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AfD-Machtkampf: Matthias Helferich und das "freundliche Gesicht des NS"

Im größten Landesverband der AfD nähert sich ein heftiger Machtkampf zwischen zwei Lagern seinem vorläufigen Höhepunkt. Der Ausgang wird Konsequenzen für die gesamte Partei haben. Zweieinhalb Jahre lang kämpfen sie nun schon mit härtesten Bandagen gegeneinander. Von "tiefen Verletzungen", die man sich dabei zugefügt habe, sprechen sie im Landesverband. Und jetzt: vom großen Finale. "Das ist das Endspiel", sagt ein AfD-Funktionär aus NRW t-online. Dieses "Endspiel" findet zwischen zwei politischen Lagern statt: Auf der einen Seite steht Matthias Helferich, auf der anderen der Landeschef der AfD in Nordrhein-Westfalen, Martin Vincentz. Helferich nannte sich einst in internen Chats das "freundliche Gesicht des NS" und trägt diesen Beinamen in der Medienberichterstattung nun dauerhaft. Auch, weil Helferich nichts dafür tut, ihn abzustreifen. Der Bundestagsabgeordnete aus Dortmund zählt zum besonders radikalen Lager in der AfD und ist ein enger Vertrauter des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke . Eng vernetzt ist er auch mit dem rechtsextremen Vorfeld der Partei, für das die Parole der "Remigration" so wichtig ist. Sie befeuert er im Bundestag ebenso wie in den sozialen Netzwerken. Und Helferich ist so fleißig wie geschickt darin, die Macht des Höcke-Flügels im Westen zu mehren. Mehr als 40 Prozent der Stimmen bekommt er auf Parteitagen in NRW inzwischen für seine Anliegen. Landeschef Martin Vincentz tickt anders. So wie der Jurist Helferich sich zum lautesten Vertreter des völkischen Flügels gemacht hat, stilisiert sich der Arzt Vincentz zum wichtigsten Kämpfer gegen diesen Flügel in der AfD. Und tatsächlich ist er der einzige Prominente, der verblieben ist. "Wir wollen keine Verrückten von rechts", rief Vincentz auf einem Landesparteitag im März unter Applaus. Helferich erwähnte er dabei nicht namentlich. Es war nicht nötig. Der weiße gegen den schwarzen Ritter Im Zentrum dieses Machtkampfes steht ein Parteiausschlussverfahren gegen Helferich. Das eröffnete der Landesvorstand um Vincentz – da noch in anderer Zusammensetzung – schon 2024. Eine wichtige Entscheidung in diesem Verfahren steht in der nächsten Woche an. Der Landesvorstand wirft Helferich unter anderem ein geschlossenes rechtsextremistisches Weltbild und Flirts mit dem Nationalsozialismus vor. Ähnliche Verfahren haben die in Teilen rechtsextreme AfD in früheren Fällen beinahe zerrissen. Inzwischen sind sie selten geworden. Zwar werden in der Partei nach wie vor viele Ausschlussverfahren geführt, weit mehr als in anderen Parteien. Fast nie aber werden sie gegen Parteiprominenz angestrengt – und erst recht nicht wird dabei als Grund, wie bei Helferich, "Rechtsextremismus" angeführt. Statt solch ideologischer Kämpfe gegen die Radikalen in der Partei sind schon lange Zweckbündnisse zwischen allen Lagern an der Tagesordnung. Es hat, auch für die Anhänger der beiden Kontrahenten, deswegen etwas von einem epischen Kampf. Ablesbar ist das auch an den Spitznamen, die die beiden Duellanten, oft ironisch vorgetragen, in Kreisen des Landesverbands tragen: der weiße und der schwarze Ritter. Wäre das Ausschlussverfahren gegen Helferich erfolgreich, würde es nicht nur Helferichs Karriere beenden. Es würde dem völkischen Flügel der AfD zugleich ihren wichtigsten Strippenzieher im Westen nehmen. Gewinnt hingegen Helferich, hätte er in Zukunft freie Fahrt, könnte nach allen Parteiämtern, auch dem Landesvorsitz greifen, und den größten Landesverband der AfD weiter radikalisieren. Für die Gesamtpartei hat der Ausgang des Verfahrens daher erhebliche Relevanz: Die AfD NRW ist der größte Landesverband der AfD – an Mitgliedern sowie Delegierten. Und die bestimmen das führende Personal sowie das Programm auf Bundesebene. Parteigericht empfiehlt Vergleich und Ämtersperre Seit 2024 schleppt sich Helferichs Verfahren durch die Instanzen der parteiinternen Justiz. 