Die Meisterschaft scheint schon vor dem Topspiel zwischen dem BVB und den Bayern entschieden zu sein. Die Dortmunder müssen sich deswegen aber keineswegs grämen. Am Samstagabend ist es mal wieder so weit. Deutschlands größter TV-Exportschlager steht auf dem Programm: das Spiel, bei dem rund 200 Nationen und Abermillionen von Zuschauern einschalten. Das Duell, dessen Rivalität einen Hauch von spanischer Eleganz in die deutsche Medienlandschaft bringt. Der Klassiker, einstweilen gar als deutscher Clásico betitelt. Borussia Dortmund gegen den FC Bayern ist im Frühjahr 2026 wieder ein echtes Topspiel. Der Tabellenzweite empfängt den Ersten, beide mischen auch in der Champions League noch mit. Und doch sind die Gefühlswelten rund um beide Klubs denkbar unterschiedlich. Während sich die Münchener mit berauschendem Offensivfußball berechtigte Hoffnungen auf sämtliche Titel machen dürfen, ist beim teils bieder auftretenden BVB eine weitere titellose Saison – es wäre die fünfte in Folge – weitaus realistischer. Dortmund stand selten so gut da wie aktuell "Man muss auch mal den Anspruch haben als BVB , auch mal den Fans zu sagen: Wir wollen Meister werden", hatte Nico Schlotterbeck Anfang Februar gesagt. Tatsache aber ist, dass die Dortmunder vor dem direkten Duell acht Punkte hinter den Bayern liegen und zudem ein um 37 Treffer schlechteres Torverhältnis haben. Seit dem siebten Spieltag hat der BVB durchgehend mindestens sechs Zähler Rückstand auf den FCB . Im DFB-Pokal ist die Borussia zudem bereits ausgeschieden, in der Champions League gelten andere Klubs als Favoriten. Dem stehen aber beachtliche Zahlen in der Bundesliga gegenüber. Der BVB hat erst ein Saisonspiel verloren, nämlich das Hinspiel in München (1:2). Nur dreimal hatten die Dortmunder nach 23 Spieltagen mehr Punkte auf dem Konto als jetzt (52) und seit der vergangenen Meistersaison nicht mehr so wenig Gegentore wie aktuell (22). Zum meteorologischen Frühlingsanfang sprießt damit nebst Krokussen und Tulpen auch eine Frage aus dem Boden: Wie ist diese Dortmunder Saison zwischen Topzahlen und möglicher Titellosigkeit zu bewerten? Der Stil mag nicht so berauschend wie einst unter Jürgen Klopp oder so dominant wie unter Thomas Tuchel und Lucien Favre sein. Aber Niko Kovač hat es geschafft, der Borussia wieder Konstanz einzuimpfen. Geschafft hat er das vor allem über die Aspekte Fitness, Intensität und Disziplin. Die BVB-Profis haben die drittmeisten intensiven Läufe und die viertmeisten Sprints absolviert. Auch die Laufdistanz hat enorm zugenommen: Vor drei Jahren war die Borussia in der Hinsicht noch das schwächste Team der Liga, nun steht sie immerhin auf dem neunten Rang. "Was wichtig ist im Sport, und meines Erachtens wird das immer mehr vernachlässigt: Fußball ist eine Laufleistungssportart. Man muss körperlich fit sein", erklärte Kovač seinen Ansatz im Gespräch mit Sky. Fitness sei die entscheidende Grundlage, führte der Trainer aus: "Wenn das gegeben ist, muss ein Spieler nicht darüber nachdenken, ob er einen Lauf mitmacht. Es funktioniert einfach." Starke Beine machen es also auch für den Kopf leichter. Die Mentalität, in Dortmund ein über Jahre verhasstes Diskussionsthema, ist somit plötzlich zur Stärke geworden. Der BVB überwindet regelmäßig Widerstände, entscheidet auch mäßige Spiele für sich. In den letzten 30 Minuten erzielen nur die Bayern mehr Tore. Ohnehin hat Borussia Dortmund nach den Münchenern die zweitbeste Offensive (49 Treffer) sowie die zweitbeste Defensive (22 Gegentore) der Bundesliga. "Ich will