In Brasilien verhandeln Politiker, Diplomaten und Aktivisten über den Klimaschutz. Sie vertiefen sich ins Kleingedruckte. Der Masterplan von Paris ist Geschichte. Falls Sie psychisch gerade nicht besonders robust sind oder zum November-Blues neigen, habe ich eine Empfehlung für Sie: Halten Sie sich in den nächsten Tagen von den Nachrichten fern. Keine Tagesschau , keine Zeitung. Bei t-online konzentrieren Sie sich auf die Ressorts Unterhaltung oder Shopping. Sobald Sie den geschützten Bereich verlassen, werden Sie mit Bad News, ach was, mit Worst News konfrontiert. Die schlechtesten der schlechten Nachrichten kommen aus dem brasilianischen Regenwald, wo die Klimakonferenz tagt: Der Planet brennt. Die Menschheit jagt immer noch viel zu viel CO2 in die Atmosphäre. Das 1,5-Grad-Ziel ist nicht mehr zu erreichen, das 2-Grad-Ziel auch nicht. Die Meere sind zu warm, die Korallen sterben. Falls Sie noch mal auf die Malediven wollen, beeilen Sie sich, die Zeit läuft ab. Die Weltgemeinschaft versagt. Die Weltgemeinschaft, diese weitverzweigte Großfamilie unter dem Dach der Vereinten Nationen. Vor zehn Jahren verständigte sie sich auf das Pariser Klimaabkommen, ein außergewöhnlicher Erfolg. 195 Staaten teilten die Erkenntnis, dass der Klimawandel ein zentrales Menschheitsproblem des 21. Jahrhunderts ist. Dass nicht der Westen die Probleme lösen kann, nicht der Osten, auch nicht der Globale Süden. Sondern nur alle zusammen. Die Welt verabredete einen Masterplan, um das Schlimmste zu verhindern. In Belém geht es jetzt, wie seitdem jedes Jahr, um die Details. Wissenschaftler präsentieren düstere Zwischenbilanzen, Minister preisen ihre eigenen Klimapläne und fordern von anderen Staaten mehr Anstrengungen. Man streitet ums Geld, das die Reichen, die für den Klimawandel verantwortlich sind, den Armen geben sollen, damit die ihre Entwicklung nicht auch auf fossile Energien bauen. Der Gastgeber Lula da Silva legt einen Multimilliarden-Fonds auf, um den Regenwald zu retten. Hundertschaften von Diplomaten ringen um Papiere und Formulierungen, den Fortschritt suchen sie im Kleingedruckten. Das zentrale Problem kommt selten zur Sprache: Das Abkommen von Paris existiert nur noch auf dem Papier. Die Weltgemeinschaft von 2015 ist in verfeindete Clans zerfallen, die Familie agiert nicht mehr gemeinsam – weder beim Klima noch beim Welthandel, schon gar nicht beim Weltfrieden. Kriegspläne, nicht Klimapläne Donald Trump hat den Klima-Konsens offiziell aufgekündigt, schon zum zweiten Mal. Trump ist ein Ignorant, der Präsident der größten Wirtschaftsmacht der Welt leugnet, dass es überhaupt ein Klimaproblem gibt, folglich trägt er nichts zu seiner Lösung bei. Xi Jinping verordnet der zweitgrößten Macht eine hybride Klimapolitik: China baut die erneuerbaren Energien massiv aus und strebt die Weltspitze bei Elektromobilität und grünen Technologien an. Zugleich wird China noch auf Jahrzehnte hinaus die größte CO2-Schleuder der Erde bleiben. Wladimir Putin schmiedet Kriegspläne, nicht Klimapläne. Die großen Jungs spielen also nach ihren eigenen Regeln. Und alle anderen müssen sich entscheiden: Weitermachen wie bisher? Oder aufgeben? Nicht nur grüne Politiker fordern, Deutschland und die EU müssten ihre Klimaziele unbeirrt verfolgen. Ist das konsequent? Oder stur? Gibt es nur Gewinner? Die EU hat sich den Green Deal verordnet, mit dem Europa bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent werden will. Ihre ambitionierte Strategie enthält verbindliche Ziele für den Ausbau erneuerbarer Energien. Und die Vorschrift, dass ab 2035 nur noch emissionsfreie Autos neu zugelassen werden dürfen, also das Verbrenner-Aus. Der größte Hebel ist der Emissionshandel: Wer weiterhin Schadstoffe in die Atmosphäre pusten will, muss dafür Zertifikate kaufen, die immer teurer werden. Unter der ökonomischen Kostenknute, so die Logik, werden Industrie und Verbraucher das ökologisch Richtige tun. Viele