Die Grünen veranstalten in Berlin eine große Debatten-Konferenz – mit Gästen, die nicht alle grün sind. Dahinter steckt strategisches Kalkül. Was haben folgende Personen gemeinsam: die Juraprofessorin Frauke Brosius-Gersdorf , der Publizist Michel Friedman , Wirtschaftsforscher Marcel Fratzscher , CDU-Influencerin Clara von Nathusius oder Militärexperte Carlo Masala ? Genau, nicht so wahnsinnig viel. Aber sie alle sind an diesem Wochenende zu Gast bei den Grünen. Die Partei veranstaltet in Berlin eine neue Debatten-Konferenz mit dem Titel "Impuls – Forum für die Zukunft". Hier will die Parteispitze inhaltlich neue Akzente setzen. Das Event ist auch Teil einer bewussten Inszenierung. Selbst in der Partei wird darüber gewitzelt, dass es sich beim "Impuls-Forum" um eine Art grüne Republica handelt – eine Anspielung auf die große Digital-Konferenz in Berlin, die ironischerweise selbst als sehr grün angestrichen gilt. Nun wird es also noch grüner – auf einer parteieigenen Konferenz. Wobei, so stellen sich das die Grünen gar nicht vor. Wenn es nach den beiden Parteichefs Franziska Brantner und Felix Banaszak geht, soll es nämlich gar nicht so offenkundig grün werden. Das zeigt schon die Gästeliste. Außenstehende sollen Debatten prägen "Wir wollen offen und kontrovers diskutieren und auch unbequeme Themen angehen – wie etwa die Auswirkungen von KI auf die Arbeitswelt, Sicherheit oder Verteidigung", sagt Franziska Brantner t-online. Das "Impuls-Forum" sei auch die Chance, das "Fenster aufzustoßen und Themen frei von äußeren Zwängen und Binnenlogiken zu debattieren, die wir als Partei länger nicht bearbeitet haben", betont die Grüne und macht damit klar: keine Lust auf Parteitags-Stimmung mit Flügelkampf-Atmosphäre. Dazu präsentiert die Parteispitze auf den unterschiedlichen Bühnen Gäste, von denen viele nicht grün sind. Nur wenige Parteifunktionäre stehen im Mittelpunkt der geplanten Debatten, stattdessen sollen vor allem Außenstehende die Diskussionsrunden prägen. Die Grünen rechnen mit rund 1.200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern – das beinhaltet nicht nur das Publikum, sondern unter anderem auch die Gäste auf der Bühne. Eine genaue Aufschlüsselung, wie viele Teilnehmer Parteimitglieder sind, gibt es nicht. Der Partei zufolge haben sich aber auch zahlreiche Externe angemeldet. Das "Impuls-Forum" haben die Grünen schon vor Monaten geplant, dennoch findet es nun zu einem für die Partei strategisch günstigen Zeitpunkt statt. Die Grünen sind gut durch die ersten Wahlen des Jahres gekommen und scheinen sowohl Umfragetief als auch Identitätskrise einigermaßen überwunden zu haben. Zumindest vorerst. Grünes Momentum In Baden-Württemberg hat Cem Özdemir der Partei nach einer beachtlichen Aufholjagd mit seinem knappen Sieg einen Schub in den Umfragen verpasst. In München ist mit Dominik Krause überraschend ein Grüner zum Oberbürgermeister gewählt worden. Und in Rheinland-Pfalz haben sich Befürchtungen, die Grünen könnten gar aus dem Parlament fliegen, nicht bewahrheitet. Stattdessen hat die Partei wie erwartet schwach abgeschnitten . Sogar das versuchten die Grünen noch irgendwie als Erfolg zu verkaufen. Während sich die Partei nun über bis zu 15 Prozent in den bundesweiten Umfragen freut, sind die Zufriedenheitswerte für die schwarz-rote Bundesregierung im Keller. