Kurskorrektur kurz vor knapp
Drei Alte weg, anderthalb Neue da. Der letzte Tag, an dem das Transferfenster für die meisten europäischen Ligen geöffnet war, hat bei Borussia noch allerlei Bewegung in den Kader gebracht. Und kaum ist das erledigt, ploppt eine weitere Meldung auf, die auf größere anstehende Umwälzungen hindeuten lässt.
Was nicht passiert ist: Borussia hat keinen erfahrenen Strukturspieler verpflichten können. Solche wachsen nicht auf den Bäumen und wenn, sind sie vermutlich für einen klammen Abstiegskandidaten nicht zu bezahlen. Das Problem, dass eine Mannschaft ohne Führungspersönlichkeiten auf dem Platz steht, wird uns also weiter begleiten und vermutlich in so manchem Spiel noch bekümmern.
Was passiert ist: Borussia hat den nominell wertvollsten Spieler der ersten schwedischen Liga verpflichtet – zunächst auf Leihbasis, ab dem Sommer dann fest, was ein weiteres Indiz für die heikle finanzielle Lage des Vereins darstellen dürfte. Hugo Bolin kommt von Malmö FF, der linke Mittelfeldspieler hat internationale Erfahrung mit seinem Verein, hat aber auch zwei A-Länderspiele für Schweden gemacht. Dort ist seine Entwicklung zuletzt etwas stagniert. Der Wechsel in eine neue Liga soll helfen, dass der Rechtsfuß sein Potenzial auszuschöpfen fortsetzt. Bolin ist kein klassischer Flügelflitzer, er hat zwar einen guten Antritt aber keine außerordentliche Endgeschwindigkeit. Wegen seiner „Falschfüßigkeit“ ist er kein Flankenspezialist. Ein Highlight-Video bei Youtube zeigt stattdessen einen Spieler, der gerne den Robben-Trick (wenn auch von der anderen Seite aus) versucht. Positiv fällt auf, dass Bolin seinen linken Fuß nicht nur zum Stehen hat. Bolin wird zunächst vor allem als Ersatz für den langzeitverletzten Robin Hack zum Einsatz kommen. Ob Eugen Polanski ihn direkt „reinwerfen“ wird, ist eine andere Frage. Zuletzt scheint dem Trainer der Wille zum Experiment etwas abhanden gekommen zu sein.
Neben Bolin stehen auf der Habenseite die Leihspieler Sarco und Takai, die bereits zum Einsatz gekommen sind und im Fall Takai durchaus angedeutet haben, eine Soforthilfe sein zu können. Außerdem hat Borussia für die U23 Jakob Zickler von Dynamo Dresden, Stiefsohn des ehemaligen Co-Trainers Alexander Zickler, verpflichtet. Der 19-Jährige gilt durchaus als Spieler mit Potenzial für mehr als nur Regionalliga, wenn auch sicherlich noch nicht in diesem Jahr.
