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Kriminalität: Wildwest in Hamburg? - Polizei: Kaum Gefahr für Unbeteiligte

Stern 

Seit dem Sommer häufen sich in Hamburg Vorfälle, bei denen geschossen wird. Zwei Menschen starben, acht weitere wurden verletzt. Die Gefahr für Unbeteiligte sei sehr gering, sagt die Polizei.

Seit dem Sommer haben Schießereien auf den Hamburger Straßen immer wieder für Aufsehen und Verunsicherung gesorgt. Zwei Menschen wurden dabei getötet, mindestens acht weitere zum Teil schwer verletzt. Ein erstes Alarmzeichen für die Skrupellosigkeit der Täter dürfte im Juni die Festnahme eines Kindes in der Balduinstraße auf St. Pauli gewesen sein. Der 13-Jährige aus den Niederlanden war bei seiner Festnahme bewaffnet, wie der Senat auf eine Kleine Anfrage des AfD-Bürgerschaftsabgeordneten Dirk Nockemann mitteilte. 

„Auf Basis bisheriger Ermittlungen wird davon ausgegangen, dass das Kind zuvor den Auftrag erhalten hatte, eine Person in Hamburg zu töten“, heißt es in der Senatsantwort. Der in Deutschland nicht strafmündige 13-Jährige sei der niederländischen Polizei übergeben worden. 

Angeblich Rocker im Visier

Nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung sollte der Junge auf einen 33 Jahre alten Rocker der Hells Angels schießen. Eine Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaft erklärte dazu: „Wir haben Hinweise darauf, wer das Opfer hätte sein sollen, können zum Schutz der laufenden Ermittlungen dazu aber keine Auskünfte erteilen.“ Die Behörde ermittele wegen des Verdachts der versuchten Anstiftung zu einem Tötungsdelikt gegen unbekannt. 

Im August wurde laut „Bild“ erneut ein Anschlagsversuch auf den Rocker unternommen. Auf das Anwesen in Geesthacht (Kreis Herzogtum Lauenburg) sei am 16. August geschossen worden. Am Tag darauf hätten die Hells Angels die Attentäter gejagt. Bei der Polizei ging ein Notruf ein, woraufhin die Beamten den 33 Jahre alten Rocker festnahmen. 

Das Landeskriminalamt in Kiel bestätigt, dass Zeugen in der Nacht zum 16. August in Geesthacht Schüsse meldeten. Die Polizei fand Patronenhülsen. Am Tag darauf nahmen die Beamten nach einem abgebrochenen Notruf vier Männer in der Kleinstadt an der Elbe fest. Dabei waren auch Spezialkräfte im Einsatz. Gegen einen 33-jährigen Türken aus Geesthacht sei wegen Verstößen gegen das Waffenrecht ein Haftbefehl erlassen worden, teilt die Polizei mit. Die drei anderen kamen wieder frei. 

Zwei Männer sterben

Am Abend des 1. September fallen nahe den Hamburger Messehallen tödliche Schüsse. Zwei Männer im Alter von 33 und 47 Jahren sterben auf einem Gewerbehof an der Lagerstraße. Ein 48-Jähriger wird schwer verletzt. Die Ermittler gehen davon aus, dass Täter und Opfer sich kannten. Es gebe Anhaltspunkte für eine mögliche Auseinandersetzung im Milieu, erklärte die Staatsanwaltschaft, ohne bislang weitere Details zu nennen. Erst am 26. Juni hatten Unbekannte eine Handgranate auf den Gewerbehof geworfen, die dort detonierte und Sachschäden anrichtete.

Knapp zwei Wochen nach der Tat an der Lagerstraße schießen zwei maskierte Männer in einem türkischen Kulturverein im Stadtteil Ottensen auf einen 14-Jährigen und verletzen ihn am Oberschenkel. Ein 20-Jähriger erleidet mehrere Stichverletzungen, wie die Polizei weiter mitteilt. Nach der Tat flüchten die Täter. Eine Fahndung bleibt ohne Ergebnis.

Schüsse vor Drogenhilfeeinrichtung in Harburg

Für große Verunsicherung in Harburg sorgen am 15. September Schüsse vor einer Drogenhilfeeinrichtung. Sie treffen einen 55-Jährigen am Bein und verletzen ihn lebensgefährlich. Bereits am 15. Juni hatte vor der Drogenhilfeeinrichtung Abrigado am Schwarzenbergpark mutmaßlich ein 21-Jähriger auf einen 45 Jahre alten Mann geschossen und ihn am Bein verletzt. 

Im Zusammenhang mit dieser früheren Tat hatte die Polizei am 18. August einen mutmaßlichen Hintermann festgenommen. Spezialkräfte führten ihn im Stadtteil Neugraben ab. Der Türke stehe im Verdacht, die Tat in Harburg in Auftrag gegeben zu haben, hieß es. Am 1. September nahm die Polizei in Hamburg-Heimfeld den mutmaßlichen Schützen fest, einen 21-jährigen Türken. Er kam in Untersuchungshaft. 

