Delcy Rodríguez übernimmt die Führung in Venezuela. Der gestürzte Nicolás Maduro nannte sie einst "Tigerin", US-Außenminister Marco Rubio äußert sich überraschend. Nach der Festsetzung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch US-Spezialkräfte ist seine Stellvertreterin Delcy Rodríguez an die Spitze der Regierung gerückt. Der Oberste Gerichtshof ernannte sie am Samstagabend zur Interimspräsidentin. Nach Festnahme Maduros: Interimspräsidentin attackiert USA – doch es gibt Gerüchte Anhörung in New York : Ein 92-jähriger Richter entscheidet über Maduros Schicksal In einer ersten Stellungnahme am Samstag forderte Rodríguez die Freilassung Maduros. Tags darauf äußerte sie sich auf Instagram entschieden zurückhaltender. Kaum ein Wort über den "imperialistischen Feind" in den Vereinigten Staaten. Stattdessen ein direkter Appell an US-Präsident Donald Trump . "Unser Volk und unsere Region verdienen Frieden und Dialog, nicht Krieg. Das war schon immer die Position von Präsident Nicolás Maduro, und das ist auch heute noch die Position aller Venezolaner", sagte Rodríguez. Das ist über die Politikerin an der Spitze Venezuelas bekannt. Tochter eines Guerillakämpfers Die am 18. Mai 1969 in Caracas geborene Rodríguez ist die Tochter des linksgerichteten Guerillakämpfers Jorge Antonio Rodríguez. Dieser gründete in den 1970er-Jahren die revolutionäre Partei Liga Socialista. Später fiel der Vater bei den Machthabern aber in Ungnade. Ein ehemaliger US-Regierungsmitarbeiter erinnerte sich in der "Financial Times" an das erste Treffen: "Als ich sie zum ersten Mal traf, saß ich zwei Stunden lang mit ihr auf der Veranda und unterhielt mich mit ihr. Sie schilderte mir detailliert den Tod ihres Vaters durch die Sicherheitskräfte. Er wurde in seiner Zelle mit Tränengas erstickt." Die Tochter trauerte still. Roríguez studierte Jura und machte gemeinsam mit ihrem vier Jahre älteren Bruder Jorge in der Partei des linksautoritären Staatschefs Hugo Chávez Karriere. Dessen Nachfolger als Staatschef, Nicolás Maduro, bezeichnete die Liebhaberin von Designermode später als "Tigerin". Im Jahr 2017 leitete sie zudem die regierungstreue Verfassungsgebende Versammlung, die Maduros Machtbefugnisse erweiterte – im Juni 2018 wurde Rodríguez zur Vizepräsidentin ernannt. Maduro beschrieb sie bei der Bekanntgabe der Ernennung auf der Plattform X als "eine junge, mutige, erfahrene Frau, Tochter eines Märtyrers, Revolutionärin und in tausend Schlachten erprobt". "Pragmatische Chavista" In der EU, Kanada und den USA steht Delcy Rodríguez auf der Sanktionsliste. In Venezuela aber stieg sie steil auf. Zunächst war sie Außenministerin, dann wurde sie 2020 zur Volksministerin für Finanzen und Energie ernannt. Dies hat sie zu einer Schlüsselfigur in der venezolanischen Wirtschaftspolitik gemacht und ihr großen Einfluss auf den geschwächten Privatsektor des Landes verschafft. Die Hyperinflation versuchte sie mit klassischen volkswirtschaftlichen Methoden zu bekämpfen und nicht mit sozialistischem Eifer. Schon das erregte Aufsehen im Ausland. Schon während der Amtszeit von US-Präsident Joe Biden überraschte Rodríguez mit einer neuen Herangehensweise als Energieministerin. In Gesprächen mit internationalen Öl-Konzernen billigte sie ausländischen Firmen einen begrenzten Zugang zu den gewaltigen Ölvorkommen in Venezuela zu. Ihr konziliantes Verhalten gegenüber dem US-Multi Chevron kam auch im politischen Washington an. An der Seite ihres Bruders Ihr Bruder Jorge Rodríguez, Vorsitzender der Nationalversammlung und zuletzt Kommunikationsminister in Caracas, soll Kontakte zur aktuellen US-Administration geknüpft haben. So setzten Recherchen des "Miami Herald" die beiden im vergangenen Oktober unter Druck: Demnach hatten sie den USA bereits heimlich Pläne für eine Ablösung von Maduro unterbreitet. Sie sollen Washington eine Gruppe venezolanischer Spitzenpolitiker unter der Führung von Delcy Rodríguez als "akzeptablere" Alternative zum Regime von Maduro angeboten haben. Sie selbst hatte dies als Falschinformation zurückgewiesen. Nun steht Delcy Rodríguez an der Spitze Venezuelas. US-Präsident Donald Trump drohte umgehend: "Wenn sie nicht das Richtige tut, wird sie einen sehr hohen Preis zahlen müssen, wahrscheinlich einen höheren als Maduro." Doch ging die neue Staatschefin nach ersten markigen Worten in einer Stellungnahme auf Instagram auf die US-Regierung zu. "Mein Traum ist ein Venezuela, das zu einem Land wird, in dem alle guten Venezolaner zusammenkommen", schrieb sie. Beobachter werten dies als Versuch, ihre Macht nach innen und nach außen zu stabilisieren. So war die erste Reaktion aus Washington denn auch überraschend. Außenminister Marco Rubio erklärte: "Wir werden die De-facto-Führung Venezuelas anhand ihrer Taten beurteilen, nicht anhand ihrer öffentlichen Äußerungen in der Zwischenzeit, in vielen Fällen auch nicht anhand ihres bisherigen Handelns, sondern anhand ihres zukünftigen Handelns." Als "pragmatische Chavista" wird Delcy Rodríguez in Medien beschrieben. Möglicherweise ist sie mehr als eine Übergangslösung.