Erziehung: Mit dem Kind Englisch reden – obwohl die Muttersprache Deutsch ist?
Immer mehr deutsche Eltern sprechen mit ihren Kindern Englisch. Ist das eine gute Idee? Ja, aber die Entscheidung muss überlegt sein, meint der Linguist Jürgen Meisel.
Das eigene Kind soll bestmöglich gefördert werden, natürlich auch sprachlich. Viele werdende Eltern beschäftigt die Frage, ob sie mit ihrem Nachwuchs Englisch sprechen sollen, auch wenn die Muttersprache beider Elternteile Deutsch ist. Dahinter steht das Wissen um Englisch als Weltsprache und die Hoffnung, dass die Frühförderung dem eigenen Kind später Vorteile bringen wird.
Das Phänomen sei zunehmend in Großstädten zu beobachten, schreibt eine Person im Onlineforum Reddit. Eltern würden mit teilweise erschreckend wenig eigenem Können mit den Kindern Englisch sprechen. Die Kinder würden sich daraufhin weigern und antworteten auf Deutsch. Für den Linguisten Jürgen Meisel sei das ein Extrembeispiel. Er ist emeritierter Professor für Romanische Philologie an der Universität Hamburg und hat 12 Jahre den Sonderforschungsbereich „Mehrsprachigkeit“ geleitet.
Grundsätzlich sei eine mehrsprachige Erziehung eine gute Idee, das Warum solle jedes Elternteil für sich selbst beantworten. Wenn Eltern, die eigentlich nicht mehrsprachig sind, mit ihrem Kind Englisch sprechen, wird das vom Umfeld oft skeptisch gesehen. „Ein Problem ist die Überambitionierung der Eltern“, sagt Jürgen Meisel. Im Grunde sei die wichtigste Frage: Wie kann ein harmonisches Familienleben gestaltet werden? Hier solle das Sprechen einer zusätzlichen Sprache nicht zum Problem werden. Ansonsten würden Kinder von einer mehrsprachigen Erziehung nur profitieren, meint Jürgen Meisel.
Denn: Alle Menschen werden mit einer Spracherwerbsfähigkeit geboren. Wir lernen von Geburt an, eigentlich sogar schon pränatal – das schließt auch Mehrsprachigkeit ein. Wenn wir also nur mit einer Sprache aufwachsen, lassen wir im Grunde eine Chance aus.
Das Alter spielt eine Rolle
Im Alter von wenigen Monaten ist vor allem die Phonologie, also das Hören relevant. Ab ungefähr einem Jahr werden die ersten Wörter gesprochen und ab circa 1,5 Jahren kommen die ersten Mehrwortäußerungen. „Es braucht keine spezielle Förderung, man muss nur mit den Kindern reden“, sagt Jürgen Meisel.
Mit fünf bis sieben Jahren allerdings nimmt die Spracherwerbsfähigkeit qualitativ rapide ab – genau im Einschulungsalter der Kinder, wenn mit dem Englischunterricht begonnen wird. Wenn Kinder also möglichst früh eine zweite oder dritte Sprache hören und interaktiv benutzen, bekommen sie das „umsonst“, was sie später nur mit mehr Aufwand lernen.
Im Erwachsenenalter sind Menschen unterschiedlich sprachbegabt. Manche lernen eine neue Sprache mühelos, andere sind beinahe resistent. Bei Kindern sei das nicht so, sagt der Lingusit: „Alle Kinder sind in den ersten drei bis fünf Jahren sprachbegabt“.
Worauf Eltern achten sollten
Eigentlich muss man also nichts weiter tun, als mit den Kindern zu interagieren. Wichtig sei aber zu beachten, dass Kinder nur das lernen, was sie hören: „Wenn also ein Elternteil mit dem Kind Englisch spricht, sollte das möglichst ab dem ersten Tag geschehen. Wenn das Elternteil einen starken Akzent hat, oder systematisch grammatikalische Fehler macht, wird das Kind das auch so erlernen.“
Bestimmte Voraussetzungen gibt es aber: „Das Kind sollte möglichst früh, spätestens aber mit drei Jahren in Kontakt mit Muttersprachlern oder anderen bilingualen Kindern kommen. Dem Kind sollten Angebote gemacht werden, die Dinge, die es gerne tut, auch in der anderen Sprache tun zu können.“ Kinder orientieren sich an ihrer Bezugsgruppe, der sogenannten Peergroup. Im Kontakt mit Muttersprachlern würden sich auch Fehler automatisch ausbessern. Es gilt: Je größer das Umfeld um das Kind, das die Fremdsprache spricht, desto besser. Das Kind passiv vor eine englische Serie oder einen Podcast zu setzen, wird also nicht viel bewirken.
