Auf der Suche nach Alternativen unternimmt Europa Tastversuche – Mercosur, Freihandel mit Indien. Aber wie können Mittelmächte wie Großbritannien, Kanada oder Deutschland die Abhängigkeit von den USA ersetzen? Dass wir Europäer von diesem Trump-Amerika nichts zu erwarten und vieles zu befürchten haben, ist jetzt eine sichere Erkenntnis. Daran ändert auch dieser merkwürdige Gesinnungswandel, Grönland betreffend, wenig. Die absolute Unberechenbarkeit würde auch dann anhalten, wenn man Donald Trump sämtliche Nobelpreise im Herbst zuspräche, den in Chemie, Physik und Medizin inbegriffen. Newsblog zur US-Politik : Alle Entwicklungen im Überblick Der Schock darüber, dass Amerika nach fast 80 Jahren von der Schutzmacht zum partiellen Gegner geworden ist, klingt allmählich ab. Es war geradezu herzerfrischend, als irgendjemand Donald Trump den Gedanken nahebringen musste, dass Europa mit Strafzöllen in Höhe von 93 Milliarden Euro zurückschlagen könnte, wenn er seinem Ansinnen nach neuen Sanktionen nachkäme. Europa finanziert die horrenden Schulden der USA Da Trumps Metaphysik aus Dollars und Cents besteht, sollte ihn zusätzlich jemand darauf aufmerksam machen, dass die USA mit Europa finanziell aufs Schönste verflochten sind: Die US-Investitionen beliefen sich im Jahr 2025 auf 2.180 Milliarden Euro. Amerikanische Firmen sind für ein Drittel aller ausländischen Direktinvestitionen in europäischen Ländern verantwortlich. Ins Gewicht fallen auch diese Zahlen: Europäische Investoren halten schätzungsweise 3,7 Billionen Dollar an den US-Staatsanleihen, das sind rund 40 Prozent der Staatsschulden. Europa hilft also dabei, die horrenden Schulden, welche die Regierung Trump bedenkenlos aufhäuft, zu finanzieren. Die wirkliche Welt sieht so aus, aber sie ist nicht die Welt, in der Trump lebt. Deshalb schauen sich die Zöglinge der USA von gestern heute um und versuchen, Alternativen zu finden. Was nicht ganz leicht ist, wie man sich denken kann. Speeddating für wirtschaftliche Zusammenarbeit Es fügt sich günstig, dass das Mercosur-Abkommen zwischen Europa und Südamerika in Kraft tritt. Das Europa-Parlament hat zwar beliebt, den Europäischen Gerichtshof um Stellungnahme anzurufen, aber dennoch kann das Abkommen schon jetzt seine Wirkung entfalten. Auch der Besuch des Kanzlers in Indien bekam eine ganz andere Bedeutung. Vielleicht entsteht daraus ein Freihandelsabkommen zwischen Europa und Indien. Es hilft ja nichts, man muss sich nach Alternativen umschauen. Man kann auch nicht mehr so moralisch sein wie gerade eben noch. Ja, Narendra Modi, der indische Ministerpräsident, ist alles andere als ein lupenreiner Demokrat, aber sollte Europa ihn deswegen links liegen lassen? 2026 wird wohl das Jahr der neuen Partnersuche. Speeddating für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Es ist ja nicht so, dass nur Europa von der neuen Unruheweltordnung betroffen wäre. Der kanadische Ministerpräsident Mark Carney hielt in Davos eine bemerkenswerte Rede . Kanada ist ökonomisch abhängig von den USA, die am liebsten das Riesenland mit den wenigen Einwohnern einsacken würden. Carney forderte die anderen mittelgroßen Mächte auf, sich zusammenzutun, anstatt sich an die rein auf den eigenen Vorteil bedachten Supermächte anzuhängen. Was sollen sie jetzt vom Lauf der Dinge halten? Schauen wir uns um: Was denkt wohl die Führung in Japan oder Südkorea über das Prinzip Abrissbirne à la Trump? Beide Länder bauten wie Europa ganz auf die Schutzmacht USA. Können sie das noch, sollen sie auf gut Glück weitermachen wie bisher? Vielleicht ja, aufgrund der geografischen Nähe zum großen Rivalen China sind sie vielleicht unverzichtbar als Verbündete für das Trump-Amerika. Die Nähe und selbstverständlich auch die Last der Vergangenheit mit China können aber auch ein Fluch sein, wenn die Schutzmacht nur noch eine bedingte Schutzmacht sein will. Kleine Länder wie Vietnam oder auch Myanmar vor der neuerlichen Militärdiktatur suchten ökonomisch eine Zusammenarbeit mit den USA gerade deshalb, um der geopolitischen Abhängigkeit von China zu entkommen. Was sollen sie jetzt vom Lauf der Dinge halten? Europas Mittelmächte müssen Zusammenarbeit schärfen Carneys Vorschlag klingt plausibel. Die vielen mittleren Mächte, die sich auf Amerika nicht mehr verlassen können, müssen schauen, wo sie bleiben: Für Kanada, aber auch für Großbritannien folgt daraus, den Handel mit China zu forcieren. Kanada führt E-Autos ein, zum großen Ärger Trumps, und noch mehr Agrarprodukte aus. Keir Starmer , der britische Premier, bricht in Kürze zu seiner ersten Reise nach China auf, um die Handelsbeziehungen zu intensivieren. Weder Merz noch Starmer noch Carney machen sich Illusionen darüber, dass China die Rolle als Schutzmacht übernehmen will. Xi Jinping verteidigt die Globalisierung, sofern sie seinem Land nutzt. Europa liegt in seinem Horizont weit an der Peripherie und ist absolut von gestern. Im Blickpunkt ist einzig und allein Amerika, der geschichtliche Rivale um die Weltherrschaft. Viel wäre schon gewonnen, wenn ein bisschen Kreativität die Passivität ablösen würde, die Trump weltweit ausgelöst hat. Europa steckt voller Mittelmächte, die ihre Zusammenarbeit schärfen müssen. Und dort draußen sind auch noch ein paar andere Mittelmächte, um die es sich zu kümmern lohnt, politisch wie ökonomisch.