Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, irgendwo in den Tiefen meiner Schubladen liegt ein persönlicher Brief eines damaligen Vorsitzenden des mächtigen Nato-Militärausschusses. Es war Ende der Neunzigerjahre, Klaus Naumann hatte den höchsten militärischen Posten des transatlantischen Bündnisses inne, ich war verteidigungspolitischer Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung". Briefe sind privat, deshalb soll hier nicht daraus zitiert werden. Nur so viel: Mit seinem messerscharfen Verstand und seiner präzisen Sprache ging Naumann auf einen Text in der "SZ" von mir ein, der sein Missfallen, jedenfalls seine Kritik erzeugt hatte. Der Brief war zugleich fair. Es blieb bei wechselseitigem Respekt. Nach Jahren und in Zeiten, in denen sich Deutschland und die Nato einer völlig neuen, aber am Ende auch wieder alten Bedrohungslage durch Russland gegenübersieht, sind wir uns für diesen Tagesanbruch-Podcast wieder begegnet. Klaus Naumann ist keiner, der sich nach dem Ende seiner Laufbahn in die Öffentlichkeit drängt. Im Podcast spricht er sogar davon, dass er Truppenbesuche, die ihm als ehemaligem Generalinspekteur der Bundeswehr möglich wären, lieber bleiben lässt, weil das als "Belästigung" durch die alten Herren aufgefasst werden könnte. Umso wertvoller, wenn Naumann zur Sache spricht, von der er so viel versteht wie wenig andere. In seiner Amtszeit hatte sich die Bedrohung durch die Sowjetunion scheinbar aufgelöst. Die Bundeswehr und die Nato suchten sich neue Aufgaben in Auslandseinsätzen. Die Landes- und Bündnisverteidigung stand nicht mehr an erster Stelle. Am Ende wurde sogar die allgemeine Wehrpflicht ausgesetzt. Im Gespräch mit meiner Kollegin Nicole Fuchs-Wiecha und mir blickt der General a. D. auf diese Zeit des Wandels zurück und benennt dabei auch unumwunden "katastrophale Fehler" und Irrtümer, die gemacht wurden, denen man erlegen ist. Wird der Freiwillige Wehrdienst ausreichen, um die Bundeswehr wieder personell aufzustocken? Oder muss man sich doch darauf vorbereiten, dass das nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu einer allgemeinen Wehrpflicht oder Dienstpflicht sein kann? Ist Europa ohne die USA, die kein bedingungsloser Sicherheitsgarant mehr sind, überhaupt in der Lage, in kurzer Zeit verteidigungsfähig zu sein? Haben wir es uns zu gemütlich eingerichtet in dem, was man "Friedensdividende" genannt hat? Ist sich nicht nur die Truppe, sondern die Gesellschaft insgesamt hinreichend im Klaren über die neue Bedrohungslage, der wir uns gegenübersehen? Und ist der amtierende Verteidigungsminister Boris Pistorius über das Ziel hinausgeschossen, als er sagte, Deutschland müsse wieder "kriegstüchtig" werden? Es lohnt sich, die Einschätzungen des früheren Spitzenmilitärs im Ganzen anzuhören. So viel sei schon mal verraten: Naumann macht sich Sorgen, was die mentale Bereitschaft der Gesellschaft anlangt, die neuen Realitäten anzuerkennen und nach ihnen zu handeln. Man habe geglaubt, der ewige Frieden sei ausgebrochen. Dieser sei jedoch eine Illusion. " Die Natur des Menschen wird es niemals zulassen, dass wir keine Kriege mehr sehen. Der Krieg bleibt ein unangenehmer Begleiter von uns Menschen", sagt er. Hören Sie uns sehr gern zu: Hören auf: Spotify | Apple || Transkript Am Montagmorgen lesen Sie an dieser Stelle den "Tagesanbruch" von meiner Kollegin Christine Holthoff. Herzliche Grüße Ihr Christoph Schwennicke Politikchef t-online