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11. September: Krieg nach 9/11 macht USA schwächer – Folgen bis heute

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, um 8:19 Uhr an einem Dienstagmorgen im September greift im Heck einer Boeing 767 eine Frau zum Bordtelefon. Betty Ong, Flugbegleiterin auf American Airlines 11, spricht ruhig in den Hörer: In der Business-Class sei jemand niedergestochen worden, berichtet sie der Reservierungszentrale am Boden. Sie glaube, die Maschine werde entführt. Das Cockpit antworte nicht. Tatsächlich sitzt vorn im Cockpit nicht mehr der Pilot auf seinem Sessel. Stattdessen sitzt dort nun ein Mann namens Mohammed Atta. Versehentlich drückt er bei seiner Ansage die Funktaste, so können ihn die Leute von der Flugsicherung hören. "Wir haben einige Flugzeuge, bleiben Sie einfach ruhig und Ihnen wird nichts geschehen", sagt er. "Wir kehren zum Flughafen zurück." 22 Minuten später lenkt er den Passagierjet in den Nordturm des World Trade Centers in New York. Mit dem Aufprall beginnt eine brutale Epoche. Fast 3.000 Menschen sind durch die Terroranschläge am 11. September 2001 aus dem Leben gerissen worden. Übermorgen jähren sich die Attacken zum 25. Mal. Mehr als ein Drittel der Toten sind bis heute nicht identifiziert, und das Sterben hört nicht auf: Rund 9.000 Menschen sind seither an Erkrankungen gestorben, die aus dem Staub der einstürzenden Wolkenkratzer resultierten. Der Terror vor den Augen von Millionen Fernsehzuschauern traf Amerika ins Herz und erschütterte die stolze Nation zutiefst. Eine andere Szene, zwei Jahre später in der irakischen Stadt Abu Ghuraib westlich von Bagdad. Die amerikanische Besatzungsmacht hat das Gefängnis aus der Saddam-Zeit übernommen und sperrt dort mehr oder weniger willkürlich Menschen ein: Kriminelle und Beamte des gestürzten Regimes, aber auch viele Leute, die irgendwie verdächtig erscheinen oder zur falschen Zeit am falschen Ort aufkreuzten. Es sind Tausende. Im Zellenblock 1A steht ein Mann auf einem Karton. Er trägt einen zerschlissenen Umhang, hat eine schwarze Kapuze über dem Kopf und Drähte an Fingern und Zehen. Man hat ihm gesagt, er bekomme einen Stromschlag, wenn er herunterfalle. Ein paar Meter weiter liegt ein nackter Mann am Boden, eine Hundeleine um den Hals, die von einer feixenden Amerikanerin gehalten wird. Die Soldaten machen Fotos. Eines zeigt nackte Gefangene, zu einer Pyramide gestapelt, dahinter grinsende Soldaten mit erhobenen Daumen. Sie misshandeln ihre Opfer, zwingen sie zu sexuellen Handlungen, einen hängen sie an den Handgelenken auf, die hinter seinem Rücken gefesselt sind. Er erstickt. Der Terror von Abu Ghuraib war kein Betriebsunfall, er entsprang der amerikanischen Politik. Wutentbrannt und zu allem entschlossen zog die mächtigste Nation der Welt in den " Krieg gegen den Terror", um sich für die Anschläge vom 11. September zu rächen – und verlor dabei jedes Maß . Die Opferzahlen des jahrelangen Feldzugs sind monströs. 176.000 in Afghanistan. 67.000 in Pakistan. Bis zu 315.000 im Irak. 266.000 im syrischen Kriegsgebiet. 112.000 im Jemen. Insgesamt sind es fast eine Million Tote, mehr als 432.000 von ihnen Zivilisten. Rund 38 Millionen Menschen wurden vertrieben, die unzähligen Schlachten kosteten acht Billionen Dollar. Wofür das alles? Massenvernichtungswaffen fanden die USA im Irak ebenso wenig wie Verbindungen zwischen Saddam Hussein und den Attentätern von 9/11. Was bleibt, sind Vermutungen: der Griff nach dem Öl, die Dominanzfantasie der Neokonservativen, der Groll des "Cowboy-Präsidenten" George W. Bush gegen den Mann, der seinen Vater politisch überlebt hatte. Statt Ruhm und Ehre kehrten Zinksärge mit Gefallenen in die USA zurück. Und als der Irak nach dem Krieg Lizenzen für seine Ölfelder vergab, gingen die