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Hochstapler-Affäre erschüttert AfD: Vorstand lässt alle Kandidaten überprüfen

Ein von t-online enttarnter Hochstapler unter den AfD-Europakandidaten lässt die Parteibasis rebellieren. Der Vorstand muss handeln. Und will sich nun Zeugnisse von allen Kandidaten vorlegen lassen.Wochenlang hat die AfD-Spitze um Alice Weidel und Tino Chrupalla geschwiegen, nun wird der Druck der Basis zu groß. Nachdem t-online zahlreiche Falschangaben im Lebenslauf eines Europakandidaten der Partei aufgedeckt hat, sollen alle Nominierten für die EU-Parlamentswahl Nachweise über ihre akademischen und beruflichen Qualifikationen sowie über alle weiteren Lebenslaufangaben erbringen. Das hat laut mehrerer Quellen in Parteikreisen am Montagmorgen der AfD-Bundesvorstand beschlossen. Grund für den Beschluss ist der zunehmende Druck von der Basis, die Parteispitze solle verhindern, dass Hochstapler ins Europaparlament einziehen.Gerüchte um weitere UngereimtheitenFür die AfD-Spitze ist die Lage unbequem: Nicht nur ist Kandidat Arno Bausemer aus Sachsen-Anhalt bereits überführt, auch an den Angaben von Mary Khan-Hohloch zu ihrem Studienabschluss haben viele Parteimitglieder und sogar Funktionäre Zweifel. Viele spekulieren, dass bei eingehender Überprüfung noch bei weiteren Kandidaten Unwahrheiten ans Licht kämen. Deswegen schienen Weidel und Chrupalla zunächst zu einem Winkelzug greifen zu wollen. Anstatt beide Kandidaten einer eindringlichen Prüfung zu unterziehen, sollten zwar sogar alle 35 überprüft werden – aber nur auf ihre Berufs- und Studienabschlüsse hin.Damit wären beispielsweise Bausemers irreführende Arbeitsreferenzen und seine Falschbehauptung, er habe über viele Jahre als "Geschäftsführer" eines landwirtschaftlichen Betriebs gearbeitet, nicht Gegenstand der Untersuchung gewesen. Hinsichtlich der angeblich abgeschlossenen Ausbildung könnte sich Bausemer darauf zurückziehen, dass es in Deutschland keine gesetzlichen Ausbildungsbezeichnungen für Journalisten gibt – obwohl sein vermeintlicher Ausbildungsbetrieb und seine damalige Universität die von ihm angegebene Qualifikation bestreiten.Eine heikle AngelegenheitIn der Sitzung am Montagmorgen drangen Mitglieder des Vorstands deswegen auf eine wesentliche Änderung des Antrags: Nun sollen alle Angaben der Kandidaten überprüft werden. Die Nominierten sollen die Dokumente angeblich bis Mitte September den Vertrauenspersonen der Wahlleitung und dem Bundesgeschäftsführer vorlegen. Wie mit Kandidaten verfahren wird, deren Angaben sich als falsch erweisen, bleibt einstweilen offen.Ein weiterer Vorteil wäre: Käme man zum Schluss, alles gehe bei den Angaben mit rechten Dingen zu, könnte die Partei die Hochstapler-Affäre möglicherweise sogar für die Öffentlichkeitsarbeit nutzen. "Die Mitglieder haben ein Recht auf Aufklärung", sagte ein AfD-Mitglied, das auch auf der Liste zur Europawahl steht. Wenn es Zweifel an der korrekten Beantwortung der Pflichtfragen gebe, sei eine Überprüfung die "konsequente Folge". Es gehe um die Glaubwürdigkeit der Partei, und es sei "schade, dass es so weit kommen musste".Das Thema ist sowohl politisch als auch organisatorisch heikel: Die AfD legte bislang größten Wert darauf, dass Kandidaten abgeschlossene Berufs- oder Studienabschlüsse aufweisen und mindestens fünf Jahre außerhalb der Politik gearbeitet haben. Das nutzte der Außendarstellung der Partei und machte es möglich, beispielsweise Studienabbrüche bei politischen Gegnern zu skandalisieren. Deswegen gilt es besonders an der Basis als "parteischädigend", sollten tatsächlich gleich mehrere Kandidaten dabei ertappt werden, Unwahrheiten über die eigene Qualifikation zu verbreiten.Muss die Liste neu gewählt werden?Mit der Hochstapelei stellt sich allerdings ein womöglich noch größeres Problem: Aus Kreisen des AfD-Vorstands verlautet, wenn ein Kandidat von der Liste zur Europawahl flöge, sei noch unklar, wie es weitergehe. Möglicherweise könnte der jeweilige Platz nachgewählt werden, möglicherweise müsste aber auch die gesamte Liste ab diesem Platz neu gewählt werden. Für die Partei wäre das ein Desaster.Bausemer wurde auf den aussichtsreichen Listenplatz 10 gewählt, Khan-Hohloch auf 14 gesetzt. Mehr als zwei Drittel der Liste wären also hinfällig, und es müsste erneut eine Versammlung einberufen werden, die Zeit und Geld in Anspruch nähme. Anders sähe es vermutlich nur aus, wenn Kandidaten freiwillig auf ihren Platz verzichteten. Doch es ist fraglich, ob sie das täten.Bislang hat Bausemer gegenüber der Magdeburger Regionalzeitung "Volksstimme" eingeräumt, nicht wie angegeben als "Geschäftsführer" gearbeitet zu haben. Trotz anderslautender Angaben des MDR und der damaligen Studienordnung rückt er in einem parteinahen Medium hingegen nicht von der Behauptung ab, seine Ausbildung abgeschlossen zu haben. Dass ihm nach wenigen Wochen bei einer anderen Zeitung in der Ausbildung gekündigt wurde, stellt er noch immer als "weitere berufliche Station" dar. Bliebe es dabei: Die AfD schickte mindestens einen Hochstapler ins Parlament.

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