Einige Pläne von Donald Trump kamen und kommen an den US-Börsen gut an. Der Streit um Grönland bringt nun aber erneut Instabilität. Eine Bilanz nach einem Jahr Trump. Kleiner Stimmungstest auf dem Frankfurter Parkett zum "Einjährigen" von Donald Trump; am 20. Januar 2025 wurde er zum zweiten Mal als US-Präsident vereidigt: "Er ist wirtschaftsfreundlich – das kommt an den Börsen an", sagt da jemand. Ein anderer: "Einen breiten Aufschwung gab es bei Aktien nicht – Rüstung, Tech-Werte und Banken waren die wichtigsten Branchen." Ein Dritter: "Egal, wie schlecht die Nachrichten waren – es gab Höhenflug nach Höhenflug." Und schließlich: "Die Zölle hätten viel größere Auswirkungen auf Aktien haben müssen." Die Meinungen sind also gemischt. Eine klarere Sprache sprechen die Kurstafeln: Die US-Börsen haben im ersten Jahr mit Trump ordentlich abgeliefert. 17 Prozent Plus beim S&P 500 sind überdurchschnittlich. Zwar stieg der bekannte US-amerikanische Index weniger stark als so mancher europäische, etwa der Dax oder die Leitindizes in Spanien , Griechenland , Polen , Österreich oder Tschechien . Doch die US-Märkte abzuschreiben, wie es viele Experten im Frühjahr geraten hatten, war ein Fehler – wenn auch ein rational nachvollziehbarer. Blicken wir zurück. Erst einmal nur eine Richtung: aufwärts Schon im November 2024, mit dem Wahlsieg von Donald Trump , zogen die Aktienmärkte an. Der S&P 500 sprang mühelos über die Marke von 6.000 Punkten. Bis Februar 2025 kannten die Börsen dann überwiegend nur eine Richtung: aufwärts. Denn neben dem KI-Boom, der bereits seit 2022 läuft, klangen vor allem die Wahlversprechen von Donald Trump gut in den Ohren vieler Investoren: weniger Steuern für Unternehmen und Verbraucher, weniger Regulierung, mehr Wirtschaftswachstum. Dazu ein starker Staat, weniger Bürokratie, Wohlstand für alle – kurz: "America first", und möglichst "great". Das hat viele Investoren angesprochen. Sie glaubten daran, dass der wirtschaftliche Aufschwung der USA weitergehen, US-Unternehmen gut verdienen und die US-Börsen "wie gewohnt" steigen würden. Zölle? Wird schon nicht so schlimm Trumps protektionistische Handelspolitik, sprich die Zölle auf Importe, mit dem Ziel, die heimische Industrie wie die Autowirtschaft und den Maschinenbau zu schützen beziehungsweise auf- und auszubauen, wurde erst einmal unterschätzt. Wird schon nicht so schlimm kommen, dachte man. Und Pläne oder Ankündigungen, die USA wollten den Panamakanal und rohstoffreiche Regionen wie Grönland einnehmen, wurden nicht ernst genommen. Erst einmal waren die Kurstafeln grün, Gewinne im Hightech- und Finanzsektor überbordend. Der Kryptomarkt zog mit. Anleger konnten zufrieden sein. Dass die Zölle ihren Preis haben würden, und ihn auch die Amerikaner zahlen müssen, wollten dagegen viele nicht wahrhaben. Dabei warnten Ökonomen von Beginn an: Zölle würden die Inflation treiben, und dann würden Zinserhöhungen nötig. Es war nicht das, was der US-Präsident hören wollte – und er ignorierte es. Trumps "Befreiungsschlag" ging nach hinten los Als Trump im Februar 2025 die Zölle konkreter kommunizierte, knickten die Aktienmärkte das erste Mal ein. Mit der am 2. April ausgerufenen "wirtschaftlichen Befreiung" ( Liberation Day ) das zweite Mal. Trump hatte sich mit der halben Welt angelegt, vielen Ländern Zölle auferlegt – China etwa zeitweise bis zu 144 Prozent. Ein Handelskrieg mit dem Reich der Mitte begann, der selbst die Eskalation von 2017 in Rhetorik und Milliardenbelastungen deutlich übertraf. Die Folgen wurden schnell sichtbar, für Unternehmen wie für Investoren: wirtschaftliche Schäden durch Zölle, etwa für die deutsche Autoindustrie, und durch