Bei den Abgängen fällt die Bilanz nicht ganz so aus, wie viele sich das wohl gewünscht hätten. Marvin Friedrich und Kevin Stöger bleiben bei Borussia, damit belasten zwei Großverdiener mit sehr begrenzter sportlicher Perspektive weiter das Budget. Beide kamen bei der gefühlten Niederlage in Bremen zum Einsatz. Stöger blieb erneut jeden Beleg schuldig, dass er die einst angedachte Rolle als Antreiber, Gestalter und Führungsspieler ausfüllen kann. Friedrich war der einzige Spieler, dem man das späte Gegentor ankreiden konnte, weil er beim Kopfball vorher nicht entschlossen genug zur Sache ging. Luca Netz spielte in Bremen auch mit, nicht gut, aber von Anfang an. Just mit der Vertragsverlängerung seines direkten Konkurrenten Lukas Ullrich schien Netz sich als die von Eugen Polanski präferierte Lösung auf der linken Abwehrseite durchgesetzt zu haben. Dennoch nutzte Rouven Schröder die letzte Möglichkeit, noch Geld für einen Transfer des 22-jährigen ehemaligen Hoffnungsträgers zu verdienen. Netz wechselt für kolportierte 2,5 Millionen Euro zu Nottingham Forest in die Premier League. Für den Spieler eine große Chance, angesichts der Tatsache, dass er sich in seiner Gladbacher Zeit nicht spürbar weiterentwickelt hat, vielleicht auch eine unverhoffte Chance. Ersetzt wurde Netz nicht, so dass Lukas Ullrich sich jetzt wieder regelmäßig wird beweisen können. Alternativ, so Borussia weiter mit Dreier-/Fünferkette aufläuft, könnte auch Fabio Chiarodia von Netz‘ Weggang profitieren. Ein weiterer nur behelfsmäßig kompensierter Abgang ist der von Ersatzkeeper Jonas Omlin. Der nominelle Kapitän wird auch bei Bayer Leverkusen nur Ersatz sein und ist verliehen, nicht verkauft. Wie schon andernorts geschrieben, sollte dieser Transfer uns allen vor Augen führen, wie es um Borussia finanziell bestellt ist. Ein bisschen Leihgebühr und das Gehalt gespart, dafür mit zwei bisher nicht nachweislich bundesligatauglichen Ersatztorhütern in den Abstiegskampf. Das riecht nach echter Geldnot.
Überdies verlässt mit Klilan Sauck ein Talent den Verein, der zuletzt bei der U23 mit wechselhaften Auftritten aufgefallen war. Offenbar traute man dem eins aus St. Pauli in die Gladbacher Jugend gekommenen Talent den nächsten Schritt bei Borussia nicht mehr zu. Wenig überaschend der letzte Abgang an diesem „Deadline-Day“: Grant-Leon Ranos wurde erneut in die Zweite Liga verliehen. Dass der Armenier danach in Mönchengladbach eine größere Rolle spielen kann, als bisher, ist kaum vorstellbar – es sei denn, die Saison endet für Borussia mit dem Abstieg.
Die Meldung, die am Morgen nach den Transferaktivitäten aufmerken lässt, hat mit Transfers viel zu tun, könnte sie doch die Gestaltung des künftigen Kaders, egal welche Liga, entscheidend beeinflussen. André Hechelmann wird von Bayern München an den Niederrhein wechseln und ab dem 01.03. dort für Chefscouting und Kaderplanung verantwortlich sein. Hechelmann ist ein Weggefährte von Gladbachs Sportkopf Rouven Schröder, beide arbeiteten in Mainz und bei Schalke 04 zusammen, auf Schalke beerbte Hechelmann Schröder kurzzeitig als Sportdirektor. Bei den Bayern war der 41-jährige nominell „Leiter Scouting“. Borussia kündigt Umstrukturierungen im Bereich Scouting an. Unter anderem wird sich Steffen Korell aus dem Tagesgeschäft zurückziehen. Eine "beratende Funktion" wird der langjährige Direktor Scouting künftig übernehmen. Dass Korell diesen Schritt auf eigenen Wunsch geht, bestätigen uns gleich mehrere Quellen. Was genau die "beratende Funktion" beinhaltet, bleibt dagegen offen. Borussia lässt ihre Leute ungern fallen, selbst ein Wiederauftauchen von Roland Virkus in irgendeiner Form sollte uns nicht verwundern. Die mutmaßliche Verpflichtung Hechelmanns ist allerdings, wie schon die Installation von Schröder, ein Bruch mit der nicht nur segensreichen Borussen-Tradition, möglichst alle Posten mit Leuten aus dem eigenen Stall zu besetzen. Da auch SEITENWAHL das Köcheln im eigenen Saft in der Vergangenheit häufig moniert hat, stehen zumindest wir den sich andeutenden Veränderungen erst einmal positiv gegenüber.