Selbst im schlimmsten Fall, wenn ein größeres Umfeld nicht bestehe und das Kind mit Fehlern Englisch lerne, gebe es laut dem Experten einen großen positiven Effekt: „Der Erwerbserfolg ist trotzdem erheblich besser, als wenn das Kind erst in der 1. Klasse beginnt, Englisch zu lernen.“
Kinder lernen auch in der Schule nicht immer perfektes Englisch
Die Sorge, dass Kinder mit einem fehlerhaften Englisch in Konflikt mit dem Schulenglisch kommen könnten, sieht Jürgen Meisel als Klage auf hohem Niveau: „Auch in der Schule lernen Kinder nicht perfekt Englisch und ein deutscher Akzent ist auch bei bilingualen Kindern nicht ungewöhnlich“. Wenn die Kinder sich dann eine Zeit lang in dem jeweiligen Land aufhalten, würde auch der Akzent verschwinden.
„Es gibt keinerlei wissenschaftliche Untersuchung, die belegen würde, dass dadurch ein Defizit entsteht, das nicht mehr zu beheben wäre. Im schlimmsten Fall ist die erworbene Sprache eben nicht auf einem muttersprachlichen Niveau.“ Viele Menschen hätten eben ideologische Vorbehalte und fänden das kurios.
Wenn das Kind bereits früh mit einer Fremdsprache in Kontakt kommt, geht es in erster Linie um den Satzbau, also die Syntax. Vokabeln hingegen sind ein Leben lang lernbar.
Eltern sollten sich vor allem fragen, was das Ziel des Spracherwerbs ist. Will man erreichen, dass das Kind eine muttersprachliche Kompetenz erwirbt, oder reicht es, wenn das Kind flüssig die Sprache verstehen und hören kann?
Eltern sollten sich selbst prüfen
Eltern müssen sich also fragen: Traue ich mir selbst zu, diese Sprache über mehrere Jahre jeden Tag mit meinem Kind zu sprechen? Zärtlichkeit, Liebe, Zorn, Angst – all diese Gefühle müssen dann in der Fremdsprache ausgedrückt werden. Auch wenn ich mal ungeduldig oder im Stress bin, sollte ich nicht ins Deutsche wechseln.
Hinter einer Sprache steht ein ganzes Weltbild. Kenne ich Kinderlieder und Reime in der jeweiligen Sprache? Habe ich persönliche Bezüge zu dem Land, in dem die Sprache gesprochen wird?
Da eine Sprache zu einem großen Teil von kulturellen Bezügen geprägt ist, seien viele Nuancen einer Sprache nie umfänglich zu verstehen, wenn man nicht im jeweiligen Land lebt und sozialisiert werde.
Muttersprache ist Teil der Persönlichkeit
Der gravierendste Fehler wäre es, irgendwann zu entscheiden, doch wieder ins Deutsche zu wechseln. „Das hat spracherwerbstechnische, aber auch psychische Folgen für manche Kinder“, erklärt Jürgen Meisel. Die Sprache sei vor allem für Kinder ein Teil der Persönlichkeit. „Wenn Eltern dann plötzlich die ‚falsche‘ Sprache sprechen, werden Kinder oft sehr zornig und innerlich aufgewühlt. Man sollte also vermeiden, ein oder zwei Jahre mit dem Kind Englisch zu sprechen und dann wieder aufzuhören.“
Im Alter von ungefähr drei Jahren kommen Kinder in Kontakt mit Gleichaltrigen. Wenn sie dann merken, dass sie anders sind, kann das Unbehagen auslösen. „Das kann so weit gehen, dass manche Kinder in der einen Sprache dann verstummen.“ Wenn das Kind die Sprache also nicht mehr sprechen will, sollte es auf keinen Fall dazu gezwungen werden. Selbst wenn das Kind über einen längeren Zeitraum die Sprache nicht spricht, sollten Eltern das gelassen nehmen: „In einer Langzeituntersuchung konnte festgestellt werden, dass der Spracherwerb trotz einer langen Pause von über einem Jahr nicht aufhört.“ Eltern müssen also einen langen Atem haben.