Nach Razzia: Mafia-Prozesse in Stuttgart: Polizist im Visier
Mafia: Viele denken da an Pasta, Patenfilme und Klischees wie zerstörte Autowracks oder abgedeckte Leichen. Doch es gibt sie auch mitten in Baden-Württemberg, wie mehrere Prozesse in Stuttgart zeigen.
Vor dem Landgericht Stuttgart wird in den kommenden Wochen in einer ganzen Serie von Verfahren gegen mutmaßliche Mitglieder oder Unterstützer der italienischen Mafia verhandelt. Die Prozesse drehen sich um schweren Betrug und Steuerhinterziehung mit großen Mengen Olivenöl und Tomatenkonserven, aber auch um einen Polizisten, der eine "Abreibung" für seinen Vorgesetzten bestellt haben soll. In einem weiteren, nun gestarteten Verfahren wird dem Beamten vorgeworfen, der Mafia Dienstgeheimnisse verraten zu haben.
Der Anwalt des Mannes kündigte zum Prozessauftakt an, sein Mandant werde sich im Laufe des Verfahrens zu den Vorwürfen äußern. Auch sein mitangeklagter italienischer Trauzeuge, ein mutmaßlicher Unterstützer der kalabrischen Mafia-Organisation ’Ndrangheta, plant auszusagen.
Schaute Polizist in Datenbanken nach?
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Polizisten unter anderem Geheimnisverrat vor. Er soll im Januar 2022 in polizeilichen Systemen zweimal Informationen abgerufen und an den Italiener weitergegeben haben. Dabei soll es um ein Autokennzeichen und Personendaten gegangen sein. Konkret prüfte der Fellbacher Polizist laut Anklage, ob ’Ndrangheta-Mitglieder nach einem Angriff auf ein italienisches Restaurant gesucht wurden. Laut Staatsanwaltschaft wollten die Täter mit der nächtigen Attacke die Gastwirte zum Kauf von Lebensmitteln drängen – eine klassische Erpressung.
Der mitangeklagte Italiener und mehrere Tatverdächtige in einem weiteren Verfahren sollen zudem mit Lebensmitteln im Wert von mehreren Hunderttausend Euro betrogen haben. Laut Anklage bestellten sie die Waren als Fellbacher Fake-Firma, das Olivenöl und andere Produkte wurden auch in den Rems-Murr-Kreis geliefert, Geld dafür aber nie überwiesen.
„Operation Boreas“ und der zweite Prozess
Die Männer, einschließlich des Polizisten, waren bei der deutsch-italienischen „Operation Boreas“ gefasst worden – einem koordinierten Einsatz gegen Mafia und organisierte Kriminalität. Damals wurden 34 Haftbefehle ausgestellt, hauptsächlich gegen italienischstämmige Verdächtige.
Die kalabrische ’Ndrangheta ist eine der mächtigsten italienischen Verbrecherorganisationen – gefährlicher als Cosa Nostra oder Camorra. Sie dominiert den europäischen Kokainmarkt und agiert weltweit, auch in Deutschland. Nach Einschätzung des Landeskriminalamts (LKA) zählt Baden-Württemberg zu ihren Schwerpunkten in Deutschland. Das Spektrum der Straftaten reicht von Betrug über Drogenhandel und Waffendelikte bis hin zur Geldwäsche.