Aus Moskau in die Pampa
Was ist passiert?
Am 11. November wurde ein Gesetz über obligatorische Mentorenprogramme und Praktika für Medizinstudenten verabschiedet. Es tritt am 1. März 2026 in Kraft. Gemäß diesem Gesetz müssen alle Studenten, die eine Facharztausbildung absolvieren, eine Art Praktikum in medizinischen Einrichtungen (mit einer Dauer von bis zu drei Jahren) unter der Leitung eines Mentors antreten. Studierende, die einen Vertrag mit einer Einrichtung abgeschlossen haben, die ihre Ausbildung finanziert, mussten bereits zuvor eine bestimmte Zeit bei ihrem Sponsor arbeiten. Diejenigen, die ihre Ausbildung selbst finanzieren, können die Einrichtung für ihre Praktika selbst auswählen. Auch private Kliniken sind geeignet, sofern sie im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung arbeiten. Aber Studenten, die das Glück hatten, einen „kostenlosen“ Studienplatz zu erhalten, werden vom Staat in eine Klinik seiner Wahl geschickt.
Wie wird die Zulassung von Ärzten aussehen?
Erst nach Abschluss einer Mentorenausbildung können Ärzte eine Lizenz für die Ausübung ihrer Tätigkeit erhalten. Bislang erfolgte die Zulassung von Ärzten nach Abschluss einer sechsjährigen medizinischen Ausbildung (nach der man Allgemeinmediziner werden konnte) und nach einer 2- bis 4-jährigen Facharztausbildung. Nun wurde das Akkreditierungssystem um eine weitere Stufe erweitert.
Ist die Ablehnung der Zuweisung strafbar?
Neben der Nichtakreditierung wird für die Ablehnung des Mentorenprogramms eine Strafe in Höhe des doppelten Betrags der für das Studium aufgewendeten Mittel verhängt. Die Kosten für das Studium an medizinischen Hochschulen variieren je nach Prestige der Universität. An der Moskauer Medizinischen Setschenow-Universität betragen die Studiengebühren für das Fach „Medizinische Behandlung“ im Studienjahr 2025/2026 1.050.000 Rubel (etwa 11.140 Euro) im ersten Studienjahr und 1.280.000 Rubel (etwa 13.590 Euro) im sechsten Studienjahr. Darüber hinaus muss der Absolvent bei Verzicht auf das Mentorenprogramm oder dessen vorzeitiger Beendigung eine erneute Akkreditierung durchlaufen.
Kann ein Mentor ablehnen?
Die Medaille hat bekanntlich auch eine andere Seite – die Mentoren. Für sie ist die Betreuung junger Ärzte eine zusätzliche Belastung. Und davon haben regionale Mediziner ohnehin schon genug. Im November 2024 wurde das Konzept der Mentorenschaft im Arbeitsgesetzbuch verankert. Ärzte, die junge Kollegen ausbilden, haben Anspruch auf eine Vergütung für diese zusätzliche Arbeit. Dabei ist der Arbeitgeber verpflichtet, die Zustimmung des Mitarbeiters zur Übernahme der Mentorenschaft einzuholen. Der Mitarbeiter ist aber nicht verpflichtet zuzustimmen. Er kann auch diese Aufgabe nach Aufnahme der Tätigkeit als Mentor ablehnen.
Woher stammt die Idee, Absolventen in die Regionen zu entsenden?
In der Sowjetunion wurde das Problem des Mangels an Medizinern in verschiedenen Regionen des Landes auf genau diese Weise gelöst. Derzeit greift man auch in anderen Belangen auf sowjetische Erfahrungen zurück, und es wäre überraschend, wenn dies im Bereich der Medizin anders wäre. Zumal die Verteilung damals tatsächlich ein wichtiges Instrument war, um Regionen mit Fachkräften zu versorgen, die bei den Arbeitnehmern nicht besonders gefragt waren. Damals wurden alle Plätze an Bildungseinrichtungen staatlich finanziert, sodass alle ihre „Schulden beim Staat zurückzahlen“ mussten.
Worin besteht der Unterschied zur heutigen Entsendung?
Im Gegensatz zur Sowjetzeit gibt es heute neben staatlichen Kliniken auch private. Studenten, die ihr Studium selbst finanzieren, müssen nach ihrem Abschluss nicht unbedingt in einer staatlichen medizinischen Einrichtung arbeiten. Es gibt noch einen weiteren Unterschied. Während in der Sowjetzeit die Entsendung selbst in die entlegensten Regionen des Landes bedeutete, dass man dabei absolut sicher war, hängt jetzt alles vom Entsendungsort ab. Je näher man an der Kampfzone ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Drohnen angreifen. Und gerade in solchen unsicheren Regionen herrscht ein Mangel an Ärzten.
Wie wurde noch versucht, Ärzte in die Regionen zu locken?
Der Staat hat bereits versucht, das Problem des Personalmangels mit verschiedenen Beihilfen zu lösen. Es gibt Programme zur Unterstützung von Ärzten, die in abgelegene Ortschaften gezogen sind. So verspricht das Programm „Semskoi Doktor“ Ärzten eine einmalige Zahlung von bis zu zwei Millionen Rubel. Außerdem sind Gehaltszulagen vorgesehen. Aber das hat das Problem nur teilweise gelöst, und es gibt immer noch zu wenige Ärzte in abgelegenen Gebieten.
