Im März wird in Baden-Württemberg gewählt. Wer wird Nachfolger des grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann? Unser Kolumnist wagt eine Prognose. Am 6. Januar beginnt das politische Jahr. Seit 1866. Damals, vor 160 Jahren, trafen sich am Dreikönigstag in Stuttgart württembergische Liberale und Demokraten, sie traten für bürgerliche Rechte und gegen die autoritäre Ständegesellschaft ihrer Zeit ein. Aus dieser Bewegung entstand später die FDP . Immer am Dreikönigstag halten ihre Vorsitzenden flammende Reden auf den Liberalismus. Es begann mit Reinhold Maier, der sogar Ministerpräsident von Baden-Württemberg war. Dann kamen Scheel, Genscher, Lambsdorff, Westerwelle, Lindner. Die FDP war einmal eine bedeutende Partei. Jetzt führt Christian Dürr die Liberalen. Er ist Ende vierzig, macht seit über zwanzig Jahren Politik. Einer der vielen im Bundestag, die nie einen anderen Beruf hatten. Architekt der vermaledeiten Ampelkoalition. Profi des parlamentarischen Managements. Der Mann hinter Christian Lindner . Mehr Insolvenzverwalter als Hoffnungsträger. In zweieinhalb Monaten wird schon wieder gewählt, ausgerechnet im Südwesten, seit 1866 Stammland des Liberalismus. Für die FDP steht es fifty-fifty. Wenn sie die fünf Prozent nicht schafft, war’s das für lange Zeit und bundesweit. Eine große Tradition ist dann Geschichte. Im Wahlkampf wird der Überlebenskampf der FDP bestenfalls am Rande eine Rolle spielen. Die Medien ignorieren ihren Spitzenkandidaten Hans-Ulrich Rülke. Zu langweilig. Das Schicksal teilt er mit seinem Kollegen von der SPD , Andreas Stoch. Schon mal gehört? Den Namen müssen Sie sich nicht merken, im Südwesten haben die Sozialdemokraten so gründlich abgewirtschaftet, dass die Frage nur noch lautet: Bleiben sie zweistellig oder rutschen sie unter zehn Prozent? Noch eine Tradition am Abgrund. Aber wer gewinnt die erste Wahl des neuen Jahres? Meine Prognose: Der nächste Ministerpräsident von Baden-Württemberg wird Manuel Hagel (CDU) heißen. Hagel? Doch, den Namen sollten Sie sich merken. Er ist U40 und wäre der jüngste Hausherr, der je in der Villa Reitzenstein residierte. Ein smarter Typ, eine Art Kennedy von der Schwäbischen Alb. Katholisch, Familienvater, drei Söhne. Beruflich kommt er aus der Finanzindustrie: Sparkasse Blaubeuren. Unterschätzen Sie die Provinz nicht! Grün ist die Hoffnung Der Konkurrent, den Hagel schlagen muss, heißt Cem Özdemir . Den kennt jeder. Schwabe mit anatolischen Wurzeln, durch und durch bürgerlich. Moderat, pragmatisch, mittig. Drei Prioritäten hat er für seinen Wahlkampf ausgegeben: Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft. Özdemir steht an der Seite der Autoindustrie, der Mittelstand liegt ihm am Herzen, er zeigt brennendes Interesse für Forschung, Technologie und KI . Ein brillanter Redner. Der Cem kann Ministerpräsident, finden seine Fans und Follower. Ich finde das auch. Aber er wird es nicht. Weil er ein Grüner ist. Der Zeitgeist ist nicht grün. Die grüne Partei ist für Özdemirs Wahlkampf nicht hilfreich. Schon immer waren die Grünen im Südwesten die Ober-Realos, Gegner der linken Fundis. Özdemir geht noch weiter. Er positioniert seinen Landesverband als eine Art Schwesterpartei der Bundesgrünen, so wie die CSU in Bayern. Er baut eine Bandmauer gegen die Berliner Parteiführung. Aber es nützt nichts. Schauen wir uns die Zahlen an: Winfried Kretschmann , als dessen legitimer Erbe sich Özdemir sieht, holte vor fünf Jahren im Südwesten sagenhafte 32,6 Prozent der Stimmen. Bei der Bundestagswahl 2025 landeten die Grünen bundesweit bei 11,6 Prozent, im Südwesten bei 13,5 Prozent. Das Kretschmann-Ergebnis liegt für Özdemir in unerreichbarer Ferne. Wenn er gut abschneidet, was ihm zuzutrauen ist, schafft er 18, vielleicht 20 Prozent. Zu wenig, um die Regierung zu führen. Also der junge Hagel. Sie könnten jetzt auf den Gedanken