Israel rückt im Libanon so weit vor wie seit 26 Jahren nicht mehr. Ministerpräsident Netanjahu verkauft die Offensive als militärischen Erfolg. Doch während seine Truppen neue Fakten schaffen, wächst der internationale Widerstand. Die israelische Flagge weht wieder über Beaufort. Zum ersten Mal seit 26 Jahren stehen israelische Soldaten auf der strategisch wichtigen Kreuzritterburg im Südlibanon. Für Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist das ein Triumphbild. Für viele seiner Verbündeten in Europa ist es ein Warnsignal. Die Einnahme der Festung markiert den bislang sichtbarsten Erfolg der neuen israelischen Offensive gegen die Hisbollah. Israelische Truppen haben den Litani-Fluss überschritten, ihre Kontrolle im Südlibanon ausgeweitet und sind so weit vorgedrungen wie seit dem Rückzug Israels aus dem Libanon im Jahr 2000 nicht mehr. Netanjahu spricht von einer "dramatischen Wende" und einer wichtigen "Etappe" im Kampf gegen die vom Iran unterstützte Terrorgruppe. Doch die Bilder aus Beaufort erzählen mehr als nur eine militärische Geschichte. Sie stehen für einen Konflikt, der zwei Ebenen hat: eine militärische und eine politische. Netanjahu will die libanesische Terrororganisation Hisbollah schwächen und den Norden Israels vor Raketen- und Drohnenangriffen schützen. Die Bedrohung ist real. Trotz einer offiziell geltenden Waffenruhe greift die Miliz weiterhin israelische Ziele an. Schulen mussten schließen, Teile des öffentlichen Lebens im Norden Israels sind eingeschränkt. Kein israelischer Regierungschef kann solche Angriffe ignorieren. Gleichzeitig verfolgt Netanjahu ein innenpolitisches Ziel. Der Premier steht unter Druck seiner rechtsradikalen Koalitionspartner und befindet sich mitten im Wahlkampf. In diesem politischen Klima gilt Härte als Stärke, Zurückhaltung dagegen schnell als Schwäche. Die Offensive im Libanon ist deshalb auch ein Signal an die eigene Wählerschaft: Israel schlägt zurück. Schicksalswahl im Kaukasus: Trump hat einen eindeutigen Favoriten Sängerin über den Iran und Trump: "Das ist jetzt das Worst-Case-Szenario" Rache für Angriffe der Hisbollah Besonders deutlich wird dieser Druck am rechten Rand seiner Regierung. Der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich forderte zuletzt, für jede Hisbollah-Drohne sollten zehn Gebäude in Beirut zerstört werden. Solche Forderungen zeigen, in welche Richtung Teile der Regierungskoalition drängen. Für Netanjahu wird es politisch immer schwieriger, hinter diesen Erwartungen zurückzubleiben. Tatsächlich schlägt auch der Premier selbst einen zunehmend konfrontativen Kurs ein. Vergangene Woche kündigte Netanjahu eine weitere Beschleunigung der Militäroperationen an. Israel werde seine Angriffe und seine Feuerkraft verstärken, erklärte er. Die Botschaft ist eindeutig: Während internationale Vermittler auf eine Beruhigung der Lage dringen, setzt die israelische Regierung zunächst auf zusätzlichen militärischen Druck – und auf eine Eskalation. Das erklärt, warum Israel die Offensive gerade jetzt ausweitet. Denn militärisch befindet sich die Hisbollah unter Druck. Nach israelischen Angaben wurden Stellungen und Infrastruktur der Terrorgruppe zerstört, große Teile des Grenzgebiets stehen inzwischen unter israelischer Kontrolle. Doch die entscheidende Frage lautet: Was kommt nach diesen militärischen Erfolgen? Newsblog zum Krieg in Nahost: Alle aktuellen Nachrichten Neue Angriffe angekündigt Während Washington versucht, eine Ausweitung des Krieges zu verhindern, hat Netanjahu sie bereits eingeleitet. Am Montag erklärte der Premier auf X, er habe der israelischen Armee gemeinsam mit Verteidigungsminister Israel Katz befohlen, Ziele im Beiruter Vorort Dahieh anzugreifen. Zur Begründung verwies er auf wiederholte Verstöße der Hisbollah gegen die Waffenruhe sowie Angriffe auf israelische Städte und Zivilisten. Genau darin liegt der Widerspruch der aktuellen Entwicklung. Am Dienstag beginnt in Washington eine weitere Runde direkter Gespräche zwischen Vertretern der israelischen und libanesischen Regierung. Die USA arbeiten an einer neuen Waffenruhe und versuchen nach Angaben aus Regierungskreisen, insbesondere eine weitere Eskalation in Beirut zu verhindern. Gleichzeitig ordnet Netanjahu Angriffe auf jene Stadt an, deren Schonung Washington zum Bestandteil einer diplomatischen Lösung machen möchte. Genau hier zeigt sich der Widerspruch zwischen militärischer und diplomatischer Logik. Während US-Präsident Donald Trump versucht, eine Ausweitung des Krieges zu verhindern, hält sich Netanjahu genau diese Option offen. Die Offensive im Südlibanon dient deshalb nicht nur militärischen Zielen. Sie erhöht zugleich den Druck auf die Verhandlungen. Aus Sicht Jerusalems kann das sinnvoll sein. Wer mehr Territorium kontrolliert und seinem Gegner höhere Kosten auferlegt, sitzt häufig mit einer stärkeren Position am Verhandlungstisch. Israel verbessert durch die Einnahme strategischer Punkte wie