Sie ist nur selten stolz auf sich, er empfindet Stolz vor allem für seine Freunde. Emilia Schüle und Aaron Altaras im Gespräch über Leistungsdruck, Ideale und die Liebe. Wie wird man erwachsen, wenn man bereits als Kind vor der Kamera steht? Emilia Schüle und Aaron Altaras haben diese Erfahrung gemacht und schlüpfen auch heute noch, knapp 20 Jahre später, in die unterschiedlichsten Rollen als Schauspieler und Synchronsprecher. So war Altaras etwa als Sohn einer jüdischen Familie in der ARD-Serie "Die Zweiflers" zu sehen und Schüle als Marie Antoinette in der gleichnamigen Disney+-Serie. Zuletzt besetzten sie die beiden Hauptrollen Elizabeth Bennet und Mr. Darcy im Audible-Hörspiel "Stolz und Vorurteil", basierend auf dem Roman von Jane Austen aus dem Jahr 1813. Am 16. Dezember wäre die Autorin 250 Jahre alt geworden. Mit t-online sprachen Altaras und Schüle über Stolz, Vorurteile und den Ausbruch aus dem Dasein als Kinderstars. t-online: Worauf sind Sie stolz? Emilia Schüle: Viel zu selten auf mich selbst. Wie meinen Sie das? Schüle: Ich muss trainieren, stolz auf mich zu sein, mich öfter bei mir selbst zu bedanken. Warum fällt Ihnen das so schwer? Schüle : Durch die kapitalistische Leistungsgesellschaft, in der wir leben, sind wir selbst unsere härtesten Kritiker. So wie wir mit uns selbst reden, würden wir niemals mit jemand anderem reden. Wir sollten gütiger zu uns selbst sein. Wie ist das bei Ihnen, Herr Altaras? Altaras : Keine Sorge, ich bin nett zu mir. Ich bin stolz auf mein privates Umfeld. Meine Mutter hat immer gesagt: 'Du hast so tolle Freunde, Du musst kein Arschloch sein.' Und das sehe ich auch so. Ich könnte den ganzen Tag mit meinen Freunden spielen. Ich liebe sie. Schüle: Manchmal steht Stolz aber auch im Weg. Altaras: Ja, Stolz galoppiert oft in die falsche Richtung. Es ist ein schmaler Grat zu: Ich lasse mir nichts mehr sagen, ich bin kritikunfähig, empathielos, arrogant und stehe über den Dingen. Stolz hat aber auch etwas mit Würde zu tun. Den Kopf hochzuhalten ist erst einmal nicht falsch. Wenn man offen der Welt gegenüber sein kann, kann man stolz und erhaben sein. Schüle: Mit Blick auf die Weltpolitik denke ich oft, dass dort Männer agieren, die – mit ihrem Stolz und ihrer Eitelkeit beschäftigt – großen Schaden anrichten. Altaras : Das ist eine falsche und männliche Form von Stolz. Da geht es um Ehre. Schüle : Zahn um Zahn. Altaras : Und Auge um Auge. Ist das ein gesellschaftlicher Rückschritt? Altaras: Wir machen gesellschaftliche Fortschritte und Rückschritte gleichzeitig, weil wir denken, dass diese Rückschritte Teil des Fortschritts sind. Wie geht das? Altaras : Wir beschäftigen uns mit Identitätspolitik und fordern gleiche Rechte für alle, springen aber auch auf falsche Vorstellungen auf und wollen plötzlich wieder klassische Rollenbilder. Die Arbeit, die bisher stattgefunden hat, geht zwar nicht weg. Aber es gibt noch immer zu viele autokratische Mächte, die Frauen und queere Menschen unterdrücken. Das ist bitter. Merken Sie den Wunsch nach klassischen Rollenbildern auch selbst, etwa mit Blick auf Körperideale in der Schauspielbranche? Altaras : Nein, ich finde, wir machen da eher Fortschritte. Schüle : Da muss ich widersprechen. Frauen