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WM-Gastgeber Kanada: Deutsche "Erfindung" hat die WM verändert

Peter Montopoli, Chef der kanadischen WM-Organisation, lobt die Deutschen für eine besondere Fußballerfahrung. Beim Thema Fifa wird er plötzlich einsilbig. Zum Interview mit t-online empfängt Peter Montopoli im Hauptquartier der kanadischen WM-Organisation. Es ist Anfang Juni. Kanadas WM-"Maschinenraum" befindet sich in einem schicken Loft in einer ehemaligen Teppichfabrik, mitten in Liberty Village, einem der dynamischsten und aufregendsten Viertel Torontos. Junge Mitarbeiter sitzen an den Tischen, es herrscht konzentrierte Start-up-Atmosphäre. Montopoli erscheint in T-Shirt und Jeans zum Gespräch. Begeistert erzählt er von seinen Erfahrungen während der WM 2006 in Deutschland und von seiner Begegnung mit Franz Beckenbauer . Für die Deutschen hat er viel Lob. Zugleich macht er klar, wie viel Potenzial im kanadischen Fußball steckt. Schmallippig wird er dann allerdings, als es um das Auftreten der Fifa und ihres Bosses, Gianni Infantino, geht. t-online: Haben Sie in den letzten Tagen schlecht geschlafen? Peter Montopoli: Nein, ich habe ziemlich gut geschlafen. Warum? In wenigen Tagen steht das kanadische Eröffnungsspiel an. Da sind Sie doch bestimmt nervös? Eigentlich nicht. Wir waren hier in Kanada nie wirklich nervös. Wir haben ein Team von exzellenten Experten, das dieses Event vorbereitet hat. Wir haben so etwas schon oft gemacht – zum Beispiel bei der Fifa Frauen-WM 2015. Von Anfang an war unser Ansatz konsequent: die Besten einstellen, kanadische Expertise nutzen und das ganze Land einbinden – nicht nur die beiden Gastgeberstädte Vancouver und Toronto . Wir haben mit unseren Programmen immer ganz Kanada im Blick gehabt. Ich denke, das ist einer der Gründe, warum wir heute so erfolgreich sind. Wir fühlen uns bestens vorbereitet. Aus Kanada drangen bislang keine Störgeräusche von den Vorbereitungen zur Fifa-WM – anders als in Mexiko oder den USA, wo es zahlreiche Probleme gibt. Ich möchte mich nicht über die anderen Länder äußern. Jeder Gastgeber hat seine eigene Art, solche Großveranstaltungen zu organisieren. In Kanada haben wir das Glück, dass alle Regierungsebenen – Bund, Provinzen und Kommunen – bei Mega-Events wie diesem mitwirken. Ob das in Mexiko oder den USA genauso ist, weiß ich nicht – das hängt von deren Gesetzen ab. Aber wir sind sehr dankbar für die Unterstützung, besonders durch unsere Bundesregierung . Das ist für die Kanadier extrem wichtig. Wenn man sich etwa in Toronto umhört, äußern einige Kanadier aber durchaus Skepsis wegen der möglichen Verschwendung von Steuergeldern. Die Fifa-WM kostet die Gastgeber viel Geld. Es ist verständlich, dass sich die Menschen über die hohen Gesamtkosten aufregen. Aber am Ende müssen sie auf den Netto-Nutzen für die Stadt und das Land schauen. Die Medien berichten meist nur über die Bruttokosten. Dabei gibt es auch zahlreiche Einnahmen, die die Investitionen wieder ausgleichen. Das Eröffnungsspiel in Toronto wird die meistgesehene Übertragung in der Geschichte unseres Landes sein – möglicherweise eine halbe Milliarde Zuschauer weltweit. Tourismusverbände und Regierungen sehen darin jedenfalls einen großen Mehrwert. Sie setzen also auf die langfristige Rendite , die bei so einem Turnier für den Ausrichter abfällt. Die Rechnung ist bislang aber nicht bei jedem Fifa-WM-Turnier aufgegangen. Es geht hier um Visionen! Um den Ehrgeiz, ein Vermächtnis zu schaffen. Wer hätte denn gedacht, dass Kanada eine Fifa-Männer-WM ausrichten könnte? Wir streben nach etwas wirklich Außergewöhnlichem – und von diesem Anspruch sollten wir auch nicht Abstand nehmen. Die Kanadier sollten vielmehr stolz sein: Wir veranstalten das größte Sportereignis der Welt. Die Fifa-WM 2006 in Deutschland hat das Bild des Landes weltweit verändert. Hoffen Sie auf einen ähnlichen Effekt für Kanada? Auf jeden Fall. Die Fifa-WM 2006 hat in Deutschland eine neue Begeisterung entfacht und zur nationalen Identität beigetragen. Die Welt sah Deutschland danach mit anderen Augen. Warum sollten wir das nicht auch für Kanada wollen? Solche Events haben das Potenzial, die Wahrnehmungen eines Landes zu verändern und ein bleibendes Erbe zu hinterlassen. Und wir dürfen nicht vergessen: Deutschland hat auch die Fifa-Fan-Festivals ins Leben gerufen, die wir bis heute weiterführen. Das habt ihr zum allerersten Mal auf die Beine gestellt, das haben wir Euch Deutschen zu verdanken. Die Fans profitieren davon heute noch. Wie würden Sie die Fifa-WM-Stimmung in Kanada beschreiben – besonders, da es kein traditionelles Fußballland ist? Die Vorfreude ist überall spürbar. Sie sehen Fifa-Werbung an jeder Ecke – von Straßenbannern bis zu den öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Nationalmannschaft genießt große Aufmerksamkeit, und das Interesse an