Beaufort seine Verhandlungsposition. Doch dieselbe Strategie birgt erhebliche Risiken. Denn je stärker die Kämpfe eskalieren, desto größer wird die Gefahr, dass die Diplomatie von den Ereignissen auf dem Schlachtfeld überholt wird. Je weiter israelische Truppen vorrücken, desto schwieriger wird es für internationale Partner, die Offensive und das Vorgehen Netanjahus politisch zu unterstützen. Die Kritik aus Europa fällt schon jetzt ungewöhnlich deutlich aus. Kritik aus Europa wird lauter Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärte, nichts rechtfertige die aktuelle massive Eskalation im Südlibanon. Sein Außenminister Jean-Noël Barrot sprach sogar von einem "schweren Fehler". Frankreich beantragte deshalb eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats. In Paris wächst die Wut über Netanjahus Regierung. Denn schon die israelische Kriegsführung im Gazastreifen , die Gewalt von israelischen Siedlern gegen die palästinensische Bevölkerung im Westjordanland oder zuletzt die öffentliche Demütigung der Gaza-Flotilla-Aktivisten durch Israels rechtsextremen Polizeiminister Itamar Ben-Gvir erregten Unmut. Auch aus Berlin kommen zunehmend kritische Töne, wenngleich die Bundesregierung diese eher indirekt formuliert. Außenminister Johann Wadephul erkennt Israels Sicherheitsinteressen ausdrücklich an, warnte aber davor, dass Teile des Libanon dauerhaft unbewohnbar werden könnten. Eine weitere Eskalation werde weder den Libanon stabilisieren, noch Israels langfristige Sicherheit erhöhen. Das sei "Anlass zu großer Sorge", erklärte der CDU-Politiker. Ähnlich äußerte sich die britische Außenministerin Yvette Cooper. Die neuen Angriffe hätten Zivilisten getötet und vertrieben, Infrastruktur zerstört und den diplomatischen Handlungsspielraum eingeschränkt. Bemerkenswert ist dabei weniger die Kritik selbst als ihre Herkunft. Paris , Berlin und London gehören traditionell nicht zu den Staaten, die Israels Sicherheitsbedürfnisse grundsätzlich infrage stellen. Umso schwerer wiegt es, wenn genau diese Regierungen nun öffentlich Distanz zu Netanjahus Vorgehen suchen. Europa verliert zunehmend die Geduld. Die Sorge dahinter ist offensichtlich: Aus einer militärischen Operation könnte schrittweise eine neue Realität im Südlibanon werden – und aus dem Libanon ein andauernder Krisenherd. Wie weit will Netanjahu gehen? Diese Befürchtung wird durch Berichte über die Lage vor Ort zusätzlich verstärkt. Nach Angaben libanesischer Behörden wurden seit Beginn der Kämpfe mehr als 3.300 Menschen getötet und über eine Million vertrieben. Große Teile des Südlibanon sind entvölkert. Libanons Ministerpräsident Nawaf Salam wirft Israel eine Strategie der "verbrannten Erde" und der "Kollektivstrafe" vor. Israel weist solche Vorwürfe zurück und argumentiert, die Maßnahmen seien notwendig, um die Rückkehr der Hisbollah an die Grenze zu verhindern. Tatsächlich hat die Terrororganisation die Waffenruhe nie vollständig akzeptiert und greift Israel weiterhin an. Doch selbst viele Staaten, die die Hisbollah als destabilisierenden Akteur betrachten, stellen inzwischen eine andere Frage: Wie weit will Netanjahu gehen? Die Einnahme von Beaufort ist militärisch bedeutsam, weil die Kreuzritterburg auf einem rund 700 Meter hohen Bergrücken nördlich des Litani-Flusses liegt und einen weiten Blick über Teile des Südlibanon erlaubt. Wer Beaufort kontrolliert, kann Bewegungen in der Umgebung beobachten und militärisch überwachen. Die Angriffe auf Beirut zeigen jedoch, dass die israelische Regierung bereit ist, den Druck weit über die eigentliche Frontlinie hinaus zu erhöhen. Für viele Beobachter entsteht dadurch der Eindruck, dass Jerusalem nicht nur auf Abschreckung setzt, sondern auf eine grundlegende Neuordnung der Sicherheitslage im Südlibanon. Genau deshalb werden die Gespräche in Washington zum Testfall. Die libanesische Regierung setzt auf Verhandlungen, weil sie keine militärische Alternative sieht. Die Hisbollah lehnt die Gespräche dagegen ab. Damit stehen sich zwei entgegengesetzte Logiken gegenüber: Diplomatie auf der einen Seite, weitere Eskalation auf der anderen. Für Netanjahu könnte das zum Problem werden. Kurzfristig stärkt die Offensive seine Position. Die Bilder von Beaufort vermitteln Entschlossenheit, die Offensive demonstriert Handlungsfähigkeit. Im Wahlkampf dürfte ihm das helfen. Doch je erfolgreicher Israel militärisch wird, desto größer werden die diplomatischen Kosten. Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, die nächste Stellung der Hisbollah einzunehmen. Sie besteht darin, militärische Erfolge in eine politische Lösung zu übersetzen. Ob das gelingt, wird sich nicht auf den Hügeln von Beaufort entscheiden. Sondern in Washington. Denn dort wird sich zeigen, ob Netanjahus Offensive am Ende den Weg zu einer stabileren Ordnung im Libanon ebnet – oder ob sie Israel zwar taktische Siege verschafft, gleichzeitig aber die internationale Isolation seiner Regierung vertieft.