Japan rüstet auf, China droht und sanktioniert: Seit Takaichis Wahlsieg in Japan eskaliert der Streit zwischen Tokio und Peking spürbar. Im schlimmsten Fall wird aus politischer Härte ein militärischer Konflikt – über Taiwan hinaus. Es ist ein Konflikt, der aktuell im Schatten anderer Krisen steht. Dabei ist er brandgefährlich – und er spitzt sich immer weiter zu. Chinas Außenminister Wang Yi nahm auf der Münchner Sicherheitskonferenz Japans Kurs gegenüber Taiwan ins Visier – und verband ihn mit einem Vorwurf, der in Ostasien toxischer kaum sein könnte: dem "Geist des Militarismus", dem angeblichen Wiederaufleben japanischen Militarismus. Dabei nutzte er die historische Keule: Im Gegensatz zu Deutschland und seinem Nazi-Erbe habe Japan seine Vergangenheit nicht aufgearbeitet, so Wang. Japan glorifiziere Kriegsverbrecher – und Japan gefährde mit seiner Taiwan-Rhetorik Chinas territoriale Ordnung. Tokio reagierte ungewohnt hart. Das Außenministerium protestierte formell, die chinesischen Aussagen seien "faktisch falsch und unbegründet", hieß es in einer Stellungnahme. Japan liest Wangs Münchner Attacke als Versuch, Japan international zu delegitimieren, und als Warnung, dass China die Eskalationsdominanz beansprucht. China und Japan streiten auf offener Weltbühne, der Konflikt eskaliert immer mehr. Im schlimmsten Fall droht ein militärischer Konflikt. Nicht, weil er gewollt ist. Sondern weil Abschreckung, Gesichtsverlust und Innenpolitik eine Spirale erzeugen, die schneller sein kann als jede Krisendiplomatie. Erstes Treffen des Friedensrates: Xi und Putin kehren Trump den Rücken Krisenmodus in München : Alle im Raum halten den Atem an Streit spitzt sich zu Ungewohnt offen greifen sich beide Länder öffentlich an. Die japanische Ministerpräsidentin Sanae Takaichi hatte bereits im November im Parlament angedeutet, Japan könne militärisch reagieren, wenn China Taiwan angreife. Später entschuldigte sie sich für die Form, nahm die Aussage aber nicht zurück. In Peking gilt genau das als Provokation. Denn die Wiedervereinigung mit Taiwan ist für die chinesische Führung keine außenpolitische Frage, sondern ein zentraler Teil ihrer historischen Mission. Wer daran rührt, rührt am Kern der politischen Ideologie von Xi Jinping . China antwortete darauf nicht nur mit Rhetorik, sondern mit einem Werkzeugkasten, der in Asien seit Jahren gefürchtet ist: Sanktionen, Reisehinweise, Importbeschränkungen – und eine permanente Drohkulisse im Ostchinesischen Meer. In den vergangenen Monaten riet China seinen Bürgern von Japan-Reisen ab, drosselte Exporte, die für Japans Hightech-Industrie entscheidend sind. Sogar Pandas wurden Teil des Konfliktes. So verlangte Peking, dass alle Bären, die von China verliehen wurden, Japan verlassen. Sie seien laut Peking "Symbole der Freundschaft". Schon im Herbst hatte die chinesische Führung vor einer "vernichtenden" Niederlage gewarnt, sollte Japan im Taiwan-Konflikt eingreifen, während chinesische Einheiten nahe Japans Küste übten und Pekings Küstenwache im Gebiet um die Senkaku- und die Diaoyu-Inseln patrouillierte. Der Streit um diese Inseln ist ein weiterer Brandbeschleuniger. Vier unbewohnte Felsen, verwaltet von Japan, beansprucht von China – und politisch hoch aufgeladen. Jeder Zwischenfall dort ist ein Test: Wie schnell reagieren Küstenwache, Marine, Politik? Rückendeckung von Trump Der Konflikt zwischen China und Japan ist aber längst nicht mehr nur bilateral. Er ist eingebettet in den größeren Machtkampf zwischen den USA und der Volksrepublik. Donald Trump gratulierte Takaichi Anfang Februar zu ihrem "erdrutschartigen Sieg" bei den Wahlen in Japan und lobte ihre Agenda "Frieden durch Stärke". Washington und Tokio betonen die Allianz, US-Vertreter machen klar: Ein starkes Japan stärke auch die USA in Asien. Für Peking ist genau das der zentrale Punkt. Es sieht Japan nicht nur als Nachbarn, sondern als Vorposten des amerikanischen Bündnissystems. Takaichi wiederum braucht die USA und schmeichelt sich beim Mann im Weißen Haus ein. Japan erhöht die Verteidigungsausgaben, investiert in Abschreckung, sucht Rückendeckung. Doch