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Vogel-Schwund beunruhigt Beobachter

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, manchmal schwimmt ein Wal offenbar nur deshalb in die seichten Gewässer der Ostsee, um dort zu sterben. Aber weil der Mensch sich für den Herrn über alles Leben auf Erden hält, macht er aus einem stillen Tod eine schrille Tragödie. So kommt es, dass sich das Tier in einen großen, grauen Spiegel verwandelt, in dem sich eine ganze Gesellschaft für einen flüchtigen Moment selbst betrachtet. So geschehen mit dem Buckelwal "Timmy", dessen Agonie vor der Küste Mecklenburgs zur nationalen Herzensangelegenheit verklärt wurde. Der brachiale Rettungseinsatz selbsternannter Helfer berührte viele Beobachter im Herzen, versetzte andere in befremdetes Staunen und bescherte Online-Medien enorme Klickzahlen. Nun ist der Wal verendet und das Spektakel vorbei. Was bleibt, ist die seltsame Koinzidenz zwischen Tieren, Medien und dem Sommerwetter. Die Politikmaschinerie, sonst eine verlässliche Lieferantin für Dramen und Debatten, hat für einige Tage ihre Taktzahl gedrosselt; Bundestagsabgeordnete und Ministerialbeamte schnaufen in den Pfingstferien durch. Die Fußball-Weltmeisterschaft hat noch nicht begonnen, und drüben in Washington macht Mister Trump nur den üblichen Trump-Unsinn. Es sind solche Situationen, in denen erfahrene Nachrichtenjournalisten unwillkürlich ein Gedanke durchzuckt: Sommerloch! Ja, es ist erst Ende Mai und ja, da kommt bestimmt noch einiges, bevor die großen Ferien beginnen. Aber einen Vorboten schickt uns die allgemeine Ereignislage in diesen Tagen zweifellos. Ein Frühsommerloch sozusagen. Und dieses Loch hat Hunger. Es verlangt nach Füllung, nach Geschichten, die das Herz wärmen oder das Blut in den Adern gefrieren lassen. Nichts könnte dieses Begehren mediokrer Mediennutzer besser erfüllen als die Sommerlochtiere. Bei dieser Spezies handelt es sich wahlweise um reale Geschöpfe wie Wale, Welse oder Wespen, die urplötzlich menschliche Aufmerksamkeit erfahren. Oder um Fabelwesen von faszinierender Wandlungsfähigkeit, die die menschliche Fantasie zur Höchstform anspornen. So kommt es zu detaillierten Berichten über das Krokodil im Baggersee, unscharfe Beweisfotos vom Ungeheuer im Loch Ness oder Eilmeldungen zu einem ausgebüxten Löwen, der dann wohl doch nur ein Wildschwein war. Die Kreatur mag wechseln, ihre Funktion bleibt dieselbe: Sommerlochtiere stillen den Durst des Homo Sapiens nach dem Ungeheuerlichen, nach dem kurzen Schauder, der den geordneten Alltag durchbricht. Als Mediennutzer kann man das wahlweise amüsant, unterhaltsam oder lächerlich finden. Als Nachrichtenjournalist muss man es bierernst nehmen. Wo die Neugier des Publikums geweckt ist, locken knackige Schlagzeilen. Doch das wichtigste Phantom dieses Frühsommers ist weder schuppig noch zottelig. Es lauert nicht im trüben Wasser und nicht im Unterholz. Stattdessen verschwindet es leise, fast unbemerkt, aus der Luft über unseren Köpfen: Die Tiergruppe, die wirklich unsere volle Aufmerksamkeit verdient, ist die der Singvögel – denn ihre Geschichte vollzieht sich nicht als Komödie, sondern als stille Tragödie. Eine vom Naturschutzbund koordinierte Zählung, an der 56.000 Beobachter teilgenommen haben, offenbart dramatisch gelichtete Reihen in den luftigen Sphären . Der Haussperling, vom Volksmund Spatz genannt, dessen rhythmisches Tschilpen einstmals ganze Städte erfüllte, wurde binnen Jahresfrist um neun Prozent seltener gesichtet. Beim Mauersegler, einem virtuosen Flugkünstler mit einem langgezogenen "Sriii-Sriiü" in der Kehle, ist sogar ein Einbruch um ein Viertel zu verzeichnen. Als Gründe für den himmlischen Schwund entpuppen sich die Insignien unserer Zeit: Die hermetisch versiegelte Perfektion sanierter Gebäude lassen Vögeln keinen Spalt und keine Nische mehr zum Nisten. Viele Gärten ähneln eher Schöner-Wohnen-Parks als Naturoasen. Und das rasante Insektensterben fegt den Tisch der Schnabeltiere leer. Das Verschwinden der Vögel bedeutet mehr als nur einen ästhetischen Verlust. Ein Morgen ohne Vogelgesang ist nicht nur stiller, er ist auch ein Symptom für ein Ökosystem, das aus dem Gleichgewicht geraten ist. Als Schädlingsbekämpfer und Samenverbreiter sind die gefiederten Freunde systemrelevant. Der Zweibeiner, der sich für den Herrn der Schöpfung hält, wäre deshalb gut beraten, sich für den Erhalt der luftigen Lebensräume einzusetzen. Nicht allein aus Tierliebe, sondern auch aus Eigeninteresse und der Verantwortung für eine Welt, die mehr darstellt als die Summe menschlicher Bedürfnisse. Der Einsatz müsste allerdings strukturell und kontinuierlich sein. Er müsste Fassaden wieder durchlässig und Gärten wieder wild machen. Er müsste ausnahmsweise einmal nicht die menschliche Bequemlichkeit als Top-Priorität einstufen, sondern die Rücksicht auf unsere