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Verrückte WM-Preise: Tickets für 10.000 Euro – und dann Bahnfahrten für 25 Cent. Wie kann das sein?

Stern 

Bei der Fußball-WM in Nordamerika spielen die Preise verrückt. Eine kleine Übersicht von spottbillig bis unverschämt teuer.

Wo gibt es schon eine Anreise zu einem WM-Stadion für 25 Cent? In Mexiko-Stadt! Die Fahrt mit der U-Bahn zum Aztekenstadion kostet fünf Pesos, umgerechnet 25 Cent. Steigt man um, kommt man auf acht Pesos, das sind dann umgerechnet 40 Cent, immer noch spottbillig. 

Ganze 40 Cent für eine Bahnfahrt ins Stadion – und nicht in irgendeines, sondern in das prächtigste dieser WM, ins Aztekenstadion. Günstiger geht’s nicht. Da müsste man schon laufen. Und das ist in Mexiko-Stadt nicht unbedingt zu empfehlen.

40 Cent sind ein Bruchteil des Preises, den sie in New Jersey für eine 20-minütige Bahnfahrt zur WM-Arena verlangen: 95 Dollar.

Das ist – im Kern – das Gefälle bei der Fußballweltmeisterschaft in Nordamerika: 95 Dollar zu 40 Cent.

New Jersey nimmt 95 Dollar, Los Angeles nur 1,75 Dollar

Die Medien haben sich auf die Wucherpreise dieser WM konzentriert. Berichtet haben wir alle über die “Schande von New Jersey”, wo man für die Bahnfahrt, die sonst 12,90 Dollar kostet, zur WM sogar 150 Dollar berappen sollte, bis der Preis wegen der Proteste auf 95 Dollar reduziert wurde. Eine Abzocke ohnegleichen, die die USA viele Sympathien gekostet hat. 

Auch Boston fordert für die Busfahrt vom Stadtzentrum zum WM-Stadion von Fußballfans 80 Dollar (normal: 17,50 Dollar). In Dallas kommt man ohne Auto gar nicht erst zum Stadion. Der öffentliche Transport fehlt schlichtweg, so wie er in weiten Teilen der USA eine Katastrophe ist.

An der Westküste hingegen sind die Transportkosten zum Stadion zivil, aber sie werden in der Berichterstattung kaum erwähnt. In Los Angeles 1,75 Dollar. In Seattle drei Dollar, und zwar vom Flughafen direkt zum Stadion, billiger als in München oder Berlin. In Vancouver kostet die Bahnfahrt mit dem Skytrain umgerechnet 4,50 Euro und der Zug ist stets pünktlich, anders als in Deutschland.

In San Francisco wiederum zahlt man zwölf Dollar, aber das für eine 70 Kilometer weite Fahrt von San Francisco nach Santa Clara, wo die Arena steht. Die Namen der Spielstätten sind manchmal verwirrend. Das Stadion in Dallas liegt nicht in Dallas, sondern in Arlington. Das New Yorker Stadion liegt nicht in New York, sondern in East Rutherford, New Jersey. Das von Boston nicht in Boston, sondern 40 Kilometer weiter südlich in Foxborough, fast schon im Bundesstaat Rhode Island.

Am besten ist das Stadion in Seattle gelegen, direkt in der Stadt, direkt im Leben. Unmittelbar daneben befindet sich die Baseballarena der Seattle Mariners. Ähnlich gut liegt das BC Stadium in Vancouver. In beiden Städten sind die Arenen Teil der Innenstadt, anders als in München, Berlin oder Hamburg.

Ich würde gar nicht darauf kommen, die Preise für die WM zu erhöhen

Auch die Essenspreise sind in Mexiko am günstigsten, sogar spottbillig. Man sollte nur nicht die Fast-Food-Stände im Aztekenstadion besuchen, sondern lieber die Streetfood-Angebote drumherum nutzen. Bei Vicenta Gabriel, die am „Azteca“ seit 70 Jahren Tacos, Gorditas und Quesadillas anbietet, kostet eine große Portion ganze 2,50 Euro.