diese Strategie hat eine Sollbruchstelle: Tokio ist ökonomisch verwundbar. Der Leiter des Tokio-Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung, Sven Saaler, nannte im Deutschlandfunk Takaichis China-Linie "riskant". Er wies darauf hin, Japan sei militärisch unterlegen und wirtschaftlich abhängig. "Chinas Wirtschaftsmacht ist fast fünfmal so groß", sagte er. Die japanische Regierung bedient sehr patriotische Strömungen im Land. Doch auf dem Papier ist Japan gegenüber China militärisch und wirtschaftlich unterlegen – ohne Rückendeckung aus Washington. Trumps Wankelmütigkeit ist mit Blick darauf auch für Japan ein Sicherheitsrisiko. Deshalb versucht die japanische Regierung, ihre Beziehungen zu Europa zu stärken. "Es wäre eine schwerste Straftat" Japanische Aufrüstung und zunehmender Patriotismus trifft auf eine immer größer werdende chinesische Risikobereitschaft. Im Dezember kam es bereits zu einer kleinen militärischen Eskalation. Chinesische J-15-Kampfflugzeuge starteten vom Flugzeugträger "Liaoning" und flogen offenbar vor der Insel Okinawa in Richtung des japanischen Luftraums. Als wiederum alarmierte F-15-Kampfjets aus Japan aufstiegen, aktivierten die chinesischen Flugzeuge ihr sogenanntes Feuerleitradar. Eine Zielerfassung mit dem Feuerleitradar gilt als militärische Aktion Chinas gegen Japan. Mehr zu dem Vorfall lesen Sie hier. Gleichzeitig wächst das Risiko, dass ein konkreter Zwischenfall unabsehbare Folgen hat. Ein Beispiel ist der Konflikt um ausschließliche Wirtschaftszonen (EEZ) und Fischereirechte: Mitte Februar wurde etwa ein chinesisches Fischerboot laut Berichten von japanischen Behörden nach einem Eindringen in Japans EEZ gestoppt, beschlagnahmt, der Kapitän festgesetzt und später freigelassen. Takaichi verteidigte das Vorgehen öffentlich und kündigte an, Kontrollen zu verschärfen. Solche Fälle wirken klein – können aber groß werden, wenn sie innenpolitisch ausgeschlachtet werden und die Gegenseite "Handlungsfähigkeit" demonstrieren muss. Parallel läuft der zweite große Konfliktstrang: die Deutung der Geschichte. China greift immer wieder das Narrativ vom japanischen Militarismus auf – und trifft damit einen wunden Punkt. Der Yasukuni-Schrein in Tokio ist dafür ein politischer Sprengsatz: Dort werden auch verurteilte Kriegsverbrecher verehrt. Takaichi kündigte nach dem Wahlsieg an, die Rahmenbedingungen für einen Besuch "überarbeiten" zu wollen. China reagierte mit scharfer Kritik. Regierungssprecher Lin Jian sagte: "Es wäre Verrat, die Geschichte zu vergessen. Es wäre eine schwerste Straftat, das Kriegsverbrechen zu verschweigen." Kalkulierte Abschreckung mit diplomatischer Hintertür Es war also kein Zufall, dass Chinas Außenminister Wang Yi ebendieses Thema in München aufgriff. Seine Rede zeigte aber vielmehr: Beide Seiten tragen den Konflikt bewusst in die Weltöffentlichkeit – weil sie verstanden haben, dass in diesem Machtkampf auch Deutungshoheit zählt. Das Dilemma ist auch aus japanischer Perspektive offensichtlich: Takaichi hat ihren Wahlsieg auch mit Härte gewonnen. Umfragen zeigen, dass viele Wähler ein robustes Auftreten gegenüber China begrüßen. Wer innenpolitisch auf Stärke setzt, kann außenpolitisch schwer zurückrudern, ohne sein Image zu beschädigen. China wiederum will nicht den Eindruck erwecken, es lasse sich von Japan – und indirekt von den USA – herausfordern. Und genau so entsteht ein Sicherheitsdilemma: Was die eine Seite als Selbstschutz verkauft, liest die andere als Bedrohung. Noch ist der militärische Konflikt aber nicht zwangsläufig. Es gibt auch Stimmen in China, die auf Pragmatismus setzen: Man müsse einen Mittelweg finden, ohne dass eine Seite das Gesicht verliere, heißt es von China-Experten. Und auch aus Japan wird betont, Dialogkanäle sollten offen bleiben. Doch je häufiger beide Seiten an den neuralgischen Punkten drehen – Taiwan, Senkaku, Geschichte, Militär –, desto kürzer wird die Lunte. Sicher ist: Wenn beide Seiten weiter öffentlich eskalieren, wird nicht die Absicht entscheiden, sondern der nächste Zwischenfall. Und der könnte schneller kommen, als die Diplomatie reagieren kann.