AfD-Jugendchef Jean-Pascal Hohm wollte auf dem Bundeskongress in Magdeburg neue Wege gehen. Doch das scheitert. Eigentlich wollte Jean-Pascal Hohm, Chef der neu gegründeten AfD-Jugend Generation Deutschland, auf deren zweiten Bundeskongress zwei große Signale setzen. Überraschende und strategisch weitreichende Signale, die aus der Jugend heraus in die Mutterpartei hätten wirken können. Das erste Signal war die Überwindung des in der DNA der AfD angelegten Euro-Skeptizismus, der sich für die Partei inzwischen immer mehr zur Falle entwickelt hat. Das zweite die Überwindung von Rachegelüsten der Presse gegenüber. Doch er scheiterte im Alten Theater in Magdeburg an diesem Samstag – an der eigenen Basis wie an Vertretern der Mutterpartei. Vorerst. AfD-Spitzenkandidat: Der gar nicht so freundliche Herr Siegmund Kommentar zur AfD: Lust auf Rache Vater Staat als "nach Dope stinkender, fauler Asi" Dass manchem AfD-Vertreter an diesem Tag der Sinn nicht unbedingt nach strategischer Weitsicht stand, bewies Martin Reichardt schon als Auftaktredner. Der 57-Jährige ist Landeschef der AfD in Sachsen-Anhalt und war deswegen als Gast auf die Bühne eingeladen. Er ist für seine derben Wutreden bekannt – an diesem Samstag aber hielt er dann doch noch einmal eine der besonderen Art. Reichardt rief am Rednerpult, der Staat sei heute "kein weiser alter Mann" mehr, sondern "ein nach Dope stinkender, fauler Asi", der sein Geld für Nichtstun von der Friedrich-Ebert-Stiftung erhalte. Die Muttersprache sei ein "aufgedunsenes, intersektional-feministisches Flittchen" mit stets zerzausten Haaren – "weil Vater Staat sie drei Mal täglich durchgendert". Der "verlotterten Linken" werde man "das Sorgerecht entziehen". Erstauntes Lachen im Saal, dann lauter Applaus. Es ist ein Ton, wie ihn die Älteren in der AfD lange geliebt und auf Parteitagen gefeiert haben. Inzwischen ist er sehr viel seltener geworden. Denn die Partei hat eigentlich einen Kurs der Professionalisierung eingeschlagen. Der hat nichts mit Mäßigung zu tun. Reihenweise werden sie auch in Magdeburg von "Remigration" sprechen, Hohm selbst wird fordern: "Deutschland muss das Land der Deutschen bleiben". Doch das Rüpelhafte, das allzu Grobschlächtige, die Schimpfworte, die haben sie sich etwas abgewöhnt. Reichardts Worte stehen auch im Kontrast zu den vielen Reden, die Vertreter von Jugendorganisationen aus ganz Europa später halten werden, die der Vorstand der AfD-Jugend eingeladen hat. Doch Reichardt erhält von AfD-Politikern, die nicht mehr zur Jugendorganisation gehören, Anerkennung und Lob. "Das ist die beste Rede, die ich je von dir gehört habe", sagt Dennis Hohloch, Mitglied im Bundesvorstand, auf der Bühne. Von "sehr klaren, sehr guten Worten" spricht Ulrich Siegmund , AfD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Mit der Vorbildfunktion also ist es nicht weit her. Ein schlechter Start für einen Tag, an dem sich Hohm vorgenommen hatte, die Professionalisierung in der Jugend entscheidend voranzutreiben. Hohm wollte Forderung nach Euro-Austritt Ende setzen Nur einen einzigen Antrag, der Inhalt und nicht Satzung betraf, hatte sein Bundesvorstand für diesen Kongress vorbereitet. Doch der hatte es in sich: Er war ein Bekenntnis zu Europa – und eine Abkehr von der Forderung, aus dem Euro auszutreten. In dem Papier, das t-online vorliegt, heißt es: Der Euro habe den Binnenmarkt gestärkt, weise aber erhebliche Konstruktionsmängel auf. Deshalb stehe man Reformvorschlägen offen gegenüber, die Stabilität schaffen. Aber: "ohne die wirtschaftliche Einheit Europas aufzugeben". Bedeutet: keine Abkehr vom Euro. In der AfD ist das ein großer Schritt. Der Widerstand gegen den Euro, lange auch gegen die gesamte EU gehören zu den Ur-Themen der Partei. In ihrem Grundsatzprogramm aus dem Jahr 2016 steht: "Wir fordern, das Experiment Euro geordnet zu beenden." Und auch im Programm für die