kommen: Ist doch eigentlich egal, wer den Beautycontest im Schwäbischen (und im Badischen) gewinnt. Am Ende wird es entweder eine schwarz-grüne Regierung oder eine grün-schwarze. Das stimmt vermutlich, obwohl der Christdemokrat beteuert, er würde eigentlich lieber mit der FDP regieren. Oder vielleicht auch mit SPD und FDP, nach der Farbkombination Deutschland-Koalition genannt. Aber ich lege noch eine Prognose drauf: Es wird Schwarz-Grün. Ministerpräsident Hagel, Özdemir könnte Vize und Super-Wirtschaftsminister werden. Anstand gibt es doch noch An dieser Stelle würde ich diese Kolumne gern beenden. Wir könnten nach dem 8. März prüfen, ob ich einigermaßen richtig lag oder komplett daneben. Das geht aber nicht. Weil wir noch über einen dritten "Kandidaten" sprechen müssen: Markus Frohnmaier, AfD . Ich habe den Begriff Kandidat in Anführungszeichen gesetzt, weil Frohnmaier gar nicht kandidiert, jedenfalls nicht für den Landtag, der im März gewählt wird. Er sitzt im Bundestag und will "nur" Ministerpräsident werden. Sie erinnern sich vielleicht noch an den Wahlkampf in Hessen, den der CDU-Mann Boris Rhein im Oktober 2023 gewann. Für die SPD kandidierte Nancy Faeser , Bundesinnenministerin und Bundestagsabgeordnete. Auch sie trat nur als Ministerpräsidentin an, nicht als Oppositionsführerin oder Koalitionspartnerin. Damals schrieb die AfD: "Wer so handelt, dem geht es nur um die eigene Karriere." Worum geht es Markus Frohnmaier? Nein, sagen Sie jetzt bitte nicht, die sind doch alle gleich. Dass es anders geht, zeigt Cem Özdemir. Er hat bereits vor einem Jahr auf eine weitere Kandidatur zum Bundestag verzichtet, obwohl er sein Direktmandat in Stuttgart leicht verteidigt hätte. Stattdessen lässt er sich auf ein risikoreiches bis aussichtsloses Rennen in Baden-Württemberg ein. Özdemir geht seinen Weg geradlinig und, wenn Sie mir einen in der Politik aus der Mode gekommenen Begriff erlauben: anständig. Frohnmaier ist unanständig, nicht nur wegen seiner Pseudo-Kandidatur. Er zählt in der an Rechtsextremisten reichen AfD zu den übelsten Rechtsextremisten. Er begrüßte schon Putins Überfall auf die Krim, seine Verbindungen nach Moskau sind exzellent. So exzellent, dass die Russen selbstbewusst feststellten, dieser Abgeordnete stehe unter ihrer absoluten Kontrolle. Kürzlich haben Sie von Frohnmaier gehört, als ihm Trumps MAGA-Bewegung in New York einen Preis verlieh, für seinen angeblich mutigen Einsatz in einem "repressiven und feindseligen politischen Umfeld". Also in Deutschland. Hagel muss Erfolg haben Ich kann Ihnen nicht genau sagen, wessen Interessen Frohnmaier vertritt, die russischen oder die amerikanischen. Die deutschen sind es jedenfalls nicht. Eigentlich müsste eine Partei, die eine solche Sumpfblüte des politischen Betriebs ins Rennen schickt, grandios scheitern. Leider zeigt die Erfahrung, dass das für die AfD nicht gilt. Sie hat vor fünf Jahren 9,7 Prozent der Stimmen geholt, im März könnten es 20 Prozent sein. Pessimisten fürchten, dass sie stärkste Partei wird. In Baden-Württemberg, nicht in Sachsen-Anhalt. Vielleicht würde es dann für Schwarz und Grün nicht einmal zur Mehrheit reichen. Wünschen kann sich eine solche Konstellation nur, wer auf Destabilisierung und den Niedergang des eigenen Landes setzt. So wird Manuel Hagel zum Hoffnungsträger. Ein 37-jähriger Christdemokrat, der die Wahl in Baden-Württemberg gewinnen kann. Gewinnen wird. Er kann das Land nach 15 Jahren grüner Regierung unter Kretschmann für die CDU zurückerobern und an die große Ära von Späth, Teufel und Oettinger anknüpfen. Seine Partei wird ihn dafür feiern. Die Medien werden ihn umgehend in den Kreis der potenziellen Merz-Nachfolger aufnehmen. Alles gut und schön. Vor allem aber kann Hagel die AfD und ihren windigen Frohnmaier noch einmal auf die hinteren Plätze verweisen. Schon deshalb sollten wir ihm Erfolg wünschen.