitteilsamen, wie scharfzüngigen Moderationsduos keine Einordnung lieferte, gab es die interessanteste aller Antworten: Das Format lasse "alle Protagonisten unzensiert sprechen" und ermögliche es den Zuschauern somit, "sich mithilfe der begleitenden Presseberichterstattung, dem intensiven Diskurs auf Social Media und in Begleitformaten sowie Diskussionen in ihrem persönlichen Umfeld ihre eigene Meinung zu bilden und durch Anrufe aktiv in den weiteren Verlauf der Sendung einzugreifen". Da war er wieder: der Humor, der das Dschungelcamp schon immer so stark gemacht hat, nur dieses Mal aus der Feder der Presseabteilung und nicht der von Micky Beisenherz . Soll doch das Publikum selbst urteilen. Genial. Danke, "Mein RTL", denkt sich der Zuschauer da, wenn er künftig dauerrecherchierend das Smartphone in der Hand hat oder das Tablet vor der Nase oder das Lexikon auf dem Schoß. Alles hängt eben mit allem zusammen, und "der schwärzeste Tag in der Geschichte von RTL" färbt auch auf das Dschungelcamp ab. Weniger Mitarbeiter, weniger Einordnung durch den Sender, mehr Eigenverantwortung des Publikums. Es wäre kein Wunder, wenn vor lauter Multitasking und Second-Screening bald reihenweise RTL-Zuschauer umkippen.