Bundestagswahl 2025 forderte die AfD: "Deutschland muss aus dem Euro-System austreten". Allerdings hat sich die Partei über die Jahre erheblich gewandelt. Migration ist für sie seit Langem das sehr viel relevantere Thema. Und ein erheblicher Teil der Partei will sich stärker pro-europäisch ausrichten, um sich gegen Gefahren von außen besser verteidigen zu können. Wirtschaftlich, verteidigungspolitisch. Das Grundsatzprogramm ist zwar noch gültig, im nächsten Jahr aber soll ein neues verabschiedet werden. Ob die Forderung nach dem Euro-Austritt es hineinschafft, ist unklar. Dabei ist sie kaum zu begründen: Handelsvorteile brechen weg, enorme Kosten, womöglich eine Banken- und Wirtschaftskrise drohen. Für andere Parteien ist das seit jeher eine leicht angreifbare offene Flanke in der Wirtschaftspolitik. CSU-Chef Markus Söder sprach kürzlich mit Blick auf die AfD-Forderung von einem "Wirtschaftsschredderprogramm". In Interviews mit Journalisten schwimmen AfD-Politiker bei diesem Thema oft – wie zuletzt AfD-Chefin Alice Weidel im ZDF-Sommerinterview. Weidel drückte sich dort um eine konkrete Antwort auf die Frage, wie sie es denn nun mit dem Euro halte. Ausgelegt wurde ihr das von vielen Medien als Bestätigung, die AfD wolle weiter aus dem Euro austreten. Dabei dürfte Weidel viel eher in Not gewesen sein: Sich öffentlich gegen die eigenen Parteiprogramme zu positionieren sorgt innerparteilich rasch für erhebliche Zerwürfnisse. Gerade in einer Zeit, in der an einem neuen Grundsatzprogramm gearbeitet wird. Gegenantrag: "Abwicklung des identitätszersetzenden Euros" Wie stark aber die Ablehnung des Euros und die Sehnsucht nach einer eigenen Währung auch 2026 noch in der AfD ist, das beweist ausgerechnet die Parteijugend an diesem Samstag. Dabei haben manche hier die D-Mark-Zeit gar nicht mehr miterlebt, von den anderen dürften sich viele kaum noch daran erinnern. Der Euro wurde schließlich vor 24 Jahren eingeführt, Mitglieder der Generation Deutschland dürfen 14 bis 35 Jahre alt sein. Spät wird es, bis die Generation Deutschland den Antrag ihres Bundesvorstands diskutiert. Die Reden von europäischen Gastrednern kommen zuerst, nehmen einen großen Teil des Tages ein. Rechte aus den Niederlanden, Südtirol , Ungarn sprechen, teilweise auf Deutsch. Doch als es soweit ist, regt sich erheblicher Widerstand. Pascal Pfannes aus Bayern bringt einen Änderungsantrag ein, unterstützt von zahlreichen Mitstreitern aus dem Süden. Er greift die Passage zur Abkehr vom Euro-Austritt im Vorschlag des Bundesvorstands an. Eine eigene Währung sei "konstituierend für die Identität der Völker Europas", heißt es in Pfannes‘ Antrag. Und: "Wir fordern daher die Abwicklung des zentralistischen, umverteilenden und identitätszersetzenden Euros". Pfannes ist 30 Jahre alt, aber schon auf Parteitagen der AfD erprobt. Seit 2017 ist er Mitglied der AfD. "Der Euro-Austritt war einer meiner Beweggründe, warum ich in die Partei eingetreten bin", sagt er t-online. Pfannes begründet den Antrag auf der Bühne mit den Steuergeldern, die für die Euro-Rettung "verbrannt" worden seien. Mit der Instabilität der Währung. Und stark auch mit einem aktuellen Text der "Bild"-Zeitung, die Weidels ZDF-Interview als Pro zum Euro-Austritt wertet. Pfannes liest die Überschrift vor: "AfD-Jugend gegen Weidels Euro-Ausstiegskurs". Es gehe nicht, dass man sich gegen das eigene Programm stelle – und gegen die eigene Chefin. Populismus schlägt Professionalität Es ist der Moment, in dem Jean-Pascal Hohm ans Mikrofon tritt. "Es passt kein Papier zwischen Dr. Alice Weidel und die Generation Deutschland", sagt der Chef der AfD-Jugend. Er sei dafür, dass "wir realistisch sind" und "uns nicht einem Populismus hingeben", der an solchen Parteitagen so beliebt sei. "Die Bundesrepublik Deutschland wird nicht aus dem Euro austreten." Er verweist auf die USA , die Deutschland und Europa mit Zöllen