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und sein Team stolpern sich von einem Debakel zum nächsten. Offen wird in Berlin darüber diskutiert, wie lange diese Regierung noch durchhält. Gleichzeitig befeuern die Grünen selbst Diskussionen um eine mögliche schwarz-grüne Koalition nach der nächsten Bundestagswahl und versuchen, sich als seriöse Oppositionspartei zu präsentieren, die nur das Beste für das Land im Sinn hat. Schwarz-Grün: Da liegt was in der Luft Dabei profitieren die Grünen aktuell auch davon, dass nach der Wahl in Baden-Württemberg ein offener Richtungsstreit in der Partei bislang ausgeblieben ist. Zwar werfen die Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ihre Schatten voraus. Die aktuellen Umfragen legen nahe, dass es die Grünen dort nicht wieder in die Landtage schaffen könnten. Aber noch wurde nicht abgestimmt und die Parteispitze setzt alles daran, die Grünen in den beiden Ost-Ländern über die Fünfprozenthürde zu bringen. Denn sowohl Brantner als auch Banaszak wissen, dass zwei heftige Schlappen nur wenige Monate vor dem Parteitag Ende des Jahres die gute Stimmung schnell trüben könnten. Auf diesem Parteitag wird die Parteispitze neu gewählt. Zwei Rückschläge im Osten würden das Duo, für das es gerade gut läuft, in Bedrängnis bringen. Jetzt ist aber erst mal Frühjahr und die Grünen wollen ihr "Impuls-Forum" nutzen, um weiter an ihrem Image zu arbeiten. Sie inszenieren sich als offene und kompromissbereite Partei, die besonnen und umsichtig agiert und bei Themen wie Wirtschaft und Verteidigung ebenso kompetent ist wie beim Klimaschutz. Die Grünen wollen endlich nicht mehr als spaßbefreite Verbotspartei wahrgenommen werden, die den moralischen Zeigefinger hebt, ohne Wohlstand und Wachstum im Blick zu haben. Dazu soll in Berlin-Neukölln über Themen wie "Grüne Entbürokratisierung", "Wohlstand ohne Wachstum?", "Was hält uns zusammen?" oder "Unternehmen mit Verantwortung" diskutiert werden – mit Gästen, die ein Spektrum von der bürgerlichen Mitte bis links abbilden. Die Botschaft lautet: Seht her, wir sprechen über die wichtigen Themen in unserem Land. Und wir sind bereit, uns zu bewegen, Kompromisse zu machen. Banaszak: Austragungsort gesellschaftlicher Debatte Fraglich ist, wie sehr es bei der Konferenz überhaupt darum geht, die Partei inhaltlich neu aufzustellen und mit den Mitgliedern nachhaltig über das Treffen hinaus in den Austausch oder gar Konflikt über einzelne Positionen zu gehen. Denn wie und ob die Ergebnisse am Ende in Parteipositionen umgewandelt werden, ist noch offen. Brantner und Banaszak scheinen vor allem ein bewusstes Zeichen nach Außen setzen zu wollen. Brantner formuliert eine wenig bescheidene Ambition für die Veranstaltung, die das verdeutlicht. Die Partei wolle mit dem "Impuls-Forum" eine "demokratische Erneuerungsbewegung anstoßen, die in Zeiten tiefgreifender Umbrüche Hoffnung gibt und Menschen ermutigt, sich einzumischen", sagt sie und macht damit klar, dass das Forum weit über die Partei hinaus strahlen soll. Auch Co-Parteichef Felix Banaszak betont: "Das ist kein Parteitag mit anderen Möbeln. Wir wollen keine Thesenpapiere formulieren oder Beschlüsse fassen." Es gehe nicht um Selbstvergewisserung. Stattdessen wolle man "mit völlig neuen Formaten" Denkanstöße geben, Fragen stellen und Impulse setzen. "Wir wollen Austragungsort gesellschaftlicher Debatte sein und diese riesige Lücke, die die Bundesregierung hinterlässt, mit Inhalten füllen", sagt Banaszak ähnlich ambitioniert wie Brantner. Für beide ist das Projekt eine Gratwanderung zwischen gesundem Ehrgeiz und der Gefahr, den eigenen Einfluss und den der Partei in der aktuellen Lage zu überschätzen. Sowohl Banaszak als auch Brantner wollen während der Konferenz eine Rede halten. Beide haben sich vorgenommen, damit den Ton für die kommenden Monate zu setzen. Es geht nicht nur darum, ihre Rollen innerhalb der Partei zu festigen, sondern sie wollen sich zugleich angesichts der Krise im Land als klare Alternative zur Regierung positionieren. Das "Impuls-Forum" dient dafür auch ein Stück weit als Kulisse. Ob die Bühne in Berlin-Neukölln dafür am Ende groß genug sein wird, ist allerdings ungewiss.