Caren Miosgas Talk macht wenig Hoffnung auf einen Regimewechsel im Iran. Außenminister Wadephul lässt mit einer Äußerung zu gestrandeten Bundesbürgern aufhorchen. Die jüngsten Angriffe Israels und der USA und der Tod des Obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei haben das iranische Machtgefüge endgültig ins Wanken gebracht – mit möglicherweise weitreichenden Folgen. "Caren Miosga" richtete mit ihrer Talkrunde am Sonntagabend den Blick auf die unsichere Lage in der gesamten Region und fragte: "Krieg in Nahost – stürzt jetzt das Regime im Iran ?" Gäste: Johann Wadephul (CDU), Bundesaußenminister Omid Nouripour (Bündnis 90/Die Grünen), iranisch-deutscher Bundestagsabgeordneter Azadeh Zamirirad, Iran-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik Annett Meiritz, "Handelsblatt"-Korrespondentin für Außen- und Sicherheitspolitik Peter Neumann, Professor für Security Studies am King’s College London "Es ist eine Illusion, zu glauben, dass dadurch, dass man eine Person tötet, so mächtig sie auch sein kann, dieses ganze System wie ein Kartenhaus zusammenfällt", gab der Politologe Peter Neumann zu bedenken. Der Iran sei schließlich kein Ein-Mann-System, so der Experte für internationale Sicherheit. Generell zeigte sich der Wissenschaftler skeptisch, dass sich mit Luftschlägen allein ein Umsturz herbeiführen ließe. Dafür könnte es nach den Worten Neumanns außerdem schon zu spät sein, da die Protestbewegung durch die Massaker der Regierung an den Demonstranten inzwischen stark geschwächt sei. "Jetzt mal zynisch gesprochen: Der Patient ist bereits verstorben", führte Neumann unmissverständlich aus. Expertin hält iranischen Machtapparat für intakt Ein Regimewechsel sei, bei aller Sympathie für die Hoffnung darauf, nicht das wahrscheinlichste Szenario, stimmte ihm Azadeh Zamirirad zu. Die im Iran geborene Politikwissenschaftlerin erinnerte ebenso daran, dass der US-Präsident Donald Trump und der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nicht dieselben Ziele verfolgten wie die iranischen Regimegegner. Auch sei der eigentliche Machtapparat jenseits der Staatsideologie erschreckend stabil. "Es ist sehr viel einfacher, wenn wir uns die Islamische Republik angucken, diesem System den Turban zu entreißen als die Waffen", fasste die Iran-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik ihren Gedanken bildhaft zusammen. Das Sicherheitssystem hinter der klerikalen Führungsspitze sei sehr intakt, sehr einsatzfähig, wahnsinnig gewaltbereit und gut organisiert, so Zamirirad. Trotzdem werde es mit jedem Schlag schwächer, wandte der ebenfalls aus dem Iran stammende Omid Nouripour ein. Das Regime schäle sich nach und nach und sei durch die immense Korruption in den eigenen Reihen zusätzlich anfällig. Er habe einerseits Schwierigkeiten, sich über den Tod einer Person zu freuen, aber andererseits Verständnis dafür, dass er nur freudige Gesichter sehe, wenn er aktuell mit Menschen aus dem Iran rede, kommentierte der außenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion den tödlichen Angriff auf Chamenei. Dieser sei schließlich der Kopf des Terrorsystems gewesen und habe jeden Schritt in Richtung Freiheit unterdrückt. Talkrunde hält sich mit Trump-Kritik auffallend zurück Den Gedanken, dass sich ausgerechnet Donald Trump aktuell zum Hoffnungsträger für die iranische Bevölkerung aufschwingt, bezeichnete Nouripour als "gar nicht mal so absurd". Die antiamerikanische und antiisraelische Propaganda, die schon auf dem Schulhof beginne, sei nach Jahrzehnten so "ausgewaschen", dass die Menschen ohnehin nicht mehr daran glaubten. "Es gibt wahrscheinlich die meisten Sympathien im Nahen Osten bei den Menschen im Iran", vermutete der Grünen-Politiker. Das Handeln des US-Präsidenten erntete während des TV-Talks auch sonst auffallend wenig Widerspruch. Trump habe es innerhalb kürzester Zeit nach dem Beginn der Angriffe geschafft, die zahlreichen negativen Stimmen – auch und vor allem in Europa – zum Verstummen zu bringen, stellte Annett Meiritz fest. "Auch unser Minister Wadephul hat Donald Trump kein einziges Mal kritisiert", sagte die "Handelsblatt"-Korrespondentin mit Bezug auf das eingespielte Interview, das Caren Miosga vor der Sendung mit dem Bundesaußenminister geführt hatte. Der CDU-Politiker hatte darin von einem ruchlosen und grenzenlosen Regime gesprochen, das es verdiene, aufs Härteste bekämpft zu werden. Es sei immer eine Gefahr gewesen, auch für Deutschland, erklärte Wadephul. Man habe nicht das Recht, die eigenen Partner – gemeint waren Israel und die USA – für das militärische Eingreifen zu kritisieren, wenn man sich selbst, trotz des Bewusstseins für die Gefährdung, nicht dazu in der Lage sehe, bestätigte Wadephul ähnliche Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz zu dem Thema. Nouripour schüttelt über Wadephul den Kopf Der Außenminister bereitete das Publikum außerdem auf einen länger anhaltenden Konflikt vor. "Es ist nicht vorhersehbar, dass wir innerhalb der nächsten Tage mit einem Ende der Kampfhandlungen rechnen können", sagte Wadephul. Bundesbürgern, die derzeit aufgrund gesperrter Flughäfen keine Möglichkeit hätten, aus der Krisenregion zurück nach Deutschland zu reisen, riet der Außenminister dazu, "auf dem Landweg ein Nachbarland zu erreichen, wo noch geflogen wird." Sobald es erneut wieder möglich sei, würden die Flugverkehrsunternehmen Charterverbindungen einrichten. Für diese Äußerungen hatte Nouripour nur Kopfschütteln übrig. Eine Bundesregierung könnte, wie in der Vergangenheit bereits geschehen, den angesprochenen Landweg durchaus selbst für ihre gestrandeten Bürger organisieren, sagte der Grünen-Politiker. Die Regierung habe einen Eid geschworen, diesen Leuten auch in einer solchen Situation zu helfen, vorhergehende Warnungen hin oder her. "Sollen sich jetzt die deutschen Touristen mit den russischen Touristen in Dubai darum prügeln, wer welches Auto mieten kann?", fragte der grüne Außenpolitiker in polemischem Tonfall. Am Ende dürfte es sich dabei aber nur um ein vorübergehendes Problem dieses Großkonflikts mit unabsehbarem Ende handeln. Hingegen wird die Wucht, mit der sich die weltpolitische Lage in den Vordergrund jeder Diskussion drängt, der Politik hierzulande wahrscheinlich länger zu schaffen machen. Der "Caren Miosga"-Talk lieferte dafür selbst ein anschauliches Beispiel. Ursprünglich hatte die Moderatorin im Gespräch mit Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas der überfälligen Debatte über den Reformbedarf des deutschen Sozialstaats neuen Schwung verleihen wollen. Donald Trumps Programm sah anderes vor.