Der Planet heizt sich auf, die Folgen sind bereits einschneidend. Doch die "grüne Transformation" stößt verstärkt auf Ablehnung. Soziologe Philipp Staab erklärt, wie unsere Gesellschaft in eine Identitätskrise geriet. Die Klimakrise eskaliert, das bestreiten die wenigsten. Während Menschen noch vor kurzer Zeit auf den Straßen für besseren Klimaschutz demonstrierten – oder sich auf den Asphalt klebten –, herrscht nun auffällige Stille. Das hat seinen Grund, diagnostiziert Philipp Staab, Autor des Buches "Systemkrise". Die Gesellschaft befindet sich in einer schweren Systemkrise, sagt der Soziologe. Warum erzeugt die grüne Modernisierung mittlerweile so viel Widerstand? Wie agiert die AfD unter diesen Umständen? Und wie lässt sich die Zukunft wieder positiv sehen? Diese Fragen beantwortet Staab im Gespräch. t-online: Professor Staab, die Existenz der Klimakrise wird nur noch von Donald Trump und anderen Hartgesottenen geleugnet. Gleichwohl scheint das Projekt der ökologischen Transformation ausgelaugt. Woran liegt das? Philipp Staab: In den letzten zehn Jahren ist die Klimapolitik aus den Höhen des Pariser Klimaabkommens im Alltag der Menschen angekommen. Was als normal gilt, wird nun in Teilen problematisiert: Was man isst, wie man reist, womit die eigene Wohnung geheizt wird. Die Einzelnen sind direkt betroffen und als Träger der Erneuerung der Gesellschaft gefragt. Die Transformation wird von großen Teilen der Bevölkerung aber nicht als Versprechen auf Fortschritt und Verbesserungen wahrgenommen, sondern als eine weitere Bedrohung ihrer Lebensweise. So lässt sich das Zusammenspiel von Bevölkerung, Wirtschaft und Staat nicht in Gang setzen. Es ruckelt im Getriebe der Gesellschaft? Es kracht geradezu. Wir konnten in den vergangenen Jahren den Versuch beobachten, die Bekämpfung des Klimawandels in eine Fortschrittserzählung zu überführen. Man denke nur an Olaf Scholz' Satz von den Wachstumsraten der Nachkriegszeit, die zurückkehren sollten, wegen der Investitionen in den Klimaschutz. Damit hat man auf dramatische Weise an der Grundstimmung in der Gesellschaft vorbeigezielt: Die Klimafrage konfrontiert die Menschen mit der Tatsache, dass der Fortbestand eines lebensfreundlichen Planeten keine Selbstverständlichkeit ist. All das geschah und geschieht auch noch in einer Zeit, in der die liberalen Demokratien ohnehin massiv unter Druck stehen. Die alte Weltordnung erodiert, Donald Trump betreibt im Namen der USA eine erratische Geopolitik und die AfD ist in Deutschland bei Wahlen ziemlich erfolgreich. Lässt der Klimawandel die Menschen mittlerweile sprichwörtlich "kalt"? Nein. Die Menschen sind sogar äußerst besorgt deswegen. Wenn wir soziologische Umfragen heranziehen, wird schnell deutlich, dass kaum ein anderes Phänomen die Leute derart beunruhigt. Das gilt häufig sogar für Menschen, die sich aktiv gegen grüne Projekte wie Windräder engagieren. Worin besteht dann das Problem? Ihr Buch "Systemkrise" spürt den Ursachen nach. Das grundlegende Problem besteht darin, dass die Erfahrung und Erwartung bedrohlicher Veränderungen viele Menschen in eine defensive Grundhaltung bringt. Wer hier Fortschritt verspricht, ist kaum glaubwürdig. Eher werden Maßnahmen gegen die Erderwärmung als eine weitere Zumutung in einer Welt voller Anpassungsdruck erfahren. Einige machen trotzdem missmutig mit, andere gehen nur noch auf Abwehr. Am Ende ist da keine soziale Gruppe, die die Transformation wirklich trägt. Der gemeinsame Nenner ist die Wahrnehmung, dass die Zukunft nicht mehr besser sein wird? Große Teile der Bevölkerung erwarten von der Zukunft eher eine Verschlechterung, ja. Langfristig betrachtet hat vor allem die befürchtete Öko-Apokalypse den ehemals rosaroten Horizont dunkel eingefärbt. Hoffnungen richten sich nun darauf, den Status quo noch so lange wie möglich zu erhalten. Man wünscht sich Gegenwartsverlängerung, also das Gegenteil von Transformation. Dieses Vorhaben dürfte zum Scheitern verurteilt sein. Man kann die Zeit nicht anhalten. Aber man kann es sehr wohl versuchen. Wie sinnvoll das ist, sei dahingestellt. Vor einem Jahr wurde in der Bundestagswahl der verbliebene Rest der einstigen Ampelkoalition abgewählt, die sich die grüne Transformation auf die