Enjoy Jazz: Die Kugelgestalt der Zeit
Von Matthias Roth
Heidelberg. Für den Jazz hatte der Komponist Bernd Alois Zimmermann ein offenes Ohr. Mehr noch: Er integrierte ihn als Blues, Spiritual oder Free-Jazz-Element in seine Werke, etwa das Trompetenkonzert oder die Oper "Die Soldaten". Darüber hinaus arbeitete er mit Jazzern wie Manfred Schoof (Trompete) oder Alexander von Schlippenbach (Klavier) zusammen, die auch seine Schüler waren.
Aber Zimmermann war an vielen Stilen interessiert oder nahm auf sie Bezug: Seine Vorstellung von der "Kugelgestalt der Zeit" basierte auf der Gleichzeitigkeit verschiedener temporärer Ebenen und Epochen. Ein schönes und wenig bekanntes Beispiel für seine breiten Interessen sind Zimmermanns vierstimmige Aussetzungen von Volksliedern im Stil des 16. Jahrhunderts, die um 1947 entstanden. Die Schola des Heidelberger Klangforums ließ sie in einer Veranstaltung in Kooperation mit dem Festival Enjoy Jazz im Betriebswerk hören und verblüffte damit manchen Besucher. Das klang, als sei’s von Senfl, und zeigte Zimmermanns Versuch, sich die Musik einer Musikepoche vollkommen anzueignen. Eine Methode, die auch sein späteres Schaffen beeinflussen sollte.
Tochter Bettina Zimmermann trug mit Moderator Rainer Peters Abschnitte aus dem Dokumentarband "con tutta forza" (Wolke Verlag, 34 Euro) vor und flocht auch manche Anekdote über ihren Vater als Kontext zur Musik in die Veranstaltung ein. So schien das authentische Bild eines Komponisten auf, der seiner Zeit oft voraus war, auch wenn er seinen Zeitgenossen als schwierig und seine Musik häufig als "unspielbar" galt.
"Unspielbar" schien um 1961 auch die Musik zum Ballett "Présence, die hier von Ekkehard Windrich (Violine), J. Marc Reichow (Klavier) und Jessica Kuhn (Cello) mit ausdrucksstarker Gebärde aufgeführt wurde. Die Cellistin war auch mit den "Vier kurzen Studien" aus dem Todesjahr 1970 zu hören, auf die wiederum Jan Kopp Bezug nahm in seinen "Mimosen" für Solo-Cello und drei Stimmen. Das Auftragswerk des Klangforums nahm subtil die Klangfarbe der ersten Cello-Studie auf, dachte sie weiter.