der Freiwilligenarbeit sowie der Merchandise-Verkauf sind in Toronto und Vancouver am höchsten. Allein in Toronto haben fast 9.000 Menschen an einem Tag die Fifa World Cup Trophy-Tour besucht – der höchste Andrang in ganz Nordamerika. Über die Ticketpreise gab es im Vorfeld viel Aufregung, einige Fanvertreter kritisierten die Preise für Eintrittskarten als überteuert. Ich finde, die Preise sind fair. Die Medien konzentrieren sich oft auf die teuersten Tickets, etwa für das Eröffnungsspiel. Aber man kann auch für 195 kanadische Dollar ins Stadion – das ist im Vergleich zu NHL-Eishockey oder MLB-Baseball-Spielen sehr günstig. Ein anderes Reizthema sind die hohen Kosten für die Kommunen. Toronto hat etwa die Hotelsteuer erhöht, um die Fifa-WM-Kosten zu finanzieren. Die Ausrichterstädte ergreifen solche Maßnahmen manchmal bei Großveranstaltungen. Die Steuer hilft dabei, einen Teil der Kosten zu decken. Letztlich generiert die Steuer Einnahmen für die Kommunen – das ist nicht zwangsläufig negativ zu bewerten. Es gibt zudem Kritik an der Fifa wegen mangelnder Transparenz und der Priorisierung von Profiten für den Verband über den Sport und die Fans. Verstehen Sie, warum manche Menschen desillusioniert von der Fifa sind? Ich kann mich nicht zu globalen Wahrnehmungen äußern. Mein Fokus liegt darauf, die 13 Spiele in Kanada erfolgreich durchzuführen. Wir haben 400 Mitarbeiter, die in den Stadien von Toronto und Vancouver arbeiten – alles für Kanada. Meine Priorität ist das, was wir hier erreichen wollen. Die Beziehungen zwischen Kanada und den USA sind angespannt. Befürchten Sie, dass Donald Trump die Fifa-WM für seine eigenen Zwecke instrumentalisieren könnte? Davon haben wir nichts mitbekommen. Kanada pflegt eine hervorragende Beziehung zu unserem Premierminister, der sehr unterstützend und engagiert ist. Wir sind mit unserer Regierung abgestimmt, was die Umsetzung des Turniers betrifft. Die Medien berichteten, Fifa-Präsident Gianni Infantino habe bei seinem Besuch des Weltkongresses in Vancouver eine Wageneskorte angefordert, die eigentlich nur Staatspräsidenten vorbehalten ist. Die Forderung wurde von den lokalen Behörden aber abgelehnt. Hat er sich bei ihnen darüber beschwert? Das stimmt so nicht. Die Berichterstattung der Medien war da ungenau. Dazu haben wir eine offizielle Stellungnahme, die wir gerne teilen. Wo steht der kanadische Fußball aktuell, besonders vor dem Hintergrund Ihrer Rolle bei dessen Modernisierung? Ich bin zwar seit fünf Jahren nicht mehr bei Canada Soccer (Anm.: der kanadische Fußballverband), daher kann ich nicht über den täglichen Betrieb sprechen. Aber ich beobachte, dass Fußball in Kanada die Chance, den die Fifa-WM bietet, optimal nutzt. Überall, wo ich in Kanada hinkomme, sehe ich, wie der Fußball derzeit aufblüht. Welche Effekte erhoffen Sie sich von der Fifa-WM für den Fußball in Kanada – besonders für Kinder? Die Auswirkungen sollten enorm sein, ähnlich wie bei der Fifa-Frauen-WM 2015, die den Frauenfußball in Kanada vorangebracht hat. Fußball ist die beliebteste Mannschaftssportart in Kanada – mehr Kanadier spielen Fußball als Eishockey . Diese Fifa-WM zeigt unserer Jugend, dass Fußball ein globaler Sport ist und man damit auch Karriere machen kann. Zudem fließen Investitionen in die Infrastruktur – das ist entscheidend für die Entwicklung des Sports. Wie stellen Sie sicher, dass die indigene Bevölkerung Kanadas am Turnier teilhaben kann? Die Nations (Anm.: First nation People, also Indigene) sind von Anfang an in die Planung einbezogen worden. Musqueam, Squamish und Tsleil-Waututh Nations haben am Fifa-Kongress in Vancouver vor drei Wochen teilgenommen, auch an einem Mini-Fifa-Turnier. Zudem sind sie in zeremonielle Aspekte eingebunden, wie die Mississaugas. Wir bringen Feste, Großbildschirme und Feiern selbst in entlegene Gemeinden. Das ist unser Versprechen: Fußball zu den Menschen zu bringen. Was bedeutet die Fifa-WM für Sie persönlich, nach all den Jahren der Vorbereitung? Ich habe das alles noch nicht wirklich Revue passieren lassen. Es ist zehn Jahre her, dass wir unsere Bewerbung angekündigt haben, und acht Jahre, seit wir den Zuschlag für das Turnier erhalten haben. Für mich steht im Mittelpunkt, was dieses Event für unser Land bewirken kann. Das Turnier kann eine unglaublich positive Stimmung in Kanada auslösen und langfristig einen Unterschied machen. Ich bin stolz darauf, dass jeder, der daran mitgewirkt hat, seinen Beitrag leisten konnte. Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn die Fifa-WM am 11. Juni beginnt? Wahrscheinlich auf die Nationalhymne und die Enthüllung der Flagge auf dem Platz. In diesem Moment werden wir alle spüren: Wir sind Teil dieser Reise. Unsere kanadische Flagge zu sehen und zu wissen, dass wir dabei sind – das ist der besondere Augenblick.

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