Die Pflicht nach der Kür
Länderspielpausen als solches sind für uns eher Bundesligafokussierte Fans ein Ärgernis. Das ist so, als ob die Lieblingsserie im Fernsehen wegen eines Feiertags ausfällt und man eine Woche länger warten muss, aber dies versteht in der heutigen Welt des Online-Streamings und Binge Watchings kein Mensch mehr, also ziehe ich diesen Vergleich hiermit offiziell wieder zurück. Auch sollte man einschränken, dass Länderspielpausen mit Entscheidungen in der WM-Qualifikation dann doch einen gewissen Reiz haben. Die Szenen in Wien, Glasgow und auch Curacao (unter der Führung der Gladbach Trainerlegende Dick Advocaat) nach Spielende haben wieder einmal gezeigt, was der Fußball Menschen allen ekligen Entwicklungen zuwider immer noch bedeuten kann.
Natürlich lässt sich so ein bundesligafreies Wochenende sowieso ganz gut genießen, wenn das eigene Team gerade 3 Pflichtspiele in Folge gewonnen hat, das letzte noch dazu gegen den Erzfeind aus Köln in einem hitzigen Lokalderby. Und dann gab es neben einem eher belanglosen Testspiel gegen den belgischen Klub Liersen noch diverse andere positive Nachrichten aus dem Gladbach-Camp, wie z.B. die Tatsache, dass Robin Hack zumindest für 30 Minuten wieder fit war und somit eine Option für den Kader ist. Auch Tim Kleindienst und Nathan Ngoumou konnten zumindest teilweise wieder am Training teilnehmen, sodass man hoffen kann, dass der Borussia bald zumindest offensiv einiges an Alternativen zum augenblicklichen Sturm zur Verfügung stehen werden. Nachricht Nr.1 war aber natürlich die Ernennung von Eugen Polanski zum neuen Cheftrainer der Borussia, auf den wir unter der Woche schon mit einem eigenen Artikel eingegangen sind.
Allerdings sollte man es sich nicht allzu gemütlich in der flauschigen „Alles ist wieder gut“ Idylle machen. Angesichts des folgenden Heimspiels gegen Leipzig kann der VFL in 10 Tagen schon wieder in den Abstiegsrängen landen, wenn man nicht weiter so konzentriert arbeitet und punktet wie zuletzt. So positiv die Nachrichten aus dem Lazarett klingen, so wird es dabei erstmal der Kader der vergangenen Wochen richten müssen, auch wenn Polanski auf der PK vor dem Spiel einen Kaderplatz für Kleindienst etwas überraschend durchaus in den Raum stellte. Und auch was die Ausrichtung angeht, wird Polanski vermutlich nicht soviel ändern. Ähnlich wie St. Pauli und der FC Köln ist auch Heidenheim ein Team, das es durchaus gernhat, wenn der Gegner das Spiel macht, ein Gefallen, den die Polanski-Borussia ihnen aber kaum tun wird. Auch wenn man gegen Pauli und Köln 7 Tor erzielen konnte, war keines der Spiele ein Offensivfeuerwerk der Gladbacher: Am Millerntor hatte man 44% Ballbesitz, im Heimspiel gegen Köln gar nur 36%. Das mag nicht der Fußball sein, den der neue Cheftrainer langfristig von seinem Team sehen will, aber war in den letzten beiden Ligaspielen sehr effektiv und es ist nicht zu erwarten, dass man kurzfristig von diesem Stil groß abweichen wird. So hätte es auch nicht verwundert, wenn man zum dritten Mal in der gleichen Startelf beginnen würde, aber heute wurde bekannt, dass Philipp Sander gegen Köln wohl einen Muskelfaserriss erlitten hat und damit die Dreierkette umgestellt werden muss.
