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Machte er sich über Femizide lustig? ARD und Dieter Nuhr äußern sich

Wenn Dieter Nuhr Witze macht, ist Aufregung programmiert. Bei seinem jüngsten Auftritt spricht er über Gewalt gegen Frauen – und zieht mit einer Pointe Kritik auf sich. Seit 15 Jahren erreicht Dieter Nuhr ein Millionenpublikum. Der Comedian hat eine Vielzahl an Preisen erhalten – und sich in dieser Zeit ebenso viel Kritik für seine Pointen und Positionen eingehandelt. Provokationen und die Aufregung darum ziehen sich wie ein roter Faden durch Dieter Nuhrs Karriere. Jüngstes Beispiel: Eine Pointe in seiner jüngsten Sendung "Nuhr im Ersten XXL", die erstmals am 18. Juni im ARD-Hauptprogramm lief. Seit Tagen ist sie Gesprächsthema in den sozialen Medien. Nuhr, so heißt es in vielen Beiträgen auf Instagram, benutze getötete Frauen für einen Witz und befeuere mit seinen Aussagen Hass gegen Frauen. Im Kern dreht sich die Kritik um ein rund fünfminütiges Stand-up des Comedians. Dieter Nuhr zitiert zu Beginn aus der "taz" und der "Süddeutschen Zeitung". In beiden Texten beschäftigen sich Autorinnen mit der Frage, wie das Zusammenleben mit Männern schadenfrei gelingen kann. Frauen müssten sich "statistisch gesehen" vor Gewalt fürchten, heißt es in der "SZ". Und in der "taz" ist der Fall von Collien Fernandes Anlass für einen Meinungsbeitrag: "Überall ist der Hass der Männer gegen uns Frauen sichtbar", steht dort im Anlauftext. Trotzdem wolle die Autorin "ein Zusammenleben nicht aufgeben". Dieter Nuhr kritisiert die Beiträge als zu pauschal, zu wenig differenziert. Sie entlarvten seiner Meinung nach nur die mangelnden Statistikkompetenzen der Autorinnen. Dass eine der Autorinnen erwägt, sich gegen eine Beziehung mit einem Mann zu entscheiden, weil dieser sie "statistisch betrachtet gut möglich erniedrigt, schlägt oder sogar tötet", scheint Dieter Nuhr besonders aufzuregen. "Was ist das für ein Irrsinn?", fragt er sein ARD-Publikum. "Femizide werden nicht ernst genommen" Dann kommt der wohl umstrittenste, in den sozialen Medien verbreitete Teil seines Auftritts: "Morde an Frauen werden im Wesentlichen von Männern verübt, das bedeutet aber nicht, dass Männer ständig Frauen töten." Es gebe etwa 300 bis 350 Frauenmorde jedes Jahr, verweist Nuhr auf die Statistik und sagt: "Natürlich sind das 300 bis 350 zu viel, das ist doch keine Frage. Aber es gibt in Deutschland zig Millionen Männer: Die Wahrscheinlichkeit, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, ist praktisch null." Die Pointe, die Dieter Nuhr daraus zieht, lautet: "Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr einmal kennenlernt." Das sei eine Täter-Opfer-Umkehr, hieß es prompt, die Empörung ist seitdem groß. Die Realität ist, dass Gewalt gegen Frauen häufig in Beziehungen stattfindet – die angegriffenen Frauen ihren Partner also sehr wohl schon "kennengelernt" haben. "Nuhr lässt diesen Raum verschwinden", sagt der Influencer Elias Naeb in einem Instagram-Video. Auch die Journalistin Yasmin Oshin weist darauf hin: "Frauen werden selten von Männern ermordet, die sie gerade eben in einer Bar kennengelernt haben. Femizide passieren viel öfter im nahen Umfeld." Das Bundeskriminalamt listet für 2024 133 weibliche Opfer auf, die durch ihren Partner getötet wurden. Das entspricht zwei bis drei getöteten Frauen pro Woche. Wurden Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen? Yasmin Oshin kritisiert auch, Dieter Nuhr nehme Männer pauschal in Schutz: "Femizide werden nicht ernst genommen. Stattdessen werden sie in Relation gesetzt. Als wäre das Entscheidende nicht, dass Frauen getötet werden, sondern dass Männer dabei ein gutes Image behalten." Femizide seien "die tödliche