Der gestrandete Wal vor Poel lässt Till Backhaus bis heute nicht los. Im Interview rechnet er mit den privaten Rettern ab – und erklärt, warum Manuela Schwesig der Bergung fernblieb. Till Backhaus hat in seiner langen politischen Karriere viele Krisen erlebt. Doch kaum ein Ereignis scheint den Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern so beschäftigt zu haben wie der gestrandete Buckelwal vor der Insel Poel. Elfmal sei er bei dem Tier gewesen, seinen Osterurlaub sagte er ab. Den Meeressäuger nannte er "Hope" und nicht "Timmy", wie ihn einige Medien bezeichneten. Monate nach dem Tod des Tieres ist der Fall für Backhaus noch immer nicht abgeschlossen. Es geht um rund 140.000 Euro, die sein Ministerium von den privaten Walrettern zurückfordert, um nicht eingehaltene Absprachen und um die Frage, wie viel Politik in der spektakulären Rettungsaktion steckte. Im Interview mit t-online spricht der SPD-Mann über seinen Ärger auf die privaten Helfer und seine Gespräche mit Ministerpräsidentin Manuela Schwesig während der Walrettung. Taktisches Wählen: Ist dieser Wahlkampf für die SPD ein Eigentor? Landtagswahl 2026: Der Wahl-O-Mat für Mecklenburg-Vorpommern t-online: Herr Backhaus, denken Sie noch oft an den vor der Insel Poel gestrandeten Wal? Till Backhaus: Ja, selbstverständlich. Den Wal werde ich nie in meinem Leben vergessen. Und ich werde nie vergessen, was ich persönlich mit diesem Tier durchgemacht habe. Das war im Übrigen auch ein Abbild dieser Gesellschaft. Und dass man bei diesem Thema nicht gewinnen kann, war mir von Anfang an klar. Warum nicht? Was haben Sie Ostern gemacht? Viele waren da im Urlaub. Ich habe meinen Urlaub abgesagt und mich mit dem Wal beschäftigt. Sie sagen also: Andere machten Urlaub, Sie kümmerten sich? Ich will sagen: Für mich war immer klar, dass wir das Tier irgendwann bergen müssen – so oder so, lebend oder tot. Ich habe ein Gutachten erstellen lassen und gesagt: Wenn uns jemand ein Konzept vorlegt, wie man dieses Tier bergen kann, dann werden wir uns das anschauen. Dann kamen zwei Millionäre und wollten es dem Staat zeigen. Wir haben ihr Konzept in kürzester Zeit geprüft und auch zusätzliche Maßnahmen akzeptiert. Als der erste Bergungsversuch scheiterte, weil der Wal wieder selbstständig losgeschwommen war, war das gesamte Konzept hinfällig. Daraufhin wurde in Windeseile ein neues Konzept entwickelt. Auch das haben wir geprüft und geduldet. Was ich klar sagen muss: Ich habe mich nicht einer wütenden Menge unterworfen. Mir ging es immer um das Tier. Doch wenn der Wal überlebt hätte: Wäre das nicht ein politischer Gewinn für Sie gewesen? Nein – es wäre ein Traum gewesen. Wenn man diesem Tier elfmal begegnet ist und erlebt hat, wie es reagiert, lässt einen das nicht kalt. Mir ging es ausschließlich um das Tier. Ich habe Wissenschaftler befragt, zu denen ich großes Vertrauen hatte und immer noch habe, und zusätzlich andere Experten hinzugezogen. Wir haben ihn lebend dort herausbekommen und zum ersten Mal ein solches Projekt umgesetzt. Am Ende ist der Wal trotzdem gestorben. Ja. Dennoch waren wir in einer völlig anderen Situation als etwa die Dänen zu jener Zeit: Dort waren neun Wale gestrandet – aber sie waren tot. Unser Wal hat gelebt und wollte weiterleben. Im Netz wurde damals immer wieder behauptet, der Wal habe bereits schwere gesundheitliche Schäden gehabt. Was hat die Sektion ergeben? Bei der Sektion hat man äußerlich keine entsprechenden organischen Schäden gefunden. An einer Niere wurden Parasiten entdeckt. Die Organe sind noch in der Untersuchung, da muss man abwarten, ob es weitere Ergebnisse gibt. Absurde DNA-Analyse: Buckelwal Timmy soll zwei Tierarten gewesen sein Sehen Sie sich dadurch im Nachhinein bestätigt? Definitiv. Sie haben auch