2025 schloss ihn das NRW-Landesschiedsgericht bereits aus der Partei aus. Helferich ging dagegen vor und büßte nichts von seiner Macht ein. Im Gegenteil: Vincentz‘ hartes Vorgehen gegen Helferichs Lager brachte diesem weitere Unterstützer ein. Inzwischen ist das Verfahren auf der höchsten Ebene, beim AfD-Bundesschiedsgericht, angekommen. Am vergangenen Samstag wurde in Dresden verhandelt, Helferich und Vertreter des Landesvorstands traten sich vor drei AfD-Richtern gegenüber. Die Richter fällten zunächst kein Urteil, sondern empfahlen nach Informationen von t-online einen Vergleich zwischen den beiden Parteien: kein Parteiausschluss für Helferich, sondern sechs weitere Monate Ämtersperre. Zuzüglich zu den mehr als zwei Jahren, die er bereits für Parteiämter gesperrt war, während das Verfahren lief. Nun ist es am Landesvorstand NRW, den Vergleich anzunehmen oder auszuschlagen. Um diese Entscheidung zu fällen, ist für Dienstag eine Sondersitzung der Parteispitze anberaumt. Doch dass die dem Vergleich zustimmt, ist noch lange nicht ausgemacht: Die Mehrheiten im Landesvorstand sind zwar inzwischen knapp und haben sich zugunsten des Helferich-Lagers geneigt. Doch noch hält Vincentz eigentlich die Mehrheit im Vorstand. Und sein Lager hat immer wieder bekundet: Es geht in diesem Fall ums Prinzip. Für Menschen wie Helferich, unbelehrbare und destruktive Rechtsextremisten, sei in der AfD, zumindest in der AfD NRW, kein Platz. "Parteiausschlussverfahren fürs Lebenswerk" Ein Parteiausschlussverfahren, kurz: PAV, ist das härteste Schwert, das Parteigliederungen gegen ihre Mitglieder ziehen können. Die Hürden für den Erfolg solcher Verfahren liegen hoch. Werden sie erfolgreich genommen, können die Betroffenen auch außerhalb der Parteijustiz vor Zivilgerichten noch dagegen vorgehen. Im Verfahren gegen Helferich soll der Schriftverkehr zwischen den beiden Lagern inzwischen Hunderte Seiten umfassen. Die Vorwürfe des Landesvorstands gegen Helferich lassen sich grob so zusammenfassen: Helferich besitze ein geschlossen rechtsextremistisches und völkisches Weltbild, das sich immer wieder deutlich zeige. Zum Beispiel durch das Herabwürdigen von Migranten; das unter anderem durch die Formel "millionenfache Remigration" erklärte Ziel, auch Deutsche mit Migrationshintergrund abschieben oder andere politische Zwangsmaßnahmen gegen sie anwenden zu wollen; das Verletzen der im Grundgesetz verbrieften Menschenwürde oder indirekte positive Bezugnahmen auf Adolf Hitler in seinen Vorträgen. Helferich hat eine Vergangenheit mit Blick auf positive Bezüge zur NS-Zeit. Schon 2021 tauchten die internen Chats aus dem Jahr 2017 von ihm auf, in denen er sich als "freundliches Gesicht des NS" sowie als "demokratischer Freisler" bezeichnete. Roland Freisler war NS-Strafrichter und Mitorganisator des Holocaust. 