Spitze einer gesellschaftlichen Gewaltpyramide. Ganz unten stehen sexistische Witze wie die von Dieter Nuhr". Als t-online Dieter Nuhr mit der Kritik an ihm konfrontiert, antwortet sein Management für ihn. Der Comedian sei im Ausland und könne nicht persönlich antworten. Sein Beitrag in der betreffenden Sendung "Nuhr im Ersten XXL" sei in den sozialen Netzwerken aus dem Zusammenhang gerissen worden. "Dieter Nuhr macht sich zu keiner Sekunde über das Thema Femizide lustig", widerspricht Nuhrs Management. So stelle er "ausdrücklich klar", dass jeder einzelne Frauenmord "einer zu viel ist". Das gelte auch für den Satz, man solle den Partner erst kennenlernen, bevor man mit ihm intim wird. Dazu heißt es vonseiten des Managements: "Diese Zuspitzung richtet sich weder gegen Frauen noch gegen irgendeine andere Gruppe, sondern allein gegen die Pauschalisierung jenes Artikels, der jeden Mann unter Generalverdacht stellt." Dann wird es analytisch. Laut Management handle sein Auftritt "durchgängig von etwas anderem". Nuhr arbeite heraus, "wie pauschale Vorurteile heute sprachlich aufgewertet werden", so Nuhrs Sprecher. Auch die kritisierte Pointe gehöre "genau in diesen Rahmen", denn sie greife einen Zeitungsartikel auf, "der sinngemäß alle Männer pauschal zu potenziellen Tätern erklärt und führt diese statistische Schieflage mit den Mitteln der Übertreibung ins Absurde". Die Pointe richte sich nicht an betroffene Menschen – sondern "entlarvt die Denkweise des Textes". Auf den Vorwurf, dass Nuhr seinerseits die in den Texten beleuchteten strukturellen Gründe für Femizide ausblendet, geht das Management dagegen nicht ein. Das sagt der RBB zur Kritik an Dieter Nuhr Die öffentliche Kritik richtete sich auch gegen den RBB. "Wie kann man so etwas ernsthaft noch als Satire durchgehen lassen?", so der Tenor vieler Kommentare. Auf Anfrage von t-online nahm die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt ihren Comedian: "Selbstverständlich sind wir uns unserer öffentlich-rechtlichen Aufgabe und Verantwortung bei der Gestaltung des Programms bewusst, in Satireformaten gilt es jedoch auch die künstlerische Freiheit zu achten." Comedy und Satire sollten "polarisieren, das Spiel mit Klischees oder überspitzter Darstellung ist ihnen immanent". Der Sender teilt weiter mit: "Über Geschmacksgrenzen beim Inhalt wird man wohl immer unterschiedliche Auffassungen vertreten können." Es ist eine Formulierung, die Erinnerungen an Aussagen der früheren RBB-Intendantin Patricia Schlesinger weckt: Rund um Anschuldigungen gegen Nuhr, er habe ein Buch der Autorin Alice Hasters über Rassismus weder verstanden noch gelesen, sagte sie im Jahr 2020, man schätze den Comedian, weil er "an Grenzen geht". Nuhr eckte in der Vergangenheit wiederholt an. 2014 wurde er wegen mutmaßlicher "Beschimpfung von Religionsgemeinschaften" angezeigt. Das Ermittlungsverfahren gegen den Comedian wurde jedoch eingestellt. Auch mit seinen Witzen über geschlechtergerechte Sprache, zum Klimawandel und seinen Äußerungen zur Migrationspolitik polarisierte er . Wegen seiner Witze gegen die Grünen wurde er von der AfD gefeiert und dem rechtspopulistischen Spektrum zugeordnet – wogegen er sich jedoch wehrte. "Ich mache Witze über Linke und Rechte und hoffe, dass ich Applaus aus der Mitte bekomme", betonte er in einem "Spiegel"-Interview im November 2025. Im selben Gespräch redete Nuhr auch über Polarisierung. Er fühle sich "alles andere als provokant", sagte er und fügte im Hinblick auf seine Auftritte hinzu: "Ich glaube nicht, dass ich Menschen verunglimpfe." Vielmehr würden seine Aussagen oft aus dem Zusammenhang gerissen und in einen falschen Kontext gebettet.

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