gesehen, wie zerstritten die Initiative untereinander war. Ich glaube, dass wir das durch klare Entscheidungen vor Ort gelöst haben. Und finanziell belastet wurden wir auch nicht. Ganz gelöst ist der Fall bis heute nicht. Ihr Ministerium fordert rund 140.000 Euro zurück. Wir sind darüber noch in der Diskussion. Es geht insbesondere um für die Initiative aufgewendeten über 1.500 Personalstunden meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Frau Walter-Mommert und Herr Gunz werfen dazu ebenfalls Fragen auf. Wir hatten eine schriftliche Erklärung, in der die vollständige Übernahme der Kosten der Behörden zugesichert wurde. Wie weit gehen Sie für die 140.000 Euro? Wir sind hier noch in der Diskussion mit der Gegenseite. Herr Gunz argumentiert zum Beispiel, dass wir das Tier ohnehin hätten bergen müssen, wenn es dort verendet wäre. Das muss man in Ruhe abwägen. Bei einer Bergung wäre wegen der Bundeswasserstraße auch der Bund mit in der Pflicht gewesen. Wir sind darüber mit den Anwälten im Gespräch, und ich hoffe, dass wir das Problem aus der Welt schaffen. Indem Sie auf das Geld verzichten? Nein, einfach verzichten werde ich nicht. Ich muss dem Steuerzahler Rede und Antwort stehen. Also notfalls vor Gericht? Das habe ich nicht gesagt. Ich habe eigentlich keine Lust, dafür vor Gericht zu ziehen. Vielleicht kann es auch eine Einigung geben. Aber wir haben eine Haftungsfreistellung und eine Kostenübernahmeerklärung. Sie setzen also auf einen Vergleich? Ich setze immer auf Sieg und nicht auf Platz. Das klingt nicht unbedingt nach Vergleich, sondern doch eher nach Gericht. Sie waren nach eigener Aussage elfmal bei dem Wal. Wie häufig haben Sie mit Ministerpräsidentin Manuela Schwesig über den Wal gesprochen? Sehr oft. Die Ministerpräsidentin war über alles informiert, fast täglich. Nur vor Ort war sie nie. Warum? Sie war zu dieser Zeit auch in andere Dinge eingebunden, etwa in Bundesratsverfahren. Außerdem war sie zwischendurch im Urlaub, was ihr auch gegönnt war. Während Sie Ihren Urlaub abgesagt hatten. Ich hatte ihr gesagt: "Du musst hier nicht herkommen, es sei denn, es wird noch ernster." Dann hätte ich sie geholt. Als die Vorbereitungen für die endgültige Bergung liefen, haben wir abends sofort miteinander telefoniert. Auch am Tag der Bergung habe ich sie auf dem Laufenden gehalten. Was hätte "noch ernster" bedeutet: dass der Wal stirbt oder dass der politische Druck steigt? Es ging vor allem darum: Kriegen wir ihn lebend hier heraus? Es gab tatsächlich einmal die Überlegung, die Ministerpräsidentin zur Bergung dazuzuholen, wenn sich der Prozess länger hinzieht. Fragile Harmonie um Timmy: Plötzlich holt die Tierärztin zum Frontalangriff aus Schwesig sollte also zur Bergung kommen? Das war einmal im Gespräch. Wir haben es aber wieder verworfen, weil am Ende alles sehr schnell ging. Nach der Bergung bin ich mit dem Boot hinterhergefahren. Abends haben wir noch mit einem Glas Sekt angestoßen, danach bin ich völlig kaputt nach Hause gefahren. Das war eine sehr anstrengende Zeit – zusätzlich dazu, ein Ministerium zu führen. Schwesig hat Sie öffentlich als besonders erfahrenen Krisenmanager bezeichnet. Mussten Sie beim Wal trotzdem irgendwann sagen: So geht es nicht weiter? Zweimal hätte ich den gesamten Prozess beinahe abgebrochen. Das erste Mal, weil es keine ausreichende Struktur gab. Daraufhin habe ich die DLRG gebeten, den Prozess zu führen. Das hat sie sehr gut gemacht. Und das zweite Mal? Nach dem gescheiterten ersten Bergungsversuch. So wie es technisch vorgesehen war, wäre es nicht weitergegangen. Deshalb habe ich die Notbremse gezogen und ein neues Konzept verlangt. Der Unternehmer Walter Gunz schrieb Ihnen damals nach Angaben Ihres Ministeriums: "Wir retten gemeinsam den Wal und Sie retten Ihre Wahl." Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das lasen? Auf diese Mail habe ich gar nicht geantwortet. Wir haben insgesamt rund 1.700 Seiten an Unterlagen herausgegeben. Mich ärgert bis heute, dass daraus zwei Mails herausgegriffen wurden. Ich hatte diese Mails damals gar nicht wahrgenommen. Ich habe mit Gunz zwei- oder dreimal sehr ernsthaft telefoniert. Dabei sagte er einmal zu mir: "Herr Backhaus, wenn wir den Wal gemeinsam gerettet bekommen, ist das vielleicht für Sie auch ein Erfolg für die Wahlen, die da anstehen." Dubioses Rettungsteam für Timmy: "Betrüger" und Blender übernehmen das Kommando Was haben Sie ihm geantwortet? "Wissen Sie was, Herr Gunz? Für mich geht es hier erst einmal um den Wal." Ich gehe felsenfest davon aus, dass das Vertrauen der Menschen in meinem Wahlkreis sehr hoch ist und dass ich meinen Wahlkreis gewinne. Das habe ich ihm damals auch gesagt. Der Wal wird nicht nötig sein, um die Wahl zu retten. Gunz zweifelte zugleich daran, dass die Verwaltung die Lage im Griff hatte. Als er Kritik an der Verwaltung äußerte, habe ich ihn gebeten: "Kommen Sie hierher und schauen Sie sich genau an, was wir machen." Wir waren rund um die Uhr vor Ort. Wenn es ein Problem gab, haben wir versucht, es dort zu lösen. Ich habe Respekt vor Herrn Gunz und Frau Walter-Mommert. Sie haben uns wirklich geholfen, insbesondere finanziell. Das habe ich auch öffentlich gesagt. Aber in dieser Form würde ich es nicht noch einmal machen. Warum nicht? Zentrale Vereinbarungen wurden nicht eingehalten. Ich jedoch habe mich an sämtliche Vereinbarungen gehalten. Welche Vereinbarungen meinen Sie konkret? Erstens war vereinbart, dass der gesamte Weg des Tieres vom Verladen bis zur Freilassung per Video dokumentiert wird. Zweitens sollte es vor der Freilassung noch einmal eine tierärztliche Begutachtung geben. Schon vor dem Transport hatte ich von den beiden Tierärzten eine schriftliche Bestätigung verlangt, dass das Tier transportfähig ist. Und drittens? Wir hatten die Anbringung des Trackers nur unter der Voraussetzung geduldet, dass wir sämtliche Daten unverzüglich bekommen, sobald er Daten liefert. Wir haben nach der Bergung des Trackers aber nur einen Teil der Daten erhalten, die die Position des Wals betreffen. Erst kürzlich hat die Initiative die übrigen Daten, zum Beispiel zu den Tauchtiefen, auf einer Webseite veröffentlicht. Das hat zu erheblichen Spannungen geführt. Waren Sie also zu gutgläubig? Nein. Ich bin kein naiver Mensch. Aber genau Ihr Vertrauen ist doch missbraucht worden. Ja, leider. Und darüber bin ich enttäuscht. Wir hatten schriftliche Vereinbarungen, eine Haftungsfreistellung und eine Kostenübernahmeerklärung. Ich habe auf die unternehmerische Fähigkeit und auf die Art und Weise vertraut, wie man mir entgegengetreten ist. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Würden Sie sich beim nächsten lebend gestrandeten Wal noch einmal auf private Retter einlassen? Nein, das kann ich mit Sicherheit sagen. Wir brauchen für solche Fälle einen festen Modus. Deshalb habe ich über die Umweltministerkonferenz eine Initiative angestoßen. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe soll Vorschläge dazu erarbeiten, wie wir künftig mit lebend gestrandeten Walen umgehen. Private Initiativen sollten aber bestimmt keine Rolle mehr spielen. Wann wird es einen Plan geben? Die Arbeitsgruppe hat bereits zwei- oder dreimal getagt. Das Ergebnis kenne ich noch nicht. Mecklenburg-Vorpommern ist als Küstenland selbstverständlich daran beteiligt. Und ich hoffe auch, dass ich weiterhin als Umweltminister in diesem Gremium sitze – und meine Erfahrungen aus dem Frühjahr einbringen kann. Dann war der Tod des Wals nicht umsonst. Herr Backhaus, vielen Dank für das Gespräch.