2025 dann machte der "Spiegel" Mails publik, die aus den Jahren 2014 bis 2016 stammen sollen. Helferich soll diese unter anderem mit "Heilchen" begonnen und darin gedichtet haben: "Advent, Advent, ein Asylantenheim brennt" oder sie mit dem "PS" beendet haben, er bevorzuge die Anrede "Holocaustleugner_In". Ein Helferich-Kritiker formuliert es so: Helferich sei seit Jahren auffällig. Ein unverbesserlicher Extremist. Das Parteiausschlussverfahren gegen ihn sei ein "PAV fürs Lebenswerk". Juristisch gesehen ist die Lage allerdings komplizierter. Zumal in einer Partei wie der AfD, wo rechtsextreme Umtriebe in vielen Verbänden kaum noch Konsequenzen haben. Die Aussage "freundliches Gesicht des NS" bezeichnet Helferich als Ironie. Außerdem hatte er schon 2021 für sie eine Ämtersperre erhalten, war wegen heftiger Diskussionen in der Partei zudem nicht in die AfD-Bundestagsfraktion eingetreten. Also: abgesühnt. Die vom "Spiegel" 2025 veröffentlichten E-Mails weist er von sich – er will sie weder geschrieben noch verschickt haben. Mit Blick auf andere Vorwürfe vertritt der Jurist die Position, sie seien verjährt, also nicht mehr relevant für das Verfahren. Oder er werde gründlich missverstanden. Wenn er zum Beispiel von einer "tausendjährigen Zukunft" spricht, die er sich für das deutsche Volk wünscht, will er nicht den zentralen Propagandabegriff eines "tausendjährigen Reichs" der Nazis aufgegriffen haben – sondern sich lediglich auf eine Terra-X-Doku bezogen haben. Und so weiter, und so fort. Drei Richter aus Sachsen Vieles ist bei solchen Verfahren in der AfD von der Besetzung der Parteischiedsgerichte abhängig. Die wird regelmäßig auf Parteitagen bestimmt. Doch die Schiedsgerichte gelten in der AfD als wenig unabhängig. Besonders auf Landesebene genießen sie den Ruf, von den jeweiligen Vorständen eingesetzt zu werden, um unliebsame Kritiker bei Bedarf aus der Partei entfernen oder abstrafen zu können. Am Bundesschiedsgericht sind drei Richter aus Sachsen für den Fall Helferich zuständig. Ob das ein Vorteil für Helferich oder Vincentz ist, ist unklar. Einerseits nämlich zählt der sächsische Landesverband zu den radikalsten in der AfD. Äußerungen wie die von Helferich haben dort schon lange keine Folgen mehr. Anderseits aber sind Teile des Landesverbands nicht etwa mit dem Höcke-Flügel strategisch eng verbunden, sondern mit dem Vincentz-Lager in NRW. Dass das Gericht nun auf einen Vergleich mit der Strafe einer halbjährigen Ämtersperre drängt, könnte ein Fingerzeig darauf sein, dass es aus seiner Sicht nicht für Helferichs Parteiausschluss reicht. Oder dass man vor allem eines im Sinne hat: sich selbst wenig Arbeit und keinen Protest aus der Partei aufzuhalsen. Gespräche hinter den Kulissen laufen Wenig überraschend teilt Helferich t-online auf Anfrage mit, er sei "vergleichsbereit": Der Landesverband NRW müsse zur Ruhe kommen, "machtpolitisch-motivierte Parteiausschlussverfahren" gegen ihn und andere müssten dafür rasch beendet werden. "Der Landesvorstand unter Martin Vincentz muss nun zeigen, ob er auch den Parteifrieden wünscht." Im Vincentz-Lager dürften erhebliche Zweifel daran bestehen, dass Helferichs Ziel "Parteifrieden" ist. Denn Helferich gilt als unversöhnlich und kompromisslos. Wer sich einmal gegen ihn gewandt hat, besonders in diesem Parteiausschlussverfahren, dürfte sich seines anhaltenden Zornes sicher sein. Wie sich der Landesvorstand in seiner Sondersitzung am Dienstag entscheiden wird, ist noch nicht ausgemacht. Im Vorstand hat Vincentz eigentlich sieben Leute auf seiner Seite, das Helferich-Lager fünf. Derzeit laufen Gespräche zwischen vielen Akteuren. Lehnt der Vorstand den Vergleich mit Helferich mehrheitlich ab, muss das Bundesschiedsgericht dann doch ein Urteil fällen. Eines ist sicher: Jede Entscheidung im Fall Helferich in NRW wird auf die gesamte Partei ausstrahlen.

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