Exportbeschränkungen auf Hochtechnologie made in USA, die insbesondere Chinas Chipsektor hart trafen. Dazu ein fallender Dollar als Weltleitwährung. Das und die Sorge vor steigenden Zinsen ließen viele Investoren US-Aktien den Rücken kehren. Sie investierten nun lieber in Europa. Vor allem in Deutschland. Auch weil die neue Bundesregierung Milliardeninvestitionen versprochen hatte – zwar schuldenfinanziert, aber endlich wieder Investitionen. Alles in allem kostete Trumps protektionistische Politik an den US-Börsen Milliarden. Der S&P 500 fiel im Frühjahr insgesamt um mehr als 10 Prozent. Die ersten 100 Börsentage unter der Trump-Regierung waren die zweitschlechtesten seit Nixon . So hatten sich Wähler und Investoren das nicht vorgestellt. Hoffnungsjahr 2026: Diese Autobauer könnten die Krise überwinden (Kolumne) Dax 2026: Das neue Aktienjahr wird ein gutes (Kolumne) Alarm am Anleihenmarkt Zugleich passierte etwas, das der Präsident nicht bedacht hatte: Am Anleihenmarkt krachten die Kurse ein und die Renditen schossen hoch. Die zehnjährigen US-Staatsanleihen notierten plötzlich nicht mehr bei unter vier Prozent, sondern bei fast fünf Prozent. Das bedeutete: Um sich neues Geld zu leihen, mussten die USA ihren Gläubigern nun höhere Zinsen zahlen. Das ist unschön bei klammen Kassen. Anleger fragten: Können sich die USA das auf Dauer leisten? Wollen wir das auf Dauer finanzieren? Zweimal nein. Und so ruderte der Präsident zurück. Nach Maximalforderungen schloss er Zollabkommen mit besseren Konditionen ab. "Trump always chickens out ", Trump zieht am Ende doch immer den Schwanz ein, hieß es jetzt. Und dann erholten sich die Aktienmärkte wieder, schnell und spektakulär: In der zweiten Jahreshälfte liefen die US-Börsen wieder besser als der Dax. US-Unternehmen steigerten ihre Gewinne überdurchschnittlich, vor allem im Finanz- und Technologiesektor. Die Wirtschaft der USA wuchs, das Vertrauen war zurückgekehrt. Die Frage war nun, wie lange dies anhalten würde. Europas Antwort auf Trumps neue Willkür Gerade wurde die Welt wieder eines Besseren belehrt: "Make America great again" mag für die US-Wirtschaft und ihre Kapitalmärkte zunächst gut (gewesen) sein, doch nun zeigt sich immer mehr: Es geht dem US-Präsidenten ums Gewinnen ohne Rücksicht auf Verluste, Freunde oder Partner. Die neuerliche Zoll-Drohung vom Wochenende gegen alle Länder, die nicht bereit sind, Trumps Grönland-Annexion mitzutragen oder zu akzeptieren, ist ein weiterer Indikator für seine Willkür. Tagesanbruch: Trump beschert Europa eine historische Chance Streit um Grönland: Das sind die Zoll-Instrumente der EU Noch vor wenigen Monaten hat die EU sich weggeduckt und weder Gegenzölle erhoben noch sich anderweitig gewehrt. Der ängstliche Wankelmut scheint nun zu kippen. Die EU denkt darüber nach, die handelspolitische Bazooka zu laden . Das bedeutet: Gegenzölle sind denkbar – auch wenn sie der eigenen Wirtschaft, den eigenen Verbrauchern, dem eigenen Markt schaden. Außerdem könnte die EU bestimmte Steuern nur für US-Unternehmen erheben (denkbar etwa für Software- und Tech-Unternehmen) und sie von öffentlichen Aufträgen ausschließen. Das Positive aus EU-Sicht: Eine absolute Mehrheit ist hierfür nicht notwendig, sie wäre auch unwahrscheinlich, weil einige von den Drohungen nicht betroffen sind und es sich mit den USA folglich nicht verderben wollen. Eine einfache Mehrheit reicht. Ein lautes: "Bis hierhin und nicht weiter" ist also möglich. Damit Wirtschaftsbeziehungen wieder auf Augenhöhe kommen. Noch ist die Bazooka nicht aufgestellt und noch nicht geladen – aber sie wäre denkbar. Zinssenkungen per Zwang Ein weiterer Unsicherheitsfaktor: Der Versuch der