überzögen. Auf die Kommunistische Partei Chinas, die mit Billig-Waren Europa überschwemme. Und sagt mit Blick auf die vielen Gastredner aus Europa: "Wenn wir nicht das tun, was diese Veranstaltung hier heute geatmet hat, dann wird Europa untergehen." Doch während der Wortmeldungen, die folgen, wird klar: Pfannes und die Euro-Austritt-Befürworter haben einen erheblichen Teil der Versammlung, vermutlich die Mehrheit auf ihrer Seite. Sehr viel lauter brandet der Applaus für sie auf. Hohm muss ernsthaft bezweifeln, eine Abstimmung zu verlieren – und zieht den Antrag des Bundesvorstands schließlich ganz zurück. Emotionen schlagen in diesem Moment Argumente, der Populismus schlägt die Professionalität – und die alte schlägt die neue AfD. Professioneller als die Mutterpartei im Umgang mit der Presse Ähnlich läuft es bei einem anderen, neuen Ansatz, den Hohm und sein Pressesprecher Wendelin Fessl an diesem Tag austesten: die Presse gut zu behandeln. Das ist für die AfD ein vermutlich ähnlich großer Schritt wie die Abkehr vom Euro-Austritt. Vielleicht sogar ein noch größerer. Denn das Verhältnis zwischen der Partei und der Presse ist tief zerrüttet. Ungerecht behandelt und abgeurteilt fühlt man sich in der AfD seit Gründung der Partei von der Presse. Tief sitzt die Wut über Berichte, die auch Privates an die Öffentlichkeit gezerrt haben. Sensibel ist man für Texte, die nach Meinung der Partei den Kern nicht treffen oder falsch sind, kapselt sich dann ab, was journalistische Fehleinschätzungen noch wahrscheinlicher macht. Und all den Ärger zahlt man bei Parteitagen und Veranstaltungen, wo man selbst die Überhand hat, gern heim. Standards, die bei allen anderen Parteien im Umgang mit der Presse üblich sind, gibt es bei der AfD nicht. Doch am Samstag gibt es sie plötzlich: Steckdosen für alle Journalisten. Wlan. Sogar Getränke stehen bereit. Der Pressebereich ist zwar mit Flatterband abgesperrt, frei durch den Raum bewegen können sich Journalisten nicht. Doch es gibt keine Sicherheitsleute, die die Absperrungen bewachen. Die Sicht ist gut, und der Abstand zu den Teilnehmern gering. Das gab es bei der Mutterpartei so noch nie. Der Umgang ist wesentlich professioneller, freundlicher als dort üblich. Siegmund plädiert für Streamer, gegen Presse Es dürfte Hohm und Fessl nicht leicht fallen und in der eigenen Partei einigen Gegenwind heraufbeschwören. Zuletzt hatte sich der Ton gegenüber der Presse, auch angesichts der eigenen Stärke in den Umfragen, weiter verschärft . Parteinahe Streamer hatten auf Veranstaltungen von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund immer wieder Journalisten ins Visier genommen, verfolgt, teils lautstark angepöbelt – und für ihre Livestreams aus der Partei und ihrem Umfeld lautstarken Applaus erhalten. Siegmund setzt an diesem Tag denn auch das Gegensignal zu Hohm. Er hält am Nachmittag eine Rede, wird von den Teilnehmern empfangen wie ein Popstar. Lange kritisiert er die Presse, spricht von "linearer Desinformation". "Wozu diese Menschen fähig sind, das haben wir jetzt auf den letzten Metern des Wahlkampfs erlebt", sagt er auf der Bühne. Er erzählt von Recherchen, die Privates thematisierten – und etwa den Todestag seiner Mutter in den Wahlkampf gebracht hätten. "Es ist wahnsinnig wichtig, dass wir darauf jetzt alle Ressourcen richten, dass sich Menschen einen eigenen, ungefilterten Eindruck machen können", sagt Siegmund. Es ist ein Plädoyer für die Streamer, nicht für die Presse. Und als Siegmund als eine seiner ersten Amtshandlungen die Aufkündigungen der Rundfunkstaatsverträge verspricht, ist der Jubel laut. Das ist auch ein Signal an Hohm: Er wird mit seinen Ansätzen keinen einfachen Weg vor sich haben. Doch er dürfte es weiter versuchen, zumindest bei der Euro-Diskussion ist das absehbar: In die Diskussion um das Grundsatzprogramm werden auch Mitglieder des Jugendvorstands einbezogen.