Klimapolitiker behaupten, bei dieser grünen Transformation gebe es nur Gewinner. Energie aus Wind und Sonne sei nicht nur klimaschonend, sondern auch billig. Die Erneuerbaren würden einen großen neuen Markt schaffen, mit vielen Arbeitsplätzen und guten Renditen. Die Innovationswelle, die sie auslösten, biete Riesenchancen für heimische Unternehmen. Eine schöne Erzählung. Auch Märchen sind schöne Erzählungen. Der Abschied von der fossilen Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts ist in Wahrheit extrem teuer. In der Stahlindustrie zeigt sich das gerade exemplarisch. Unsere Schlüsselbranchen brauchen Stahl: die Autoindustrie, der Maschinenbau. Und die Rüstung. Die Stahlindustrie soll ihren hohen Energiebedarf in der klimaneutralen Welt durch grünen Wasserstoff decken. Das ist technologisch eine Herausforderung, vielleicht ist sie lösbar. Aber wirtschaftlich funktioniert der Umbau nur, wenn die Konkurrenten auf dem Weltmarkt den Weg mitgehen. Die USA , China , Indien , die Türkei denken nicht daran. Mit billiger Energie verschaffen sie sich Vorteile im Wettbewerb. Zölle schaffen keinen Klimaschutz Die Technokraten der Klimapolitik haben für jedes Problem eine technokratische Lösung. In diesem Fall ist es der Klimazoll: Wer keinen Emissionshandel einführt, wer nicht auf grünen Strom setzt, dem wird der Zugang zum EU-Markt versperrt. Aber Vorsicht, der gute Klimazoll unterscheidet sich kaum vom bösen Trump-Zoll. Auch dieser Zoll provoziert Gegenzölle. Auch dieser Zoll löst keine Probleme im Welthandel, er schafft nur neue. In einer Welt, in der es keinen Grundkonsens über das Pariser Klimaabkommen mehr gibt, kann die EU nicht einfach an ihrer Strategie festhalten. Weil sie sonst zwar die Emissionsziele für ihre Industrie erreicht, aber die Industrie verliert. Auch ein dichtes politisches Mikromanagement aus Vorschriften und Verboten, Zöllen, Kontingenten und milliardenschweren Subventionen kann den alten Plan nicht retten. Was also tun? Den ganzen Klimaschutz in die Tonne treten, wie Donald Trump? Natürlich nicht. Die EU-Staaten haben sich gerade darauf verständigt, dass sie an ihrem Ziel festhalten, bis 2050 klimaneutral zu werden. Aber auf dem Weg dahin wird die eine oder andere Jahreszahl korrigiert, eine neue Berechnungsmethode soll den Prozess "flexibler" gestalten. Ob der CO2-Ausstoß bis 2040 um 90 Prozent sinkt, wie bisher vorgegeben, oder um 85 Prozent, das gilt neuerdings nicht mehr als Frage der Mathematik, sondern ist der politischen Interpretation zugänglich. Ein typischer EU-Kompromiss. Der Green Deal wird nicht abgeschafft, aber angepasst. Europa bezieht die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Industrie stärker ins Kalkül ein. Wenn die Minister aus Polen , Tschechien und der Slowakei geltend machen, dass der Zeitplan beim Emissionshandel die eigene Wirtschaft überfordert, hört man ihnen zu; in der Vergangenheit wurden sie abgekanzelt. Wenn Deutschland das Verbrenner-Aus nach hinten schieben will, wird es so kommen. Die EU betreibt Realpolitik. In Belém sind deshalb viele empörte Stimmen zu hören, aus der Politik, aus der Wissenschaft, aus den NGOs: Die EU verwässere ihre Klimaziele, sie verliere ihre Glaubwürdigkeit, sie beuge sich mächtigen Wirtschaftsinteressen. Ganz so, als hinge die Jahrhundertaufgabe Klimaschutz davon ab, ob der letzte Verbrenner 2035 zugelassen wird oder 2040, ob der Emissionshandel im Verkehrssektor in zwei Jahren beginnt oder in drei. Die Klimakonferenz von 2025 repräsentiert keine Weltgemeinschaft mehr, sie hat sich zu einer Glaubensgemeinschaft entwickelt. Gut oder böse, Himmel oder Hölle: hier die Aussicht auf das nachhaltige Paradies, dort die Verdammnis der fossilen Apokalypse. Bekenntnisse sind wichtiger als Argumente. Aber keine Sorge, in zwei Wochen wird die Messe in Brasilien gelesen sein. Dann kehrt das weltliche Leben in die Politik zurück. Da sollten Sie auf jeden Fall wieder dabei sein.