über 50 und solche, die mehrgewichtig sind, bekommen kaum Jobs im Film. Altaras : Für Männer gilt das nicht. Schüle : Für Männer gilt es nicht, weil Frauen objektiviert werden. Wenn wir nicht in dieses Ideal – jung und schlank – hineinpassen, bekommen wir die Rolle nicht. Es ist skandalös. Und trotzdem bleiben Sie beide seit Jahren in der Branche. Bereits im Kindesalter haben Sie mit d er Schauspielerei angefangen. Wie war das? Schüle : Alles war ein großer Spielplatz. Ich war amateurhaft, intuitiv, unverkopft. Was können Sie heute besser? Schüle: Ich kann lustiger spielen und kenne das Handwerk besser. Aber der größte Unterschied ist, dass mein Anspruch an mich selbst gestiegen ist. Mit 15 war es ein Spiel, heute sehe ich den Gesamtkontext und die Bewertung von außen. War Ihnen immer klar, dass Sie Schauspieler bleiben wollen? Altaras : Ich habe zwischendurch auch andere Dinge ausprobiert. Ich studierte zusammen mit meinem besten Freund Philosophie in Amsterdam. Damals bekam ich ein Angebot für den Film "Mario" über zwei schwule Fußballer. Dafür hätte ich die Uni abbrechen müssen. Haben Sie abgebrochen? Altaras : Ja. Als ich meinem Freund damals verkündete, dass ich alles hinwerfe und Schauspieler werde, sagte er nur: 'Endlich, Digga!' Freunde können Dinge sehen, die man selbst nicht sieht. Ich hatte Angst vor seinem Urteil. Wenn ich daran zurückdenke, war dieser Moment ein unglaublich schöner Antrieb für mein Leben und ein Meilenstein unserer Freundschaft. Hatten Sie je Zweifel, ob die Schauspielerei das Richtige ist, Frau Schüle? Schüle : Ich hatte Angst, dass ich den Sprung nicht schaffe, weil ich mit kommerziellen Teenie-Projekten wie "Freche Mädchen" angefangen habe. Aber ich wollte weitermachen und nicht auf mein Kinderdarstellerin-Sein reduziert werden. Altaras: Davor hatte ich auch Angst. Aber ich habe gemerkt, dass ich nicht glücklich werde, wenn ich es im Film nicht noch einmal versuche. Ich kann nicht vor mir selbst wegrennen. Es ist ein heilsamer Prozess, wenn man sich der Angst stellt, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden – auch, wenn es nicht klappt. Die eigenen Ansprüche können auch in der Liebe zu Komplikationen führen. Sie haben zuletzt Rollen in der wohl bekanntesten Liebesgeschichte des 19. Jahrhunderts gesprochen. Was können wir von der Autorin Jane Austen lernen? Schüle: Austen zeigt, wie sehr man aneinander vorbeireden kann, wie viele Missverständnisse, Vorurteile, gesellschaftliche Zwänge und Anforderungen der Liebe im Weg stehen können. Die beiden Hauptfiguren in "Stolz und Vorurteil" streiten permanent. Altaras: Nicht auszuhalten. Schüle: Aber genau das führt zu einer Bindung, die nicht auf einer Illusion basiert, sondern auf Wahrhaftigkeit – weil sie alles ausdiskutiert haben. Altaras: Und sie können sich dann in Ruhe ineinander verlieben. Das ist sehr erwachsen. Die meisten Menschen verlieben sich zuerst und sitzen dann vor einem Scherbenhaufen. Schüle: Oder sie laufen davon, sobald es kompliziert wird. Altaras: Wir lernen, dass Liebe Arbeit ist. Anziehung fällt vom Himmel, aber Liebe nicht. Menschen können Widersprüche und Differenzen überkommen, wenn sie an die Liebe glauben und Verständnis füreinander aufbringen.