Fahne geschrieben hatte. Insbesondere Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck galt vielen als Feindbild. Habeck musste reichlich einstecken. Denken wir an die damaligen Bauernproteste am Brandenburger Tor zurück oder wie Habeck beim Versuch, eine Fähre zu verlassen, von mehreren Demonstrierenden genötigt worden ist. Er stand ironischerweise für die Zumutung der Veränderung. Dabei war er gar kein Verfechter radikalen Wandels: E-Autos zum Beispiel sollen ja gerade nicht die Art verändern, wie wir gesellschaftlich Mobilität organisieren, sondern das bestehende Modell verlängern – nur eben mit Batterien statt mit Benzin. Mit Wärmepumpen soll es möglich werden, viel Wohnraum möglichst klimaneutral zu nutzen, statt sich stark einschränken zu müssen. Das klingt doch im Prinzip genau nach der Gegenwartsverlängerung, die die Menschen sich wünschen? Ja. Aber Modernisierung braucht auch bestimmte Voraussetzungen, um zu funktionieren. Es reicht nicht, dass man nur verspricht, dass die Dinge besser oder eben nicht schlechter werden. Die Menschen müssen auch daran glauben. Das war in der Geschichte der Bundesrepublik lange Zeit durchaus der Fall. Systemvertrauen war vorhanden. Heute liegen die Dinge anders: Wenn politisch goldene Zeiten versprochen werden, ist das kaum mehr anschlussfähig an das Bild, das die Menschen von der Welt haben. Wie das? Tatsächlich sind Wissen und Aufklärung ein entscheidender Grund. Kaum ein anderes Phänomen hat in unserer Gesellschaft in den letzten vier Jahrzehnten so nachdrücklich an Bedeutung gewonnen wie die ökologische Frage. Jedes Kind weiß heute darüber Bescheid und macht sich Gedanken darüber. Das gesellschaftliche Bewusstsein über die Bedrohung ist ausgeprägt. Das ist einerseits gut, andererseits überfordert es die Menschen auch. Der Klimawandel und die ökologische Misere sind seit Jahrzehnten ein Sorgenthema, aber historisch doch eher neu. Spielt das eine Rolle? Das ist tatsächlich so. Die liberalen Demokratien sind der Herausforderung auch nahezu allesamt auf die gleiche Weise entgegengetreten: durch ökologische Modernisierung und den Versuch, so etwas wie einen grünen Kapitalismus zu errichten. Der Kapitalismus erfordert immer ein Wachstum. Angestrebt wird ein Kapitalismus, der alle Vorzüge mit sich bringt: Er soll Jobs, Produkte und Dienstleistungen, kurzum Wohlstand generieren, aber ohne die negativen Effekte wie die Zerstörung von Umwelt und Klima. Es fällt zunächst schwer, daran etwas Negatives zu finden? So sollte man denken. Dennoch zeigten etwa die Proteste um Habecks Heizungsgesetz, wie allergisch auch große Teile einer weitgehend aufgeklärten Bevölkerung reagieren, wenn die Veränderungen auf einmal die eigene Lebenswelt betreffen. Und selbst unter solchen Personen, die beruflich von der grünen Modernisierung profitierten, haben wir seinerzeit in einer Studie wenig Enthusiasmus gefunden. Kaum einer wollte hier für das Programm der öko-kapitalistischen Erneuerung in die Bresche springen. Was war Ihre Reaktion? Wir waren doch ziemlich überrascht. Lange ist es noch nicht her, dass Hunderttausende für den Klimaschutz auf die Straße gingen, nun herrscht gewaltige Ernüchterung. Das zeigt, dass sich etwas verändert hat. Der Raum der Möglichkeiten hat sich im Bewusstsein der Menschen immer mehr geschlossen. Es herrscht die gruselige Vorstellung, dass es mit der Welt irgendwie zu Ende geht. Entsprechend verengt sich der politische Spielraum? Er ist ziemlich eng geworden. Der ganze politische Prozess findet vor dem Hintergrund der Wahrnehmung statt, dass uns die Zeit ausgegangen ist. Zunächst gab es in der frühen Bundesrepublik eine Art Abkommen zwischen System und Bevölkerung: Loyalität gegen Wohlstand. Das haben die Studentenbewegungen und die Neuen Sozialen Bewegungen dann später aufgebrochen. Danach ging es stärker um Emanzipation und individuelle Spielräume, was die Legitimität des Systems erneuerte. Nun stehen wir erneut an einem Scheideweg? Die ökologische Frage hat die Vorstellung, dass es bei der Entwicklung der Gesellschaft um immer mehr Selbstverwirklichung, um immer weiterwachsende Spielräume für die Einzelnen gehen könne, gründlich erschüttert. Heute stehen Selbsterhaltungsängste im Vordergrund. Es