Um eine nahegelegene Schule zu beschützen, beauftragte das Bezirksamt Harburg zu Beginn des aktuellen Schuljahres einen Sicherheitsdienst. Zu Unterrichtsbeginn und -ende ist auch die Polizei vor Ort, wie der Senat auf eine Kleine Anfrage der AfD-Bürgerschaftsfraktion mitteilt. Die Schule soll auch eine Videoüberwachung bekommen. Ein benachbartes Bildungszentrum schützt sich bereits auf diese Weise. Außerdem soll der Zaun beziehungsweise die Mauer um das Schulgelände erhöht werden. 

Zwei Verletzte in Billstedt

Auch in anderen Stadtteilen sind mehrfach Schüsse gefallen. In der Nacht zum 3. Oktober verletzt ein 28-jähriger Türke nach Polizeiangaben einen Gleichaltrigen bei einem Streit in Billstedt. Bei dem folgenden Gerangel zwischen mehreren Männern löst sich ein weiterer Schuss, der den Schützen selbst verletzt. 

In der Nacht zum 4. Oktober schießen Unbekannte auf eine Shishabar an der Grindelallee im Stadtteil Rotherbaum und auf einen Lebensmittelgroßhandel im Stadtteil Barmbek-Nord, bei dem es sich Medienberichten zufolge um einen Großhändler für veganen Döner handelt. In der Nacht zum 5. Oktober treffen Schüsse eine iranische Bank in der Innenstadt. 

Verletzte in Steilshoop und Lohbrügge

Im August waren weitere Taten mit Schusswaffeneinsatz verübt worden. Am 8. August wird nach Polizeiangaben ein Mann im Stadtteil Steilshoop angeschossen. Am 27. August treffen Schüsse im Stadtteil Lohbrügge einen 36-Jährigen. Er erleidet schwere Verletzungen. Am 1. September wird ein 35-Jähriger mit Schussverletzungen in Seevetal unmittelbar südlich von Hamburg aufgefunden. Er wird in ein Krankenhaus gebracht und notoperiert.

Offenbar ohne gravierende Folgen bleiben in der Nacht zum 12. September Schüsse auf einen Linienbus im Stadtteil Neugraben-Fischbek. Die Polizei stellt mehrere Einschusslöcher in den Scheiben des HVV-Busses fest. Als mutmaßlichen Täter ermitteln die Beamten einen 17-Jährigen. Er soll Streit mit einer 16-Jährigen gehabt haben, die daraufhin in den Bus geflüchtet war. Im Keller des 17-Jährigen findet die Polizei eine Luftdruckwaffe mit Munition. 

AfD spricht von Wildwest-Verhältnissen

Die Gewaltkriminalität ging im vergangenen Jahr in Hamburg offiziell um 5,4 Prozent zurück. Bei der Vorstellung der Kriminalstatistik im Februar hatte der Leiter des Landeskriminalamts, Jan Hieber, von einer „Trendumkehr“ gesprochen.

Die Polizei erfasste 262 Taten, bei denen eine Schusswaffe eingesetzt wurde. Das waren 12 Prozent weniger als im Vorjahr. In nur 16 Fällen - 8 weniger als im Jahr 2024 - sei tatsächlich mit einer scharfen Schusswaffe auf eine Person oder auf einen Gegenstand geschossen worden, heißt es. In den vergangenen vier Monaten kam das in Hamburg mindestens 10 Mal vor.

Die oppositionelle CDU-Fraktion forderte den rot-grünen Senat kürzlich auf, bei Schusswaffenkriminalität nicht länger wegzusehen. „Meldungen über Schusswaffengebrauch im Clanmilieu der organisierten Kriminalität sind in Hamburg unter SPD und Grünen erschreckende Normalität geworden“, erklärt der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Dennis Gladiator.

AfD-Fraktionschef Dirk Nockemann sagt: „Schüsse auf Menschen und Geschäfte auf offener Straße: Das sind untragbare Wildwest-Verhältnisse mitten in Hamburg, die wir nicht länger hinnehmen dürfen.“ 

Polizei: Gefahr für Unbeteiligte sehr gering

Polizei und Innenbehörde erklären in einer gemeinsamen Stellungnahme, bei der Zahl der Straftaten mit Schusswaffeneinsatz ließen sich enorme Schwankungen zwischen einzelnen Jahreswerten feststellen. Illegale Schusswaffen seien heute verfügbarer als noch vor einigen Jahren. Die Polizei gehe bei allen Fällen der jüngsten Zeit davon aus, dass die Waffen innerhalb krimineller Milieus eingesetzt worden seien. „Die Gefahr, als Unbeteiligter Opfer eines Schusswaffengebrauchs zu werden, ist insofern sehr gering“, erklärt Polizeisprecher Florian Abbenseth.

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