Regierung Trump, auf die Notenbank Fed Einfluss zu nehmen. Das hatte man so nicht erwartet. Ginge es nach Trump, sollte Fed-Chef Jerome Powell die Zinsen senken, um die Wirtschaft anzukurbeln. Bei steigender Inflation und schwachen Arbeitsmarktdaten besitzt die Fed dazu aber kein Mandat. Sie darf es nicht. Die Unabhängigkeit einer Notenbank ist in Demokratien und starken Volkswirtschaften unabdingbar. Nun lässt Trump juristisch gegen Powell vorgehen. Und: Powells vermutlicher Nachfolger ab Mai, Kevin Hassett , gilt als Befürworter von Zinssenkungen. Aktuell ist er Direktor des Nationalen Wirtschaftsrates und damit ein wichtiger Berater des Präsidenten. Ein Fed-Chef aber, der Trump nachgibt, könnte das Vertrauen in die Finanzpolitik der USA erschüttern. Der Dollar würde fallen, die Renditen für Staatsanleihen würden explodieren, der Aktienmarkt geriete unter Druck. Wer würde den USA noch Geld leihen, wenn dort keine verlässliche Finanzpolitik gemacht wird? Lesen Sie auch: Ökonom Hüter warnt vor den Folgen von Trumps Angriff auf die Fed Machtspiele in Washington : Trump verwischt die Grenzen (Kommentar) Druck auf die Notenbank – das gab's schon mal Das Ganze erinnert an das Jahr 1972. Damals forderte US-Präsident Richard Nixon Fed-Chef Arthur Burn ebenfalls bewusst auf, die Zinsen zu senken. Das tat die Fed damals zunächst nicht, dann aber doch. Es kam, was kommen musste: Die Inflation schoss nach oben auf über neun Prozent im Jahr 1973 und auf mehr als 12 Prozent 1974. Der Aktienmarkt brach zusammen. 1973 war die US-Wirtschaft in der Rezession, die Ölkrise verschärfte die Probleme noch, Arbeitslosigkeit breitete sich aus. Heute spricht man vom Nixon-Effekt. Nun ist Vergangenes nicht 1:1 auf die Gegenwart übertragbar. Vergleiche hinken immer. Aber die Gefahr einer Wirtschaftskrise ist da. Der Anleihenmarkt reagierte da bereits sensibler und vorausschauender als die Mehrheit der Investoren am Aktienmarkt. Optimismus und Warnzeichen Für 2026 sind viele Analysten positiv gestimmt: Der S&P 500 könne bis auf 8.000 Punkte steigen. Zudem werden die angekündigten Steuersenkungen greifen. Das gleicht die Inflation teilweise aus, die die US-Haushalte nach Berechnungen des Thinktanks The Budget Lab im Schnitt pro Jahr 1.700 US-Dollar kosten dürfte. Da der US-Konsum ein starker Wirtschaftsfaktor ist, ist das eine gute Nachricht. Doch die neuesten Entwicklungen zeigen: Das Zollthema ist nicht ausgestanden, sondern kann immer wieder auflodern. Und Schaden anrichten. Weil Willkür zum Politik-Stil geworden ist. Dax unter Druck: So reagieren Anleger richtig auf neue US-Zölle Politologe im Interview: "Trump ist alles zuzutrauen" Analysten sagen auch: Gold könnte die 5.000-Dollar-Marke erreichen. Da das Edelmetall eine Krisenwährung ist, ist das kein gutes Zeichen. Und da die US-Regierung zwischen Grönland , Venezuela und dem Iran , China und Europa die Gemüter und Volkswirtschaften kräftig aufmischt, ist weiterhin Achtung angesagt. Am Dienstag öffnen die US-Börsen nach dem Feiertag Martin-Luther-King-Day wieder. Die roten Vorzeichen aus Europa, Asien und Lateinamerika könnten dann ihre Fortsetzung in New York finden. Unsicherheit prägt erneut den Handel, Milliarden-Erträge stehen auf der Kippe. Es sind nicht nur die Aktienmärkte, die in die Knie gehen. Es ist auch der US-Dollar, der fällt. Irgendwann ist jede Grenze überschritten, alles Vertrauen aufgebraucht. Die Frage ist, wie schnell sich die US-Regierung diesem Kipp-Punkt nähert. Oder ob es wieder heißt: "Trump always chickens out" – Trump rudert ja doch noch zurück. Im vergangenen Jahr war das ein viel zitierter Satz an der Börse und eine Haltung, die Kurse gemacht hat.