geht nicht mehr darum, was es zu gewinnen gibt, sondern darum, was verloren zu gehen droht. Angst schlägt Hoffnung. Jeder will erst mal das behalten und bewahren, was er hat. So allgemein ist das sicher eine starke Zuspitzung. Aber die Grundstimmung trifft es schon. Vor allem der erregtere Teil des "Team Gegenwart" wendet die eigene Furcht auch zunehmend aggressiv nach außen. Im Fall der Proteste gegen grüne Transformationspolitik könnte man sagen: Die Wut richtet sich ausgerechnet gegen diejenigen, die zur Bearbeitung des Problems angetreten sind. Es ist, als würden die Bewohner eines brennenden Hauses die Feuerwehr vertreiben wollen. Ich sehe wirklich die große Gefahr, dass wir auch hierzulande noch stärker ins Irrationale abdriften. Worauf wollen Sie hinaus? Wenn Gefühle von Angst und Ohnmacht nicht verarbeitet werden können, suchen sie sich im Zweifelsfall ein anderes Ventil. Ich denke, man muss Phänomene wie das Leugnen des Klimawandels, die Verschärfung von Fremdenfeindlichkeit oder das offene Zurschaustellen staatlicher Gewalt wie zuletzt in den USA auch als Ausdruck der beschriebenen Situation verstehen. Man muss die Aufklärung über den Klimawandel und andere Errungenschaften der liberalen Ära heute wieder verteidigen. Dazu gehört es auch, ein neues Verhältnis zur ökologischen Frage zu entwickeln: Die Klimakrise ist schlimm und wird noch viel schlimmer werden. Aber das bedeutet nicht, dass wir als Gesellschaften überhaupt keine Spielräume mehr haben oder die Welt im Stile von Hollywood untergeht. Wir müssen lernen, Ängste zu akzeptieren, statt sie zu verdrängen, denn Angst erzeugt ja auch Handlungsdruck auf politischer Ebene. Ein Problem ist sicher auch, dass dem Staat nicht unbedingt zugetraut wird, der Sache gewachsen zu sein. Vermutlich spielen auch die Erfahrungen der Corona-Pandemie dabei eine Rolle? Das denke ich auch. Allerdings setzt die Wahrnehmung, dass der Staat unangemessen in die Privatsphäre der Bürger eindringt, schon früher an. Etwa seit den 1980er-Jahren hat er die Einzelnen immer stärker auch in die Pflicht genommen: Als der Wohlfahrtsstaat als zu teuer befunden wurde, sollten die Individuen selbst vorsorgen, als der Arbeitsmarkt mehr Flexibilität forderte, sollten Beschäftigte immer mehr Risiken selbst tragen. Das Heizungsgesetz schlug genau in diese Kerbe: Der Staat, personalisiert durch Habeck, schien nun im eigenen Keller angekommen zu sein, dort, wo man es sich warm macht und kostbare Erinnerungsstücke lagert. Da gab es einen Kurzschluss. Dabei subventioniert der Staat die grüne Transformation durchaus. Das erzeugt aber auch keine Zustimmung. In die Lausitz flossen Milliarden. Heute holt die AfD dort über 40 Prozent der Stimmen. Die AfD nutzt den Frust. Dieses Spiel betreibt sie auch sehr erfolgreich. Die Rechte schafft es, den Frust der Menschen zu kanalisieren und auf vermeintlich handhabbare Felder zu richten. Statt sich mit dem komplizierten Umbau der Energiesysteme herumzuschlagen, kann die Rechte medienwirksam Abschiebungen fordern oder inszenieren und damit zeigen: Wir sind handlungsfähig. Die Nachricht an die Menschen ist, dass auch sie mit solchen Ersatzhandlungen ihrer Ohnmacht entkommen können. Haben Sie einen entsprechenden Ratschlag, wie man der AfD auf diesen Feldern besser entgegentreten kann? Das Klimathema ist im Moment politisch verbrannt. Das will niemand anrühren. Es wird aber zurückkommen in den politischen Konflikt. Bis das in großem Stil der Fall ist, müsste ökologische Politik sich stärker daran ausrichten, auch kurzfristige Gelegenheiten zu nutzen, wenn sie sich bieten. Ereignisse wie die Flutkatastrophe im Ahrtal, wo die Erschütterung, aber auch die Solidarität der Menschen so stark war, sollten viel mehr zur politischen Neuaufstellung genutzt werden. Es besteht also trotz allem Grund zum Optimismus? Absolut! Ich habe seit dem Fall des Eisernen Vorhangs keine Zeit erlebt, in der so viele politische Veränderungen wie heute möglich waren. Viele dieser Veränderungen sind bedrohlich. So offenbaren sie uns aber auch, was uns wichtig ist. Wir erleben eine Öffnung der Geschichte. Genau aus dieser Erkenntnis lässt sich Kraft und Zuversicht schöpfen. Professor Staab, vielen Dank für das Gespräch.