Wird die Entsendung helfen?
Die Neuerung wird sich bestimmt auf die derzeitige Situation auswirken und es ermöglichen, staatliche medizinische Einrichtungen mit Ärzten zu versorgen. Es reicht jedoch nicht aus, Menschen in eine bestimmte Region zu schicken, sondern es müssen dort auch angemessene Arbeitsbedingungen geschaffen werden.
Darauf hat der stellvertretende Vorsitzende des Gesundheitsausschusses der Staatsduma, Alexej Kurinnyj, hingewiesen: „Ohne die Garantie eines angemessenen Gehalts und einer angemessenen Unterkunft werden junge Fachkräfte nach Ablauf ihrer Vertragslaufzeit dennoch gezwungen sein, sich nach anderen Beschäftigungsmöglichkeiten umzusehen: in privaten Kliniken oder im Ausland. Dies wird den Abwandern von Fachkräften aus dem staatlichen Gesundheitswesen verstärken und insbesondere die Regionen treffen. Zweitens macht die obligatorische Arbeitszeit im Rahmen eines Zielvertrags ohne echte soziale Garantien die Absolventen faktisch vom Arbeitgeber abhängig.“
Medizinstudenten: Pro und Kontra
Seit ich von diesem Gesetzentwurf gehört habe, mache ich mir Sorgen um meine Zukunft. Wie soll ich unter solchen Bedingungen eine Karriere aufbauen? Ich werde mein halbes Leben studieren und dann irgendwo in der Fremde für einen Hungerlohn arbeiten müssen. Das hat einen großen Einfluss auf meine Motivation, mein Studium fortzusetzen.
Jewgenia Nasarowa, Studentin im 4. Studienjahr
Ich halte dieses Gesetz nicht für etwas Schlechtes. Der Staat hat ein Problem – er löst es. Natürlich würde ich gerne in meiner Heimatstadt bleiben, aber wenn ich irgendwo weit im Norden eingesetzt werde, werde ich ohne Weiteres dorthin gehen. Das ist meine Pflicht. Soldaten haben die Pflicht, ihr Vaterland zu verteidigen, und ich muss Menschen helfen.
Maxim Waskin, Student im 6. Studienjahr
Der Mangel in Zahlen
Anfang 2025 gab es in Russland einen Mangel von 23.300 Ärzten und 63.600 medizinischen Fachkräften. Diese Daten wurden vom Gesundheitsminister Michail Murashko bei einer Sitzung in der Staatsduma vorgelegt. Und das trotz der Tatsache, dass die Zahl der Mediziner in Russland stetig wächst. So stieg sie von 2000 bis 2023 um zehn Prozent. Diese Statistik umfasst jedoch alle Ärzte, einschließlich derjenigen, die in privaten Kliniken arbeiten.
Die Zahl der Ärzte in staatlichen Krankenhäusern, Polikliniken und Gesundheitszentren ist hingegen in den letzten 20 Jahren zurückgegangen. Noch schlechter sieht es beim medizinischen Hilfspersonal aus: Der Rückgang im gleichen Zeitraum betrug 16 Prozent.
Ein Drittel der vom Magazin „Medvestnik“ befragten Ärzte gab an, dass sie aus staatlichen Kliniken ausscheiden möchten. Die Hauptgründe dafür sind niedrige Gehälter und hohe Arbeitsbelastung. Selbst wenn die Gehälter vergleichbar sind, sind Ärzte nicht bereit, alle 12 Minuten einen Patienten zu behandeln, wie es die Vorschriften verlangen, sowie Berge von Dokumenten auszufüllen. Nach Berechnungen des Projekts „Wenn man genau sein will“ erfüllt ein Hausarzt im Durchschnitt 1,5 Arbeitsstellen statt der empfohlenen 1,2. Auf ihn kommen 2800 Einwohner, das sind 65 Prozent mehr als die festgelegte Norm von 1700. Das sind Menschen, die einem Hausarzt in ihrem Bezirk zugewiesen sind. Die Publikation liefert Daten zur Arbeitsbelastung von Ärzten in europäischen Ländern: In Deutschland kommen auf einen Allgemeinmediziner (Hausärzte) 970 Einwohner, in Italien und Großbritannien 1200, in Estland 1100, in Litauen 961 und in Slowenien 1400.
Aber es gibt einen Unterschied. Während in anderen Ländern Allgemeinmediziner die meisten einfachen Krankheiten diagnostizieren und behandeln und 80 oder sogar 90 Prozent aller Fälle selber bearbeiten, arbeitet der Bezirksarzt in Russland oft als Dispatcher. Er überweist Patienten selbst mit einfachen Problemen an die entsprechenden Fachärzte. Dies überlastet sowohl die Therapeuten als auch die Fachärzte, die sich auf komplexe Fälle konzentrieren könnten.
Glafira Baturina
Запись Aus Moskau in die Pampa впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.