lukrativsten Verträge an chinesische, russische, britische und italienische Konzerne. Nicht einmal die Beute heimsten die Amerikaner ein. Der Preis dieser gewalttätigen Jahre bemaß sich nicht nur in Leichen und Dollars, sondern auch in Aufmerksamkeit. Der Westen richtete sein Denken, seine Geheimdienste und seine Haushalte auf einen einzigen Gegner aus – und übersah, dass im Finanzsystem eine Blase wuchs. Die Notenbank hatte den Leitzins nach den Anschlägen auf ein Prozent gesenkt und dort belassen. Sechs Jahre nach 9/11 platzte der Immobilienmarkt: verlorene Häuser, verlorene Renten, verlorenes Vertrauen. Banken schlitterten in die Pleite, ganze Staaten taumelten Richtung Bankrott. Amerika stürzte aus dem Rachefeldzug in eine kollektive Depression. Ein Jahr nach der Invasion hielten 42 Prozent der Bevölkerung den Irakkrieg für einen Fehler, fünf Jahre später glaubte erstmals eine Mehrheit, die Regierung habe sie bewusst getäuscht. Weitere zwei Jahre später fühlten sich zwei Drittel der Amerikaner nach Strich und Faden von ihrer Regierung belogen. Diese Kränkung ist nie wieder verheilt. Das Misstrauen gegen die Elite in Washington steigerte sich zur kalten Wut. Wenige republikanische Politiker besaßen das Rückgrat, das Desaster einzugestehen. Einer schon. Er trat an einem Februartag 2016 vor Wähler der Republikaner in South Carolina und sagte, was er dachte: Der Irakkrieg war ein Fehler. Bush hatte gelogen. Amerika dürfe nie wieder sinnlose Kriege im Ausland führen. Er gewann die Vorwahl und ein dreiviertel Jahr später die Präsidentschaft. Ja, man kann Donald Trump viel vorwerfen, aber er hatte schon immer ein feines Gespür für Stimmungen. Amerikas Radikalisierung hat viele Väter. Einer heißt Irak: Politiker, die ihr Volk mit Lügen in einen verbrecherischen Krieg schickten und die Folter ihrer Soldaten zu Einzelfällen verharmlosten, haben das Misstrauen gesät, aus dem heutige Demagogen ihre Kraft saugen. Die Lehre dieses brutalen Vierteljahrhunderts ist schlicht: Wer angegriffen wird, hat das Recht sich zu wehren – und die Pflicht, dabei besonnen zu bleiben. Hitzköpfige Gegenschläge fühlen sich nur an wie Stärke, bedeuten in Wahrheit jedoch die Kapitulation des Verstands vor dem Schmerz. Al-Qaida verfügte am 11. September nur über einige Hundert Kämpfer. Zwanzig Jahre später war der Nahe Osten zerrüttet, Afghanistan zerbombt, Amerika gespalten und der Westen trotz aufgeblasener Geheimdienste stärker verunsichert denn je. Die Attentäter um Mohammed Atta haben mehr erreicht, als sie zu hoffen wagten – nicht, weil sie so stark waren. Sondern weil ihre Gegner so wütend waren. Kluge Staatsleute gehen entschlossen gegen Gewalttäter vor, behalten jedoch kühlen Kopf. Sie halten sich auch dann ans Recht, wenn es schwierig wird. Sie handeln strategisch und bedenken stets die langfristigen Folgen ihrer Entscheidungen. Das gilt im Umgang mit allen Terroristen, Mohammed Atta genauso wie Wladimir Putin. Entschlossenheit ohne moralischen Anker ist kein Schutz. Sie ist nur eine andere Art zu verlieren. US-Zwischenwahlen Trump-Show in Texas Der unpopuläre Iran-Krieg, hohe Benzin- und Lebensmittelpreise, der Zollstreit mit Kanada: Donald Trumps Beliebtheitswerte sind in den USA deutlich gesunken. Zugleich stehen in knapp zwei Monaten die wichtigen Zwischenwahlen an. Dort wird zwar nicht über den Präsidenten abgestimmt. Doch sollten seine Republikaner in einer der beiden Kongress-Kammern ihre knappe Mehrheit verlieren, könnten die Demokraten Gesetze der Trump-Regierung blockieren. Um das zu verhindern und dem Wahlkampf Schwung zu verleihen, hat der Fernsehunterhalter im Weißen Haus ab heute einen außerplanmäßigen Parteitag anberaumt: Bei dem Konvent im texanischen Dallas soll die Innenpolitik im Fokus stehen – und natürlich er selbst. Als "Trump-Gaudi" kündigen die Organisatoren die Veranstaltung an, bei der der 80-Jährige an beiden Tagen als Redner eingeplant ist. Begeisterungswillige Parteigänger müssen viel Geld mitbringen: Die Teilnahmekosten sollen bei 25.000 US-Dollar liegen. Unser Washington-Korrespondent Bastian Brauns ist vor Ort und berichtet von dem Spektakel. In seinem Vorbericht lesen Sie, warum viele Kandidaten der Veranstaltung fernbleiben und auf Abstand zum Präsidenten gehen . BUNDESTAG Merz gegen Weidel Nach dem CDU-Wahldebakel in Sachsen-Anhalt zeigte sich Friedrich Merz selbstkritisch. Er suche die Gründe für die historische Niederlage auch bei sich selbst, erklärte der Kanzler – und gab für seine schwarz-rote Koalition ein Ziel aus: "Wir müssen versuchen, die Menschen auch in ihrer ganzen Emotionalität stärker zu erreichen." Schon heute Morgen bekommt er im Bundestag die Gelegenheit, diese Parole mit Leben zu füllen: In der dreieinhalbstündigen Generaldebatte muss er die Politik der Bundesregierung erklären. Vor ihm wird AfD-Frontfrau Alice Weidel den Triumph ihrer Truppe auskosten. Abgesehen von seiner verbesserungswürdigen Rhetorik muss der Kanzler allerdings auch die Umsetzung seiner Reformvorhaben im Auge behalten. Denn während Merz die eigenen Reihen fürs Erste geschlossen zu haben scheint, zeigen sich beim ebenfalls gebeutelten Koalitionspartner SPD Absetzbewegungen. Nicht mehr nur die wahlkämpfende Ministerpräsidentin Manuela Schwesig fordert nun einen Tankpreisdeckel und das Festhalten an der "Rente mit 63". Auch die Parteivorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil wollen plötzlich neu über die von Bas zunächst als "Gesamtkunstwerk" gepriesenen Vorschläge der Rentenkommission diskutieren. Nichts wäre fataler für das Vertrauen in die Gestaltungskraft der demokratischen Mitte als das Zerreden bereits gefasster Beschlüsse. NORWEGEN Abschied von König Harald Oslo im Ausnahmezustand: Tausende Polizisten und Soldaten sind im Einsatz, wenn heute Mittag der verstorbene norwegische König Harald V. beigesetzt wird. Die Prozession führt zunächst zum Trauergottesdienst in der Domkirche, dann zur Schlosskirche, wo der beliebte Monarch im Mausoleum seine letzte Ruhestätte finden soll. Unter den zahlreichen Royals und Präsidenten, die sich zum Staatsbegräbnis angekündigt haben , sind der britische Prinz William und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Lesetipps Arbeitsplatzabbau, Werksschließungen, ungewisse Zukunft: Die deutschen Autobauer sind in die Krise geschlittert – doch Skoda wächst. Im Interview mit meinem Kollegen Christopher Clausen und mir erklärt Vorstandschef Klaus Zellmer, was die zum Volkswagen-Konzern gehörende Marke anders macht. Artikel lesen Ulrich Siegmund will Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt werden. Doch der Weg dahin birgt hohe Hürden. Ausgerechnet der eigene Rekord-Erfolg wird nun zum Problem, schreibt unsere Reporterin Annika Leister. Artikel lesen Sven Schulze gibt den Landesvorsitz der CDU ab. Ausgerechnet der Mann, den der Kanzler gerade öffentlich kritisiert hat, will nun Chef in Sachsen-Anhalt werden, berichtet unser Chefreporter Johannes Bebermeier. Artikel lesen Das Ergebnis der neuen PISA-Studie ist desaströs für Deutschland. Bildungsforscherin Anne Sliwka erklärt im Interview mit meinem Kollegen Mauritius Kloft, was andere Länder in den Schulen besser machen. Artikel lesen Ohrenschmaus Heute höre ich Amerikas lässigste Antikriegshymne. Hören Sie mit? Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen gut orientierten Tag. Herzliche Grüße und bis morgen Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online Mit Material von dpa und Reuters, Recherche unterstützt von Google Gemini und Anthropic Opus.

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