“Ich würde gar nicht darauf kommen, die Preise für die WM zu erhöhen”, sagt Ramona Vásquez, die am Aztekenstadion ganze Mahlzeiten anbietet und aus großen Töpfen verkauft: Reis, Bohnen, Hühnchen mit scharfer Soße und Tortillas. “Ich berechne das, was ich immer berechne, 50 Pesos” – umgerechnet 2,50 Euro. Bei ihr essen Bauarbeiter, Parkplatzwächter und Polizisten genauso wie WM-Besucher, wenn Ramona nicht gerade von der Fifa verjagt wird. Der Weltverband besitzt sämtliche Vermarktungsrechte, auch in Stadionnähe.

In den Arenen der USA dagegen stößt man auf Horrorpreise: Für ein einfaches Sandwich 18 Dollar, für Hühnchen mit Pommes 24 Dollar, für ein kleines Eis acht Dollar, etwa zehnmal so viel wie in Mexiko. Und die Qualität des Essens kommt dem in Mexiko nicht nah.

Eine Runde Bier = 100 Dollar

Ähnlich verhält es sich bei Getränkepreisen. “Ich zahle für ein Bier 26 Dollar”, sagt Max Levin, der in San Francisco am Stand steht und für seine Freunde zugreift. “Da sind mal so eben 100 Dollar weg. Aber ich bin es gewohnt, das ist beim American Football nicht besser. Ich kalkuliere das schon ein.”

Sein Kumpel Lenny sagt: “Ich schaue erst gar nicht auf die Preise, ich würde mich unendlich ärgern. Augen zu und durch. Bier gehört zum Fußball. Das ist vielleicht das einzige WM-Spiel meines Lebens.” 

Viermal Hühnchen, vier Getränke – und 200 Dollar sind futsch

Die Fifa nennt das Bier „Premium Beer“, dabei sind es nur die üblichen US-Marken. Wer besonderes Fassbier will, zahlt 26 Dollar. Einen Cocktail gibt es für 37 Dollar zuzüglich Steuern.  

Der Familienvater Jian zählt seine Ausgaben zusammen: „Viermal Hühnchen mit Pommes, vier Getränke – und ich leiste mir noch nicht mal ein zweites Bier. Zusammen komme ich auf – 200 Dollar. Die sind futsch. Und da sind noch nicht mal Fanartikel dabei. Die Kinder wollen Originaltrikots der Teams, noch mal mindestens 250 Dollar.”

Hier WM-Trikots für 125 Euro – dort für fünf Euro

In Mexiko haben sie es anders gelöst. Da kaufen die Einheimischen nur Faketrikots made in China, die allerdings ziemlich echt aussehen. Sie kosten, je nach Qualität, zwischen fünf und 15 Euro. Die Polizei hat im Vorfeld einige Razzien veranstaltet, aber wenig Erfolg im Kampf gegen die Markenpiraterie gehabt.

Nur die Eintrittskarten sind auch in Mexiko teuer, für mexikanische Verhältnisse sogar sehr teuer. Für das Sechzehntelfinale am Dienstag gibt es nichts mehr unter 2800 Dollar.

Das günstigste Ticket bei dieser WM wurde für 140 Euro angeboten, beim Spiel Algerien gegen Jordanien, das teuerste im Finale für mehr als 10.000 Dollar. Auf dem Zweitmarkt kommen zum Teil noch mal deutliche Steigerungen hinzu.

Für ein Ticket müsste ich bis Weihnachten die Wochenenden durcharbeiten

Solche Wucherpreise sind ohne Frage ein Desaster. Nur: Viele Menschen zahlen sie, und nicht nur Millionäre. Ein junges Paar aus Jordanien kaufte am Stadion spontan Tickets für je 600 Dollar. Ein Familienvater aus Louisiana gab 20.000 Dollar für acht Tickets aus, um seinem Sohn den großen Lebenstraum zu erfüllen. Ein Mexikaner aus Vancouver arbeitete vier Wochenenden durch, um sich eine Karte für das Spiel Kanada gegen Katar leisten zu können. „Ich werde es nie vergessen. Ich bin stolz, es getan zu haben“, sagt Nicolás. „Aber ich bin noch jung. Ich habe keine Familie zu ernähren. Vielleicht würde ich dann anders denken.“

Und jetzt in der Hauptrunde?  

„Unmöglich“, sagt er. „Kanada-Tickets im Sechzehntelfinale werden mehr als 3000 Dollar kosten. An das Achtelfinale ist gar nicht zu denken. Da müsste ich bis Weihnachten die Wochenenden durcharbeiten.“

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