Tag der Wiederbelebung in Buchen: Keine Angst vorm Retten
Von Martin Bernhard
Buchen. (rnz) Die ersten drei bis fünf Minuten sind entscheidend, wenn ein Mensch wegen eines Herzstillstands zusammenbricht. Harald Genzwürker, Chefarzt der Neckar-Odenwald-Kliniken, ist davon überzeugt, dass Laien die Überlebensrate der Opfer verdoppeln könnten. Sie müssten nur Wiederbelebungsmaßnahmen ergreifen. Mit dem heutigen internationalen "Tag der Wiederbelebung" will man Menschen dazu ermutigen, im Notfall zu helfen beziehungsweise an einem entsprechenden Kurs teilzunehmen.
Ein Herzstillstand tritt in der Regel plötzlich und unerwartet ein: beim Einkaufen, auf der Couch im Wohnzimmer, am Arbeitsplatz, während eines Konzerts oder im Festzelt. Genzwürker berichtet von Fällen, in denen in der Region Menschen das Leben gerettet wurde. Denn Laien überbrückten durch ihr entschlossenes Handeln die Zeit, bis professionelle Rettungskräfte eintrafen. Sie retteten damit Leben. Die Betroffenen führen oft wieder ein ganz normales Leben.
Vor fünf Jahren rangierte Deutschland in Europa auf dem vorletzten Platz bei Reanimationen durch Laien mit einer Quote von rund 20 Prozent. In skandinavischen Ländern lag diese bei über 60 Prozent. Durch intensive Öffentlichkeitsarbeit und Schulungen stieg dieser Wert im vergangenen Jahr in Deutschland auf rund 42 Prozent. Das ist jedoch nicht genug. "Die Überlebensrate könnte deutlich höher sein", sagt Genzwürker.
Man müsse den Menschen die Angst nehmen, im Notfall etwas falsch zu machen. "Nichts tun ist keine Lösung", stellt er fest. Denn das Opfer sei klinisch tot. Durch eine Herzdruckmassage kann man es ins Leben zurückholen. Denn die Stöße auf den Brustkorb bewirken, dass das Blut wieder zirkuliert und das Gehirn Sauerstoff erhält. "Angriffspunkt ist das Herz, Zielorgan das Gehirn", betont er. 20 Prozent des Sauerstoffs im Blut benötigt das Gehirn. Bleibt dieses auch nur wenige Minuten ohne Sauerstoff, sterben Gehirnzellen ab. "Deshalb müssen diejenigen, die vor Ort sind, Maßnahmen ergreifen."
Ersthelfer sollten sich folgenden Ablauf merken:
Prüfen: Atmet das Opfer noch oder zeigt es Reaktionen?
Rufen: Notruf über die Nummer 112 absetzen, am besten mit einem Smartphone mit Freisprechfunktion.
Drücken: Herzdruckmassage ausführen. Bei dieser sollte man mittig auf die Brust drücken mit einer Frequenz von 100 bis 120 Stößen in der Minute. Der Brustkorb sollte mindestens fünf Zentimeter tief eingedrückt werden.
Wichtig: Nach jedem Druck sollte man die Brust komplett loslassen, bevor man den nächsten Druck ansetzt. "Wenn ich mittig auf die Brust drücke, kann ich nichts kaputtmachen", sagt Genzwürker. Wer weiß, wie es geht, kann nach 30 Kompressionen den Patienten zweimal beatmen. Und wenn ein Defibrillator in der Nähe ist, sollten man diesen holen lassen. Dieser übernimmt nicht die Wiederbelebung, sondern ergänzt diese. Nach den Worten des Chefarztes ist die Gebrauchsanweisung auf dem Defibrillator leicht verständlich. Das Gerät analysiert den Zustand des Patienten und sagt dem Helfer, was er machen soll.
Genzwürker lobt die Maßnahmen, die im Neckar-Odenwald-Kreis bereits für die Wiederbelebung durch Laien umgesetzt wurden. So wurden insgesamt rund 190 Defibrillatoren (Defis) meist frei zugänglich aufgehängt. Allerdings seien viele schwer zu finden. Man müsste deshalb mehr Hinweisschilder aufhängen. Seit diesen Monat ist die App "Mobile Helfer" im Einsatz. Über diese werden qualifizierte Personen alarmiert, wenn in ihrer Nähe ein Notfall eintritt.
Um Laien die Angst vor der lebensrettenden Hilfe zu nehmen, fängt man schon an Schulen mit Aufklärung an. In Baden-Württemberg bildet man im Rahmen der Initiative "Löwen retten Leben" Lehrer im Reanimieren aus und schenkt ihren Schulen zehn Reanimationspuppen. Manche Bundesländer haben Reanimieren in den Schulunterricht integriert, Baden-Württemberg allerdings noch nicht.
Info: Gruppen und Vereine können sich im Reanimieren und Verwendung eines Defibrillators schulen lassen. Dazu wendet man sich an die örtliche Gruppierung des DRK.