tierischen Mitbewohner des Planeten. Eine derartige Einstellung und daraus resultierende Taten wären das genaue Gegenteil des schrillen Rettungstheaters um einen einzelnen, todgeweihten Wal. Wer glaubt, die Welt durch publicityträchtige Einzelaktionen zu heilen, während er gleichzeitig die Lebensgrundlagen von Millionen Kreaturen zerstört, der hat, man kann es nicht anders sagen, wirklich einen Vogel. RÜSTUNGSPOLITIK Pistorius in Kanada Zu Hause warnen die Haushaltspolitiker von Union und SPD: Die Preise bei den milliardenschweren Beschaffungsvorhaben für die Bundeswehr seien deutlich zu hoch, weil es zu wenig Wettbewerb gebe. Zudem kämen sie angesichts der Vielzahl an Kaufvorhaben mit dem Prüfen kaum noch hinterher . Verteidigungsminister Boris Pistorius ist trotzdem schon wieder unterwegs, um einen weiteren Rüstungsdeal einzutüten: Der SPD-Ressortchef weilt in Ottawa, um Kanada für eine U-Boot-Kooperation zu gewinnen, an der bereits Norwegen teilnimmt. Der Kieler Konzern Thyssen Krupp Marine Systems bewirbt sich um einen milliardenschweren Auftrag für bis zu zwölf konventionelle U-Boote. Konkurrent ist die südkoreanische Werft Hanwha Ocean, die möglicherweise schneller und günstiger produzieren könnte. Spätestens seit der vielbeachteten Rede des kanadischen Premiers Mark Carney auf dem Wirtschaftsforum in Davos gilt das Nato-Mitglied Kanada als besonders wichtiger Partner. Im Hinblick auf die seitens der USA brüchig gewordene transatlantische Allianz kommt dem Projekt also geradezu geostrategische Bedeutung zu. Pistorius will in Ottawa außerdem über Sicherheit in der Arktis und die Vorbereitung des Nato-Gipfels im Juli in Ankara beraten. Wie es gegenwärtig um die deutsche Beziehung zu Washington steht, zeigt die Reise nebenbei auch: Da es für ihn keine Termine mit adäquaten Gesprächspartnern in der US-Hauptstadt gab, verzichtet Pistorius auf einen Abstecher dorthin. KRANKENKASSEN-REFORM Verdi trommelt zum Aufstand Dass akuter Handlungsbedarf besteht, bekräftigen die Wirtschaftsweisen in ihrem Frühjahrsgutachten: Der Sachverständigenrat halbiert nicht nur seine Wachstumsprognose auf 0,5 Prozent. Er mahnt auch schnelle Eingriffe an, um weitere Ausgabensteigerungen in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung zu stoppen. Tatsächlich hat Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kürzlich ein Gesetzespaket auf den Weg gebracht, das die Krankenkassen im kommenden Jahr um 16,3 Milliarden Euro entlasten soll. Unter anderem sieht es Ausgabenbremsen bei Praxen, Kliniken und für die Pharmabranche vor – ebenso wie höhere Zuzahlungen für Medikamente und Einschränkungen der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern. Von allen Sparzwängen unbeeindruckt zeigt sich die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Ihr Vorsitzender Frank Werneke moniert, dass die Regierung im Vorfeld keinen Konsens mit den Sozialpartnern gesucht habe, und bläst zum "Klinikaufstand": Bundesweit sollen heute Beschäftigte an Krankenhäusern zu Betriebsversammlungen, "aktiven Mittagspausen" und anderen Protestaktionen zusammenkommen. Vorsorglich zieht er gleich noch ein paar weitere "rote Linien". Bleibt zu hoffen, dass die verzagte Koalition mal standhält und ihren Reformwillen nicht gleich wieder begräbt. GETÖTETES MÄDCHEN Urteil im Fall Luise Mit zahlreichen Messerstichen wurde im Jahr 2023 die zwölfjährige Luise aus Freudenberg im Siegerland getötet – von zwei gleichaltrigen, geständigen Mädchen. Weil die beiden mutmaßlichen Täterinnen damit noch strafunmündig waren, wurde der Fall in einem Zivilverfahren verhandelt. Nicht zuletzt ging es dabei um vererbbares Schmerzensgeld für das Opfer und seine Angehörigen. Heute Mittag will das Landgericht Koblenz dazu eine Entscheidung verkünden . Lesetipps Unmissverständlich machen die fünf Wirtschaftsweisen klar: Bei der Reform der Sozialversicherungen muss es jetzt schnell gehen. Die Zeit der Ausreden für CDU/CSU und SPD ist endgültig vorbei, kommentiert unser Hauptstadtbüroleiter Florian Schmidt. Artikel lesen Um die Finanzlage der gesetzlichen Krankenkassen zu stabilisieren, schlagen die Wirtschaftsweisen Reformen vor. Auch eine Pflicht für Beamte kommt ins Spiel, berichtet meine Kollegin Christin Holthoff. Artikel lesen China drosselt die Exporte wichtiger Rohstoffe nach Deutschland. Die Folgen können dramatisch werden, weiß mein Kollege Julian Alexander Fischer. Artikel lesen Mit einem umfassenden Gesetz will die Bundesregierung für mehr Wohnraum sorgen. Was genau geplant ist, zeigt Ihnen meine Kollegin Camilla Kohrs. Artikel lesen Ohrenschmaus Frei wie ein Vogel? Ja, das ist schön . Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen luftigen Tag. Herzliche Grüße und bis morgen Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online Mit Material von dpa.

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