Ihr Ruhestand steht an. Vorher begibt sich Kommissarin Bonard auf die Suche nach sich selbst. Kollege Karow landet mit einem Mann im Bett. Privatangelegenheiten und Ermittlungen verschwimmen in diesem Tatort. Eine "Tatort"-Kritik von Maria Bode. Berlin , früher Morgen. Nebel liegt zwischen den Bäumen und rund um den Teufelsberg, als die Ermittelnden dort ankommen. Eine Spaziergängerin will einen Wolf gesehen haben – kurz darauf wird die Leiche eines Obdachlosen, versehen mit Bissspuren, gefunden. Bald ist klar: Der Tote wurde ermordet. Der "Tatort: Gefahrengebiet" aus Berlin, den das Erste an diesem Sonntag um 20.15 Uhr sendet, ist der letzte für Corinna Harfouch in der Rolle der Kommissarin Susanne Bonard. Bonard geht in Ruhestand. Der tote Obdachlose ist ihr letzter Fall. Die Kommissarin ist spürbar grummelig, sie hadert mit sich selbst. Was kommt mit dem Eintritt in den Ruhestand? Hat sie ihrer Familie durch ihre ständige Arbeitswut zu viel zugemutet? Fragen, die sie umtreiben. Als sie und ihr Kollege Robert Karow (Mark Waschke) bei den Ermittlungen im Wald auf die Wildnislehrerin Dara Kimmerer (Anne Ratte-Polle) und einen Begleiter stoßen und diese vor dem Wolf warnen, fasst Bonard einen Entschluss. Sie gibt Karow ihre Dienstwaffe und ihr Handy: Bonard will die beiden bei deren Trekkingtour begleiten. Zu Karow sagt sie, er löse den Fall auch ohne sie. Karow fährt unterdessen zurück in die Stadt. Auf dem Weg trifft er auf Noah Farrell (Nils Kahnwald), der zuvor mit Dara Kimmerer unterwegs gewesen war, und nimmt diesen mit. Die Männer fahren gemeinsam im Auto, die Frauen bleiben zu zweit im Wald. Ein Fall voller Gegensätze Der Hauptstadtfall ist erzählerisch klar strukturiert und reich an Kontrasten. Die Handlung verzweigt sich in zwei Erzählstränge, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Sie spielen in zwei unterschiedlichen Welten. Die Gegensätze werden durch visuelle Mittel unterstrichen: Bonard tastet sich durch die Dunkelheit des Waldes, nachts frierend unter freiem Himmel. Karow tanzt derweil im Club, flirtet, amüsiert sich. Und verliert schließlich die Kontrolle, zeigt sich verletzlich, als er dem manipulativen Noah Farrell in dessen Bunker näherkommt. Die beiden werden miteinander intim. Zu sehen sind Sexszenen, wie man sie im "Tatort" nur selten sieht: intensiv, offen, mehrfach. Ein zentrales Thema des Films ist der Umgang mit persönlichen Krisen und mit umfassenden Katastrophenfällen. Wie gut ist Deutschland für solche gewappnet? Inwieweit ist in einem solchen Szenario jeder Mensch für sich selbst verantwortlich? Nach dem mehrtägigen Stromausfall im Berliner Südwesten Anfang Januar ist diese Frage besonders aktuell. "Gefahrengebiet" ist ein Film über Sicherheitsillusionen und Überleben, über Selbstoptimierung, Schuld und Verdrängung. Kleine Überraschungen für das Publikum Und der ARD-Krimi steckt voller sogenannter Easter Eggs, also kleiner versteckter Hinweise: Da ist etwa die Hundebesitzerin Edda Odin (Catherine Stoyan), deren Hunde Geri und Freki heißen – wie die Wölfe des nordischen Göttervaters Odin. Oder das Lied "Der alte Wolf" von Hildegard Knef, das im Auto erklingt und zur melancholischen Hymne für Bonards Abschied wird. Obendrein liefert dieser "Tatort" starke Bilder. Die langsamen Kamerafahrten über den Teufelsberg oder den Berliner Grunewald, durch vom Nebel umgebene Birken, geben dem Film seine atmosphärische Dichte. Die Musik bleibt dezent, unterstützt die unheimliche, teilweise kühle Stimmung und wirkt zeitweise sogar magisch. Auch das Tempo des Films passt: Er erzählt ruhig, aber nie schleppend. Das lässt viele Szenen nachwirken. Dennoch: Auch dieser Fall hat Schwächen. Der bestens auf Katastrophen vorbereitete Noah Farrell wirkt überzogen in seinem Bunker in der Tiefgarage eines Neubaus in Berlin-Mitte. Und ohnehin dürfte sich das Publikum teilweise fragen: Geht es hier noch um den Fall oder um das private Vergnügen der Ermittelnden? Beides vermischt sich derart, wie es kaum noch mehr möglich ist. Lohnt sich das Einschalten? Die größte Stärke von "Gefahrengebiet" hingegen liegt in den starken Figuren und Kontrasten: zwischen Wald und Stadt, zwischen Offen- und Begrenztheit, Beton und licht- oder nebeldurchfluteten Wäldern. Fest steht: Dieser "Tatort" ist ein Muss, für diejenigen, die keinen klassischen Krimi sehen wollen – und für alle, die Corinna Harfouch zu ihrem Abschied nach sechs Folgen noch einmal in Bestform und mit viel Raum für ihre Figur sehen wollen. Wer für sie übernimmt, ist noch unklar. Für Mark Waschke als Robert Karow geht es im nächsten Fall laut federführendem RBB erst einmal solo weiter. Doch Produzent Jens C. Susa erklärt: "Seine Zukunft im Revier am ehemaligen Flughafen Berlin-Tegel bleibt spannend." Teilen Sie Ihre Meinung mit Wie gefiel Ihnen dieser "Tatort"? Schreiben Sie eine E-Mail an Lesermeinung@stroeer.de . Bitte nutzen Sie den Betreff "Tatort" und begründen Sie.