Fußball nicht immer nur auf die Physis reduzieren, denn ich glaube schon, dass wir uns auch fußballerisch in eine sehr gute Richtung entwickelt haben", so Kovač, der in dieser Saison Schritte nach vorn erkannt hat. Der Erfolg darf in Dortmund nicht nur an Titeln gemessen werden Es ist eine Entwicklung, die Dortmund fraglos wieder näher an die Bundesliga-Spitze herangeführt hat. Der Verein hat momentan 20 Punkte mehr auf dem Konto als zum selben Zeitpunkt in der Vorsaison. Damals standen die Borussen auf dem zehnten Rang und zogen letztlich nur dank einer furiosen Aufholjagd unter Kovač noch in die Champions League ein. Dieses für den BVB finanziell wie sportlich so wichtige Ziel erreicht der Coach in dieser Saison wohl mit Leichtigkeit. Der Vorsprung auf den fünften Rang beträgt bereits elf Punkte. Nach oben aber ist der Abstand ähnlich groß. Die Bayern sind in vielerlei Hinsicht mit einem riesigen Vorsprung in die Saison gestartet: Finanziell sind sie dem BVB enteilt, ihr Kader ist mit mehr Erfahrung und Qualität bestückt. Vincent Kompany ist zudem bereits in seiner zweiten vollen Saison im Amt. Die Dortmunder Spielzeit daher nur an Titeln zu bewerten, ist Kovač gegenüber nicht fair. Dass viele Erfolge nur äußerst knapp zustande gekommen sind, darunter mehrere Siege über Abstiegskandidaten, darf jedoch ebenso wenig vernachlässigt werden wie die Niederlagen in Topspielen gegen Bayern, Leverkusen (DFB-Pokal) oder Inter Mailand (Champions League). Die Wahrheit liegt folglich in der Mitte: Der BVB steuert auf eine gute Übergangssaison zu. Nach Jahren des Bangens um die CL-Ränge ist das ein klarer Fortschritt. Dafür sprechen neben der reinen Verbesserung der Ergebnisse auch die Weiterentwicklung in Teilaspekten wie der Fitness sowie eine grundsätzlich erhöhte Konstanz. Gleichwohl mangelt es dem Team offensiv immer mal wieder an Esprit und Kontrolle. Nach Führung haben die Borussen in der Bundesliga bereits zehn Punkte verspielt. Vieles hängt nun auch von Sebastian Kehl ab Eine gar hervorragende Übergangssaison zeichnet neben den sichtbaren Fortschritten auch aus, dass sich der positive Trend in der darauffolgenden Spielzeit fortsetzt. Der BVB müsste 2026/27 also tatsächlich um Titel mitspielen. Ob dies möglich sein wird, ist offen. Bei Nico Schlotterbeck, einem der herausragenden Leistungsträger, zeichnet sich ein Wechsel anstatt einer Vertragsverlängerung ab. Emre Can und Julian Brandt hingegen sollen bleiben, obwohl beide ein Gesicht der Dortmunder Wankelmütigkeit der vergangenen Jahre sind. Ohnehin hat Sebastian Kehl, seit Sommer 2022 Sportdirektor in Dortmund, mit seinen Transfers auch schon reichlich Kritik auf sich gezogen. Im vergangenen Sommer investierte er knapp 100 Millionen Euro in Neuzugänge und erzielte damit ein Transferminus. Vor allem aber zündeten teure Spieler wie Jobe Bellingham oder Carney Chukwuemeka bisher nicht. Yan Couto und Fábio Silva etablieren sich aktuell zwar als brauchbare Alternativen, ein richtiger Volltreffer aber ist Kehl zuletzt nicht geglückt. BVB-Berater Matthias Sammer soll Kehl daher "schon länger kritisch" sehen, wie Sky berichtet. Der Sportdirektor muss sich in den kommenden Monaten abermals beweisen. Legt er nach der Verpflichtung des brasilianischen Toptalents Kauã Prates weitere vielversprechende Transfers nach, beseitigt bestehende Schwächen im Kader und findet in der Personalie Schlotterbeck eine starke (Nachfolge-)Lösung, würde die Kritik wohl abklingen. Und Borussia Dortmund könnte nach einer guten Übergangssaison die Bayern angreifen.