Während die Borussia bis vor kurzem noch die Negativüberraschung der Liga war, erstaunt es kaum jemanden den FC Heidenheim nun auf dem letzten Platz zu finden. Nach der starken Debütsaison hat der FCH in den vergangenen beiden Jahren die meisten seiner Ausnahmespieler (Kleindienst,Beste, Dinkci, Scienza, Kraetzig, Wanner) abgegeben ohne jemals gleichwertigen Ersatz zu verpflichten. Die Hoffnung war wohl, dass man mit mannschaftlicher Geschlossenheit und der strategischen Cleverness von Frank Schmidt schon irgendwie durchkommen würde, aber das war entweder sehr naiv oder aber man hat in Heidenheim von vornherein akzeptiert, dass Bundesliga eher die Ausnahme als die Regel sein würde, ein vielleicht ehrlicher aber auch seltsam ambitionsloser Ansatz. Die Zahlen scheinen eine klare Sprache zu sprechen: kein Team hat weniger Tore geschossen als Heidenheim (8 in 10 Spielen), keines mehr Treffer kassiert (23). Schaut man aber genauer hin, so ist Heidenheim kaum das neue Tasmania Berlin: In Hamburg (2:1 Niederlage) und daheim gegen Bremen (2:2) war man eigentlich die klar bessere Mannschaft, gegen die CL-Anwärter Stuttgart (0:1 Auswärtsniederlage) und Frankfurt (1:1 daheim) hielt man gut mit. Heidenheim mag ein Abstiegskandidat sein, aber keiner der Sorte Darmstadt 23/24 oder Greuter Fürth 21/22, die absolut chancenlos waren. Auch wenn die Stars gegangen sein mögen, so hat der Kern der Mannschaft immerhin die Erfahrung von 2 Bundesligaspielzeiten auf dem Buckel und wird kaum Kanonenfutter für den Rest der Liga sein. Zumindest dachte man das, bis Heidenheim in Leverkusen vor 2 Wochen mit 0:6 unterging. Eine wichtige Frage ist nun, wie das Team diesen „Schlag in die Fresse“ (Kapitän Mainka) wegstecken kann, nachdem selbst Frank Schmidt eingestehen musste, er könne sich jetzt nicht mehr vor die Mannschaft stellen. Für die Mannschaft von der Ostalb ist das Spiel gegen Gladbach deswegen auch besonders wichtig. Bei einem guten Ergebnis kann man die Schmach von Leverkusen vielleicht als Ausrutscher abhaken und hoffen in den Folgespielen gegen Union Berlin, dem SC Freiburg und St. Pauli sich wieder aus dem Tabellenkeller entfernen zu können. Versagt man aber auch gegen die Borussia könnte das dem gesamten Team komplett den Stecker ziehen. Eine der Heidenheimer Hoffnung dabei ist Marvin Pieringer, Heidenheims Top-Torschütze des Vorjahres, der nach längerer Verletzungspause in den vergangenen Woche öfters mal 20 Minuten spielen durfte, aber gegen Gladbach vielleicht erstmals wieder in der Startelf stehen könnte.
Für die Borussia wird es wichtig sein, jeden auch noch so geringsten Hauch von Selbstzufriedenheit nach zuletzt 3 Pflichtspielsiegen abzuschütteln und dieses wichtige 6-Punkte-Spiel im Abstiegskampf als solches anzunehmen. Denn bei einer Niederlage wäre man auf einmal wieder nur noch einen Punkt vorm FCH. Bei einem Sieg hingegen würde man nicht nur den eigenen Vorsprung auf Heidenheim ausbauen, sondern hätte dem bereits angeschlagenen Schmidtteam vielleicht auch etwas das Genick gebrochen. In einer Liga ohne eindeutigen Abstiegskandidaten wäre es nicht nur für Gladbach hilfreich, wenn zumindest ein Team frühzeitig abgeschlagen wäre. Drei Liga-Siege in Folge gelangen der Borussia übrigens zuletzt im Corona-Jahr 2020 zum Saisonende unter Marco Rose (dank an Kevin Schulte für die Recherche). Eine Wiederholung wäre sehr schön, auch wenn mittlerweile das gesicherte Mittelfeld die neue Championsleague ist.
Seitenwahltipps:
Claus-Dieter Mayer: Es wird kein schöner Kick im Voith-Park, aber so ist das halt im Abstiegskampf im November. Mit einem dreckigen 1:1 kann Borussia den FCH zumindest auf Distanz halten.
Christian Spoo: Das 2:2 beim direkten Konkurrenten von der Brenz ist kein Beinbruch, aber auch kein großer Schritt. Die Lage bleibt prekär.
Michael Oehm: Vier Siege in Folge? Wann gab es das zuletzt? Sicher hat Kollege Mayer das in seinem Text schon beantwortet. Sicher ist nur: auf eine Wiederholung muss man nach dem 1:1 weiter warten.
Michael Heinen: Der Lauf geht weiter. Mit etwas Glück, aber nicht unverdient überwindet Borussia auch die Hürde Heidenheim und gewinnt mit 2:1.
Kevin Schulte: Den Präventivpessimismus werfe ich diesmal über Bord und hoffe auf einen 2:0-Sieg für Borussia.
Mike Lukanz: Wir haben einen Trainer mit Job-Gewissheit, drei Pflichtspielsiege in Folge und zudem kratzen die Langzeitverletzten wieder am Kader. Es sind ausschließlich gute Voraussetzungen gerade, sodass das Spiel in Heidenheim Borussen-like mit 0:1 verloren geht.